Tagung

Kinder mit Down-Syndrom werden oft unterfordert

Markus Pehersdorfer, 25. September 2009 15:25

Eltern von Kindern mit Trisomie 21 fordern mehr Unterstützung, mehr Information über Entwicklungspotenziale und bessere Integration in der Schule

Salzburg - Als Birgit Brunnsteiner (33) im Vorjahr ihren Sohn Noah zur Welt brachte, wurde sie von der Diagnose überrascht: Noah hat statt der üblichen zwei Kopien des Chromosoms 21 drei in seinem Erbgut. Bekannt ist diese Chromosomenveränderung als Trisomie 21 oder Down-Syndrom. Gesagt wurde ihr das am Tag nach der Geburt, erzählt die Oberösterreicherin: "Man fällt in ein Loch. Ich habe keine Erinnerung an die folgenden zwei Stunden. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Down-Syndrom, das waren für mich die 40-Jährigen in der Lebenshilfe."

"Nicht das Ende der Welt"

Heute weiß Brunnsteiner: Ihr damaliger Schock war weit heftiger als nötig. Denn Menschen mit Down-Syndrom leben heute länger und erreichen weit mehr als noch vor wenigen Jahren. "Man darf Eltern das Down-Syndrom nicht als das Ende der Welt präsentieren", forderte Brunnsteiner. Sie ist eine von 600 Teilnehmern der dritten österreichischen Down-Syndrom-Tagung, die am Freitag in Salzburg begonnen hat. "Es ist notwendig, die Öffentlichkeit immer wieder auf die enormen Potenziale und die Lebensfreude der Menschen mit Down-Syndrom aufmerksam zu machen", sagte Brigitte Sebald, Vorsitzende des Vereins Down-Syndrom Österreich, anlässlich der Eröffnung.

Lebenserwartung stark gestiegen

Jährlich werden in Österreich zwischen 100 und 120 Kinder mit Down-Syndrom geboren. Insgesamt leben hier zu Lande Schätzungen zufolge um die 8000 Menschen mit Trisomie 21, weltweit sind es um die vier Millionen. Das Syndrom führt in der Regel zu Entwicklungsauffälligkeiten, leichten körperlichen und zumeist auch geistigen Einschränkungen. Im Alter von etwa 40 Jahren treten bei fast allen Betroffenen Anzeichen der Alzheimer-Krankheit auf. Die Lebenserwartung der Menschen mit Trisomie 21 ist allerdings in den vergangenen Jahren von durchschnittlich neun auf etwa 60 Jahre angestiegen.

Kritik an Pränataldiagnostik

Etwa 0,1 bis 0,2 Prozent aller Menschen kommen mit dem Syndrom zur Welt - die Wahrscheinlichkeit dafür steigt mit dem Alter der Mutter. Ab einem Alter von 35 Jahren empfehlen Ärzte bei Verdacht werdenden Müttern häufig den Einsatz invasiver Verfahren der Pränataldiagnostik. Diese würden viel zu leichtfertig eingesetzt, kritisierte die deutsche Behindertenpädagogin Etta Wilken: Immerhin sei das Risiko, ein gesundes Kind durch einen solchen Eingriff zu verlieren, mindestens gleich hoch wie die Wahrscheinlichkeit für das Down-Syndrom.

Mehr öffentliche Unterstützung gefordert

Die Botschaft müsse vielmehr lauten: "Es ist lebenswert, mit einem Kind mit Down-Syndrom zu leben", forderte Wilken; "da, wo Hilfen notwendig sind, müssen diese Hilfen gegeben werden." In Österreich gebe es viel zu wenig Unterstützung für Menschen mit Down-Syndrom, ihre Eltern und Pädagogen, so der Tenor zu Beginn der Tagung: "Lokale Netzwerke, frühe Hilfen - das ist das, was mir in Österreich abgeht und was wir brauchen", sagte Peter Braun, der Direktor des Bildungszentrums St. Virgil, wo die Tagung stattfindet. Auch Bund und Länder seien gefordert: "Zivilgesellschaftliches Engagement ist wichtig und notwendig, darf aber nicht ausgenutzt werden."

Kompetenzzentrum in Leoben

Die wichtigste Einrichtung für Menschen mit Down-Syndrom in Österreich ist das "Leben Lachen Lernen"-Kompetenzzentrum in Leoben, wo Betroffene gefördert, Angehörige beraten und Öffentlichkeitsarbeit zum Thema betrieben werden. Für die pädagogische Leiterin des Zentrums, Bernadette Wieser, selbst Mutter einer 15-jährigen Tochter mit Down-Syndrom, sind die Entwicklungspotenziale von Kindern und Jugendlichen mit Trisomie 21 öffentlich noch viel zu wenig bekannt: "So viel, wie wir Menschen mit Down-Syndrom zutrauen, können sie auch erreichen."

Vorschnell "schwerstbehindert"

In Anbetracht dessen sei es "ein echter Skandal" und eine "Entwürdigung für die Kinder, wenn die am ersten Volksschultag schon mit dem imaginären Stempel 'Schwerstbehindert' in der Schule sitzen" - in Österreich würden 80 Prozent der Down-Syndrom-Kinder sofort mit Schuleintritt automatisch in den "Schwerstbehinderten-Lehrplan" eingestuft. Oft komme es dadurch zu einer "brutalen Unterforderung", den Kindern werde die Chance zum Erlernen von Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen genommen.

Freizeitangebote fehlen

Dieses Jahr widmet sich die Tagung vor allem den Herausforderungen für Jugendliche mit Down-Syndrom. Für diese Altersgruppe fehlen oft passende Freizeitangebote, sagte Wilken: "Wo trifft man als Jugendlicher mit Down-Syndrom andere junge Leute, mit denen man sich austauschen kann?" Auch die Berufsausbildung "orientiert sich noch nicht hinreichend an den Vorlieben und Kompetenzen der Jugendlichen". Viele von ihnen hätten überdurchschnittlich hohe soziale Fähigkeiten. In Deutschland etwa arbeiteten zahlreiche erfolgreich in Seniorenheimen: "Sie sind zwar oft etwas langsamer - aber das bekommt den alten Menschen ganz gut." (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 25.09.2009)

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Posting 1 bis 25 von 34
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Eva Meyer
26.09.2009 10:34
auf der einen Seite wird eine Abtreibungsklinik gefeiert und

und hier heißt es "Es ist lebenswert, mit einem Kind mit Down-Syndrom zu leben"

Chocoholic
28.09.2009 09:37
Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Chocoholic
28.09.2009 09:36
Fangen Sie schon in der Frueh an zu trinken?

Jene Grüne Straßenkatze
26.09.2009 18:47
...

Das ist nur ein Widerspruch, wenn man fundamentalistische Propaganda glaubt, in der Abtreibung mit den Behindertenmorden der Nazis gleichgesetzt wird.

Leo Naphta
27.09.2009 10:02

... und jetzt erlären Sie bitte den Unterschied.

Ich warte

Chocoholic
28.09.2009 09:36
Ja, hab ich mir gedacht. Alkohol in der Frueh schon so viel, dass Sie sogar beim Schreiben lallen.

Kathi1609
 
28.09.2009 12:29
Strike.

;-)

verstärkerschamane
26.09.2009 20:15

bei den nazis wurden sie abgetrieben wenn sie nicht ins lebenskonzept der partei passten,
bei uns werden sie abgetrieben wenn sie nicht ins lebenskonzept der mutter passen

vanille
12.10.2009 10:26
ganz schön überheblich

Tethys
28.09.2009 14:26
wenn sie nicht ins lebenskonzept der mutter passen

Nur der Mutter?
Lebenskonzept?

Ein behindertes Kind aufzuziehen braucht viel Kraft, ein Leben lang. Ich bewundere Menschen, die das schaffen. Ich verstehe Menschen, die sich das nicht zutrauen. Ich verurteile niemanden. Schon gar nicht mit primitiven Aussprüchen wie " wenn sie nicht ins lebenskonzept der mutter passen". Und eine persönliche Entscheidung mit der Tötungsmaschinerie der Nazis zu vergleichen ist wohl letztklassig, denn es zeigt, dass Sie nicht verstanden haben, was hinter dem Konzpet der Nazis stand und auch nicht, wie es zu der persönlichen Entscheidung einer Abtreibung kommt.

Ali Ovissi
 
26.09.2009 22:51

Und? Während der Nazizeit war auch Rauchen geächtet, sind jetzt alle Nichtraucher Nazis? Nicht alles kann man mit den Nazis vergleichen.

Abtreibung ist ein emotionale Thema, besonders wenn jemand (meistens religiöse) das Leben mit der Befruchtung der Eizelle definieren.
Dann gilt meistens das Leben der Mutter nichts, und das ungeborene ist mit allen Mitteln zu schützen.

Auch die Eltern welche ein Kind wollen haben ein Recht auf ein erfülltes Leben und Kinderplanung. Und Behinderte Kinder sind per se nicht Gesund.

Ich und meine Lebenspartnerin sind der Meinung sollte zukünftig unser ungeborenes eine Behinderung haben, welches prenatal Diagnostiziert wird, wird abgetrieben.

postfuchs3
27.09.2009 19:54
Meines Wissens nach haben

sich Ärzte bei einer solchen Diagnose auch schon geirrt.
Abgesehen davon finde ich solch einen Standpunkt einfach nur traurig!!

Kathi1609
 
27.09.2009 18:54
Sicherheitshalber sollten Sie sich vorher noch

die Tatsache bewusst machen, dass die große große Mehrheit der Behinderungen NACH der Geburt entsteht.
Durch einen Unfall oder eine danach ausbrechende Krankheit.

Was tun Sie und Ihre Partnerin in so einem Fall mit dem Kind, wenn es dann nicht mehr in Ihr "erfülltes Leben" passt?

Jede/r wie er/sie will, aber diese Tatsache bedenken die wenigsten.

Leben ist Risiko und Sicherheit gibt es nie.

Wer das nicht bereit ist, anzunehmen, sollte sich eher eine Katze zulegen.

(Übrigens bin ich Befürworterin der Fristenlösung, stehe der PND aber kritisch gegenüber - genau wegen dieser "übersehenen" Details.)

Ärzte, die mit PND Eltern "Sicherheit" vorgaukeln, handeln in meinen Augen fast schon fahrlässig.

Ali Ovissi
 
30.09.2009 19:01

Es ist mir klar dass es immer ein Risiko gibt, und wie ich geschrieben habe "wenn es prenatal Diagnostiziert wird" Ansonsten ist es Schicksal.

die kritik
27.09.2009 15:14

es ist traurig zu hören das sie glauben menschen mit down syndrom seien nicht gesund. nur zur information sie verfügen über das chromosom 21 drei mal, sie nur zwei mal.
also wem fehlt etwas?

Ali Ovissi
 
30.09.2009 19:12

Es ist eine Chromosomenanomalie und Down Syndrom ist per Definition eine Erbkrankheit.
Was für körperliche und geistige Nachteile das Syndrom kennzeichnet kann jeder zB auf Wikipedia nachlesen.

John Luck Pickert
26.09.2009 15:07

sind die jetzt verzweifelt, weil sie nicht mehr wissen welche politisch korrekte haltung die gesellschaft von ihnen erwartet?

xv22
26.09.2009 14:34

Es lebe die Vielseitigkeit

ValieImport
26.09.2009 09:21
Lehrplan für Schwerstbehinderte

schützt das Kind mit Down-Syndrom vor Überforderung, was das Lerntempo anlangt, das mindestens die dreifache Zeit ausmacht im Unterschied von Kindern ohne diesem Syndrom. Ausserdem wird durch die gerechtfertigte Diagnose eine Zusatzlehrkraft zur Verfügung gestellt, die professionellen Umgang mit dieser Art von Lebensbewältigung hat.Nicht jede/r Grundschullherer/in ist mit Sonderpädagogik im Ausbildungspaket bestückt.

A. Sieberer
26.09.2009 11:21

Im Besten Fall ist es so.
In der Realität sieht es anders aus. Da werden die Kinder stundenlang von der Stützkraft aus ihren Klassen genommen, um sie "besonders" zu fördern, damit sie nicht stören, vorzugsweise in Deutsch und Mathe. Stattdessen gibts Kochen, Basteln, Spiele, Malen bis der "Stift richtig gehalten wird", was mit Schreiben lernen nicht wirklich was zu tun hat.
Die anderen Kinder dürfen am Down-Syndrom Kind ihre soziale Entwicklung üben, ihm helfen, abnehmen was geht. Langsamkeit und Intensität, die den meisten "Downies" eigen ist wird kaum als Qualität gesehen, sondern als Hinderung, etwas woran man ziehen und schieben muss.
Wenn sie an "typischer Weise bockig werden", hat das wenig mit Überforderung mehr mit Ignoranz zu tun.

Chocoholic
25.09.2009 21:15
In meinem Bekanntenkreis hat vor 25 Jahren eine Frau ein Kind mit Down Syndrom bekommen,

die hat schon damals 2/3 ihrer Zeit damit verbringen muessen, korrekte und fordernde Programme fuer ihr Kind zu finden. Ein Jammer, dass es nach all dieser Zeit noch immer nicht viel leichter geworden ist.

Kathi1609
 
25.09.2009 21:47
ich glaube, es wird sogar schwieriger.


durch die pränataldiagnostik entscheiden sich immer weniger paare, ein kind mit down syndrom zu bekommen.
dementsprechend weniger akzeptanz hat die gesellschaft für die wenig "verbliebenen" übrig.
nach dem motto: muss ja nicht sein.

"früher" wurde man bemitleidet und schief angeschaut.
heute wird man bemitleidet, schief angeschaut, und bekommt von wildfremden zu hören: "hätten'S das kind ja nicht kriegen müssen."


soweit ich weiß, hat in spanien so ein "hascherl" einen uni-abschluss.

und ja, ich weiß, die krankheit kann unterschiedliche schweregrade haben, von doktortitel zu völlig hilflos.
aber das ist kein "argument".
alle verdienen eine ihnen entsprechende förderung und respekt.

Chocoholic
28.09.2009 09:44
Was ich an der Diskussion ob der Frueherkennung immer so arg finde,

dass ja viele gar nicht wissen, dass diese Diagnostik ja niemals nachgewiesen werden kann, weil das Kind ja abgetrieben wurde, sohin kein Beweis stattfinden kann, dass die Fruehdiagnostik nicht gestimmt hat. Bzw. wer prueft schon am abgetriebenen Embryo nach, der Arzt, der dazu geraten hat, sicherlich nicht. Und diejenigen, die es behalten haben, um zu beweisen, dass es gar nicht dazu gekommen ist, sind halt nur wenige. Ich moechte gar nicht wissen, wie viele gesunde Babies von verzweifelten Eltern abgetrieben worden sind, die natuerlich aus psychologischen Gruenden danach sehr an der Frueherkennung festhalten werden, diese verteidigen werden bis aufs Blut, ansonsten muessten sie der Wahrheit ins Auge schauen.

Kathi1609
 
28.09.2009 12:34
Korrekt.


Ebenfalls gibt es viele, die irgendwann zwischen Tür und Angel aufgeklärt werden, dass das Risiko, dass ein gesundes Kind durch eine Fehlgeburt stirbt (weil dieses Risiko bei der Fruchtwasserpunktion sehr hoch ist), in den meisten Fällen höher ist als die Wahrscheinlichkeit, dass der Verdacht auf die Behinderung sich bewahrheitet.

Pränataldiagnostik ist ungefähr der Schwangerschafts-Spiegel der klinischen Geburtshilfe: ein Geld- und Zeitfaktor und ein Gebiet, in dem die wenigsten Ärzte das tatsächliche Verhältnis von Risiko und Nutzen einer Maßnahme kennen.

Aber das darf man nicht sagen, weil es natürlich selbstverständlich ist, dass ALLE Ärzte nur aus humanitären Motiven handeln und sowieso ALLEALLE schon wissen, was sie tun ...

samba cat
26.09.2009 23:45
bekommt man zu hoeren? wer ist "man"?

komisch, ich les immer nur im forum hier, dass angeblich die gesellschaft so boese und behindertenfeindlich ist. jeder, wirklich ausnahmslos jeder, den ich kenne, hat nichts ausser groesstem respekt und bewunderung fuer eltern von behinderten kindern. du solltest mal deinen bekanntenkreis ueberdenken.

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