Willibald Cernko, designierter Bank-Austria-Chef, erklärt, was von der BA bleibt, wie er sich mit den Italienern versteht und was edel, kämpferisch und sensibel ist
Willibald Cernko, nächster Bank-Austria-Chef, tritt an, um dem Projekt europäische Kundenbank alles unterzuordnen. Was dabei von der BA übrigbleibt (alles), wie er sich mit den Italienern versteht (prima) und wer für ihn edel, kämpferisch und sensibel ist (Pferde), eruierte Renate Graber.
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STANDARD: Ihre Frau ist Pianistin, sie zitiert gern Jean Sibelius: "Über Musik spricht man am besten mit einem Bankdirektor, weil Künstler reden nur übers Geld." Gilt der Umkehrschluss auch?
Cernko: Er hat eine gewisse Richtigkeit. Wobei: Wenn ich mich überschätze, bezeichne ich mich als musikalisch halbgebildet.
STANDARD: Weil Sie erst spät in die Musik eingeheiratet haben?
Cernko: Ja, das magische Datum: 12. September 2002, da habe ich meine Frau kennengelernt.
STANDARD: Am 13. September hat Ex-Bank-Austria-Chef Randa Geburtstag, einer Ihrer Förderer.
Cernko: Das habe ich dabei nicht berücksichtigt.
STANDARD: Der 1. Oktober 2009 wird das nächste magische Datum? Da werden Sie Bank-Austria-Chef.
Cernko: Ja, auch magisch.
STANDARD: Klingt nicht begeistert.
Cernko: Doch, meine Arbeit ist mir wichtig, hatte für mich immer einen hohen Stellenwert. Das haben manche nicht so gern gesehen.
STANDARD: Ihre erste Frau?
Cernko: Zum Beispiel.
STANDARD: Sie hatte aber auch vier Kinder großzuziehen.
Cernko: Stimmt. Aber ich bin halt ein Ehrgeiziger, ein Fleißiger.
STANDARD: Und sicher der erste BA-Chef mit eigenem Plattenlabel ...
Cernko: Ich bin nur Minderheitsbeteiligter. Da geht es nicht um Geschäft, sondern um Lust an Kultur, Klassik, Neuer Musik. Die Idee ist mit dem Künstler Gustav Kuhn verbunden und getragen vom Grenzen-Ausloten, Ausbrechen aus dem normalen Kulturbetrieb.
STANDARD: Sie selbst sind nie ausgebrochen, haben vor 25 Jahren in der Creditanstalt begonnen und sind sehr zielstrebig hinaufgeklettert.
Cernko: Stimmt so nicht. Ich habe Dinge gemacht, die man in einer normalen Laufbahn eines Generaldirektors nicht findet. Ich war Schulabbrecher, fünf Jahre beim Militär, war auf den Golanhöhen. In der Sechsten habe ich mich vom bischöflichen Knabenseminar in Graz getrennt und gewechselt; in der Siebenten habe ich beschlossen: Es reicht mit der Schule. Dann ging ich durch die Läuterung des Bundesheers; als ich keinen Entfaltungsspielraum in dieser Riesenorganisation mehr sah, holte ich Matura und Ausbildung nach.
STANDARD: Und landeten in der Riesenorganisation Creditanstalt.
Cernko: Ja, und hatte immer Freiraum. Bis heute habe ich nicht erlebt, dass jemand mit einer relevanten Entscheidung kommt und sagt: "So ist es." Das werde ich auch in Zukunft nicht erleben.
STANDARD: Vielleicht antizipieren Sie, was man von Ihnen will. Manche Ihrer Beobachter sagen, Sie seien willfährig gegenüber den jeweiligen Eigentümern der Bank. Ob CA-Übernahme durch die Bank Austria, Verkauf an die HVB oder an UniCredit, Sie seien stets schnell auf der Seite der Macht gestanden.
Cernko: Ich bin jetzt 52 ...
STANDARD: Sind Sie nicht 53?
Cernko: Lassen Sie mich doch ausreden ... Oh, tatsächlich, ich bin schon 53. Aber ich fühle mich wie 52. Jedenfalls bin ich kein Mann des vorauseilenden Gehorsams. Ich geb auch nicht auf vor Hürden, ich bin eine Kämpfernatur. Mir ist meine Karriere nicht zugeflogen, ich hatte damals eine Familie mit drei Kindern, musste Geld verdienen. Ich wusste: Ich kann etwas, ich will - und da bin ich beruflich aufs Gas gestiegen. Da, wo andere drei Wenn und Aber sagten, habe ich gesagt: "Ich mach das."
STANDARD: Die Italiener machen auch viel, greifen in der BA immer stärker durch, auch via Divisionalisierung. Werden Sie der letzte Chef einer Bank Austria sein, die für Österreich und Osteuropa zuständig ist?
Cernko: Nein. Die Zuständigkeit zu ändern ist heute kein Thema, wird morgen keines sein. Niemand denkt daran. Und alles, was zum Projekt Divisionalisierung auf den Tisch kommt, wird hier in diesem Haus, in diesem Vorstand beschlossen.
STANDARD: Es heißt aber, Sie reagieren schneller auf die Wünsche der UniCredit als Noch-BA-Chef Hampel. Agieren Sie pragmatisch nach dem Motto "Wer zahlt, schafft an" ?
Cernko: Sicher nicht, so läuft das nicht. Ich bin hier kein Unterschriftenonkel, ich will mitarbeiten und habe gelernt, die Wünsche des Eigentümers zu akzeptieren. Es ist jedem freigestellt, ob er dabei sein will; auch mir. Ich habe in der UniCredit riesige Möglichkeiten gesehen und wurde nie enttäuscht. Ich schätze die UniCredit wahnsinnig, weil sie, wie ich, sehr konsequent ist. Ich hätte beruflich jederzeit etwas anderes tun können.
STANDARD: Was denn?
Cernko: Der Markt ist relativ groß und interessant.
STANDARD: Kurz gesagt, Sie lassen die Eigentümer nicht gegen Türen laufen, sondern öffnen sie.
Cernko: Was ist mein Job? Ich verantworte die Bank in Österreich und Osteuropa und habe die Interessen des Eigentümers wahr- und ernst zu nehmen. Ich muss und will dem Projekt einer europäischen Kundenbank alles unterordnen. Und die Bank Austria soll einen wesentlichen Beitrag dazu liefern. So einfach ist das.
STANDARD: Sehen Sie sich als UniCredit- oder Bank-Austria-Banker?
Cernko: Ich bin UniCredit. Und ich bin Chairman der Bank Austria, die Teil einer Gruppe mit starken regionalen Wurzeln ist, und all das ist kein Widerspruch.
STANDARD: Sie haben eine heiße Zeit vor sich: Nächste Woche dürfte die Entscheidung fallen, dass die BA kein Kapital vom Staat nimmt, Sie müssen mit den Madoff-Geschädigten klarkommen, und in der Causa rund um Spekulationsgeschäfte in Oberwart laufen Ermittlungen.
Cernko: Heiß? Ich nenne das Herausforderungen. Wie immer unsere Entscheidung zum Bankenpaket nächste Woche auch ausfällt, wir werden unsere Kapitalbasis auf jeden Fall stärken.
STANDARD: Wie peinlich ist es, dass einer der Vorstände der Banken-ÖIAG Fimbag, Adolf Wala, Madoff-Geschädigter ist? Er war Kunde der Bank Medici, an der die BA die Sperrminorität hielt.
Cernko: Madoff ist der größte Betrugsfall, den die Welt je sah. Die US-Aufsicht hat fünfmal geprüft, niemand sah das Problem. Und jeder, der in Hedgefonds investiert, weiß, dass das kein Sparbuch ist.
STANDARD: Ihre Kunden wussten nicht, dass alles bei Madoff landet.
Cernko: Wir sind überzeugt, dass wir unsere Aufklärungspflichten erfüllt haben. Weil manche anders denken, müssen wir uns letztlich einer Gerichtsentscheidung stellen. Zu Oberwart: Wir sehen keine strafrechtliche Relevanz, führen aber Vergleichsgespräche mit Kunden, die sich schlecht beraten fühlen. Wissen Sie, falsche Zukunftseinschätzungen sind zwar bedauerlich, aber es wird sie immer geben. Mit Historikerblick in die Vergangenheit ist alles einfach.
STANDARD: Die häufigste Banker-Ausrede der Gegenwart.
Cernko: Aber die letzten Jahre vor der Krise ging es doch nur bergauf, der Begriff Risiko wurde immer kleiner geschrieben. Wir alle wollten am Erfolg teilhaben, alle wollten das schnelle Geld machen.
STANDARD: Apropos Geldmachen. Ihr Sohn Leonard ist einer der besten österreichischen Köche, Sie selbst sind bekennender Genussmensch, kochen auch gern ...
Cernko: Auf den Genussmenschen weist meine Figur hin. Ich koche gern Bodenständiges, und, bevor Sie fragen, nicht nur italienisch, sondern ich kann auch Schweinsbraten gut. Ich ess ihn auch gern.
STANDARD: Sie trinken aber lieber burgenländischen Roten als italienischen Roten ...
Cernko: Ja.
STANDARD: ... es heißt, Sie seien der SPÖ beigetreten, im Lauf Ihrer Karriereplanung.
Cernko: Bin ich nicht.
STANDARD: Weil wir beim Lebensstil sind: Warum halten Sie sich, mit Ihrem Freund RZB-Vorstand Strobl gemeinsam, vier Rennpferde?
Cernko: lch bin vom Lebewesen Pferd fasziniert. Pferde haben mit Erobern, Zivilisation zu tun, sind edel, kämpferisch, sehr sensibel.
STANDARD: Cubacandy war lang das beste Rennpferd Österreichs, Sie haben ihn selbst ausgesucht ...
Cernko: Wir mussten ihn einschläfern. Er ist im Dezember verunglückt. In Italien auf der Rennbahn.
STANDARD: Ausgerechnet. Sie haben drei Reitpferde, Rennpferde, leben im großen Penthouse: Passt alles gut zum Bank-Generaldirektor ...
Cernko: Das hat damit gar nichts zu tun, andere haben andere Hobbys, und die Reitpferde gehören meiner Frau. Weil sie wegen ihrer Hände nicht vom Pferd fallen soll, haben wir nur charakterfeste Pferde mit stabilem Nervenkostüm.
STANDARD: Pferde, die besseren Menschen?
Cernko: Das würde ich so nicht sagen. Aber man bekommt von ihnen das zurück, was man gibt.
STANDARD: Im Gegensatz zum Bankgeschäft?
Cernko: Das ist eine Graber'sche Interpretation.
STANDARD: Letzte Frage: Worum geht's im Leben?
Cernko: Der Einsicht gemäß zu leben, dass Geld allein nicht alles ist. (Renate Graber, DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.9.2009)
Zur Person
Willibald Cernko (53) wuchs mit Mutter und vier Geschwistern in Knittelfeld auf, sein Vater war 1967 verunglückt. 1985 kam er zu CA. Schmidt-Chiari schickte ihn in den Osten, CA-Käufer Randa förderte ihn, ab 2003 war er im BA-CA-Vorstand, 2005 in UniCredit-Gremien. Als HVB-Vorstand sanierte er das deutsche Retailgeschäft, am 1. Oktober beerbt er Erich Hampel.