"Zwiespältig" ist für Egon Krenz, den letzten DDR-Staatsratschef, die Erinnerung an 1989 - Er hält die DDR noch heute für das bessere Deutschland - STANDARD-Interview
Es ist nicht einfach, Egon Krenz, der an der mecklenburg-vorpommerischen Ostseeküste lebt, zu kontaktieren. Er gebe anlässlich des 20. Jahrestags des Mauerfalls keine Interviews, erklärt seine Sprecherin. Doch dann ist er doch bereit, mit dem Standard zu telefonieren. Kritische Fragen jedoch beantwortet Krenz längst nicht alle. Über Mauertote und den großen Bruder Sowjetunion sprach Birgit Baumann mit ihm.
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Standard: Deutschland feiert den 20. Jahrestag des Mauerfalls. Wie geht es Ihnen dabei?
Krenz: Meine Empfindungen sind zwiespältig: Zweifelsfrei ist der 9. November 1989 ein bedeutendes geschichtliches Datum. Die DDR-Führung hatte sich damals für den freien Reiseverkehr entschieden. Eigentlich sollte dieser Beschluss am 10. November in Kraft treten. Doch durch eine falsche Information meines Politbürokollegen Günter Schabowski kamen am 9. November 1989 abends bereits sehr viele Menschen an die Grenze. Da die Grenztruppen der DDR zu diesem Zeitpunkt aber noch keine Befehle zur Öffnung hatten, entstand damals eine äußerst gefährliche Situation. Ich stand vor der Gewissensfrage: Lassen wir den Dingen freien Lauf, oder setzen wir die bewaffnete Macht zur Grenzsicherung ein? Wir haben uns gegen Gewalt entschieden.
Standard: Was war das Gefährliche? Die DDR-Bürger kamen ja alle in friedlicher Absicht zur Grenze.
Krenz: Eine falsche oder überhastete Entscheidung hätte Bürgerkrieg bedeuten können. Es bestand sogar die Gefahr, dass die Großmächte in militärische Auseinandersetzungen hätten hineingezogen werden können. Schließlich beharrten diese noch auf dem Vier-Mächte-Status von Berlin. Als wir in der Nacht zum 10. November die Grenzübergänge öffneten, war dies weder dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow noch den anderen Verbündeten der DDR bekannt, obwohl die Errichtung der Grenzsperranlagen 1961 ein Beschluss aller europäischen sozialistischen Länder war. Dass am 9. November 1989 Sekt und kein Blut floss, ist in erster Linie das Verdienst der Sicherheitsorgane der DDR.
Standard: Die allwissende DDR-Führung war von dem Ansturm am 9. November 1989 aber auch ziemlich überrascht.
Die Frage bleibt unbeantwortet
Standard: Was ist das Zwiespältige bei Ihren Erinnerungen?
Krenz: Ich hätte mir 1989 nicht im Traum vorstellen können, dass Deutschland schon wenige Jahre später im früheren Jugoslawien und in Afghanistan wieder im Krieg steht. Die DDR hat 1989 nicht Gewalt verhindert, damit im vereinten Deutschland Soldaten am Hindukusch ihr Blut vergießen.
Standard: Hätte die DDR länger bestanden, wenn man früher Reisefreiheit gewährt hätte?
Krenz: Glaube ich nicht. Die DDR entstand im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges und des nachfolgenden Kalten Krieges. Sie war auch ein Kind der Sowjetunion. Als die Sowjetunion auf dem Sterbebett lag und die Gorbatschowführung hinter dem Rücken der DDR ihre Bündnispartner aufgab, war auch das Schicksal der DDR besiegelt.
Standard: Wann war Ihnen klar, dass das System zusammenbricht?
Krenz: Nach dem Treffen Gorbatschows mit US-Präsident George Bush senior Anfang Dezember 1989 auf Malta. Noch am 1. November 1989 hatte mir Gorbatschow gesagt, dass die deutsche Einheit nicht auf der Tagesordnung steht. Ich vertraute ihm. Ich wusste damals noch nicht, dass seine Emissäre sich bereits im Bundeskanzleramt in Bonn nach dem Preis, den Moskau für seine Zustimmung zur deutschen Einheit erhalten würde, erkundigt hatten.
Standard: Wenn Sie heute zurückblicken - was waren die größten Fehler der DDR? Die Toten an der Mauer? Das Wegsperren Andersdenkender?
Krenz: Wir haben es nicht vermocht, unsere tatsächlichen Fortschritte im ökonomischen, sozialen und politischen Bereich auch als historische Fortschritte für jeden Einzelnen deutlich zu machen. Erst jetzt, da es die DDR nicht mehr gibt, wird vielen Ostdeutschen bewusst, was sie verloren haben: ein Land ohne Arbeitslosigkeit, ohne Obdachlosigkeit, ohne Bildungsnotstand.
Standard: Da wird doch im Nachhinein vieles einseitig verklärt.
Krenz: Nein, solche Erinnerungen haben nicht in erster Linie etwas mit "Nostalgie" zu tun. Sie entstehen in der Auseinandersetzung mit den Realitäten von heute. Wie in jedem Land, so gab es leider auch in der DDR Unrecht. Es ist aber bedauerlich, dass bestimmte Meinungsmacher die DDR auf Mauer, Stacheldraht und Freiheitsberaubung reduzieren.
Standard: Das waren aber Fakten.
Krenz: Die DDR war wesentlich mehr, und die Mauer ist nicht vom Himmel gefallen. Kein Geringerer als US-Präsident John F. Kennedy sagte 1961 über sie: "Keine besonders angenehme Lösung, aber eine Mauer ist verdammt noch mal besser als ein Krieg." Sie markierte nicht nur eine deutsch-deutsche Grenze, sondern war weltweit einmalig: Systemgrenze zwischen Kapitalismus und Sozialismus, Blockgrenze zwischen Nato und Warschauer Vertrag.
Standard: Menschen starben an der Grenze. Lässt Sie das kalt?
Krenz: Ich habe immer Tote und Verletzte an der Grenze bedauert. Jeder war einer zu viel. Doch ich wäre unehrlich, würde ich nicht hinzufügen: In der Zeit des Kalten Krieges, der dem Wesen nach der Dritte Weltkrieg war, immer am Rande eines möglichen Atomkrieges, wäre eine einseitige Veränderung an dieser Grenze durch die DDR unmöglich gewesen.
Standard: Sie schreiben in Ihrem Buch "Gefängnisnotizen" von "meiner Mitschuld am Scheitern der DDR" . Worin bestand diese?
Diese Frage lässt Krenz unbeantwortet.
Standard: Was war besser in der DDR als in der BRD?
Krenz: Dass die DDR bis heute der einzige deutsche Staat ist, der nie einen Krieg geführt hat - das ist für mich die bedeutende historische Leistung der DDR.
Standard: Warum waren die Menschen dann so unzufrieden, wenn alles so schön war?
Darauf antwortet Krenz nicht.
Standard: Den Einfluss der SED war vielen auch zu groß.
Auch dazu schweigt Krenz.
Standard: Das Spitzelsystem der Stasi erwähnen Sie gar nicht?
Krenz: Solange die Archive des Bundesnachrichtendienstes und anderer Geheimdienste der Bundesrepublik nicht genau so geöffnet sind wie die des Ministeriums für Staatssicherheit, gibt es für eine solche Diskussion keine gleichen Bedingungen. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.9.2009)
Zur Person: Egon Krenz (72) machte in der
DDR-Jugendorganisation FDJ Karriere. Von 1971 bis 1990 war er
Abgeordneter der Volkskammer, ab 1973 Mitglied des Zentralkomitees (ZK)
der SED. 1983 wurde er zum ZK-Sekretär gewählt. Mit der Ernennung zum
Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatsrates wurde Krenz 1984 zum
zweiten Mann hinter Erich Honecker. Am 18. 10. 1989 versuchte die
DDR-Führung dem Zerfall gegenzusteuern. Honecker wurde abgesetzt, Krenz
folgte ihm als Staatsratsvorsitzender und SED-Generalsekretär.