Am 30. September 1989 verkündet BRD-Außenminister Genscher den DDR-Flüchtlingen in der Prager Botschaft, dass sie in den Westen dürfen
Am 30. September 1989 verkündet BRD-Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) den DDR-Flüchtlingen in der Prager Botschaft, dass sie in den Westen dürfen. Den bewegenden Moment beschreibt er Birgit Baumann.
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Standard: Ab wann war Ihnen 1989 klar, dass die DDR nicht mehr lange existieren wird? Schon bei der Grenzöffnung zwischen Österreich und Ungarn im Mai?
Genscher: Im September 1988 hatte ich ein Gespräch mit dem sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse bei den UN in New York. Ich wies darauf hin, dass im Sommer 1989 mit Massendemonstrationen in der DDR zu rechnen sei. Ich fügte hinzu, es dürfe sich nicht wiederholen, was am 17. Juni 1953 in der DDR geschah, als sowjetische Panzer aus den Kasernen ausrückten und auf deutsche Bürger schossen.
Standard: Wie reagierte die Sowjetunion darauf?
Genscher: Schewardnadse sagte damals, nach Meinung des Kreml sei die DDR stabil, aber er wolle Michail Gorbatschow berichten. Im Mai 1989 sah man das in Moskau offensichtlich ähnlich wie ich. Die Massenflucht nach Ungarn und dann nach Prag und Warschau bestätigte mich in meinen Erwartungen. Wann die Mauer fallen würde, konnte niemand voraussehen.
Standard: Wenn Sie an das Jahr 1989 zurückdenken, welcher war der bewegendste Moment für Sie?
Genscher: Ganz sicher der Abend auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag. Das war am 30. September 1989. Tausende DDR-Flüchtlinge harrten dort im Garten aus und wollten nach Westdeutschland weiterreisen. Hinter mir lag eine Woche schwierigster Verhandlungen am Rande der UN-Vollversammlung in New York - mit den Außenministern Eduard Schewardnadse und Oskar Fischer, also Moskaus und Ostberlins. Dann hatte ich endlich ihr Ja zur Ausreise bekommen.
Standard: Als Sie dies vom Balkon der Botschaft aus den Menschen verkündeten, war der Jubel unbändig. War Ihnen da schon klar, welche Folgen dies haben würde?
Genscher: Das erwartete ich schon, aber noch mehr erwartete ich - und auch hier hatte ich es richtig vorhergesehen - lauten Widerspruch, als ich sagte, dass die Fahrt der Züge durch die DDR gehen würde.
Standard: Sie waren damals gesundheitlich schwer angeschlagen, hatten Herzrhythmusstörungen. Warum war es Ihnen so wichtig, persönlich zu den Menschen in der Botschaft zu sprechen?
Genscher: Ich reiste selbst nach Prag, weil ich für die Menschen im Garten der Botschaft einer von ihnen war. Ich hatte ja auch meine Heimat in der DDR verlassen. Ich konnte auch ihre Sorgen verstehen, aber mir vertrauten sie auch, als ich sagte, es werde ihnen nichts geschehen.
Standard: War der Abend in Prag ein Wendepunkt?
Genscher: Als die Ungarn am 10. September die Grenze nach Österreich öffneten, gab es noch heftigsten Protest der DDR-Führung. Nur zwanzig Tage später stimmte die DDR-Führung der Öffnung der Botschaft in Prag zu. Das war eine Kehrtwendung. Nun war die Mauer auf Dauer nicht zu halten.
Standard: Wer sind für Sie die "Helden" des Jahres 1989?
Genscher: Es waren die Menschen, die ihr Schicksal in die Hand nahmen und versuchten, über Ungarn, Polen und über Prag in den Westen zu kommen. Sie gaben alles auf, um frei leben zu können. Es waren aber in ganz besonderer Weise die friedlichen Demonstranten, die mit den Rufen "Wir sind das Volk" , "Wir sind ein Volk" , "Keine Gewalt!" das Ende der DDR einläuteten. Der Westen konnte mit der Politik der Ostverträge und der KSZE stabile Rahmenbedingungen schaffen für die revolutionären Entwicklungen im sowjetischen Machtbereich. Aber zum Einsturz gebracht wurde die Mauer von den Menschen in der DDR, Polen, der Tschechoslowakei, aber auch von der Revolution von oben, in Moskau und in Budapest.
Standard: Wenn man zwanzig Jahre später zurückblickt: War es richtig, dass die damalige Regierung sofort die Chance zur Einheit ergriffen hat?
Genscher: Jedes andere Verhalten wäre falsch gewesen, denn es hätte bedeutet, dass die Bundesregierung den Menschen in der DDR in ihrem Streben nach Freiheit und Einheit die kalte Schulter gezeigt hätte. Ich hatte es ja vorher auch abgelehnt, die deutschen Botschaften in meinem Geschäftsbereich für DDR-Flüchtlinge zu schließen, wie die DDR das verlangt hatte.
Standard: Die Wiedervereinigung kam dann schnell. Wurde sie zu teuer erkauft?
Genscher: Weder kam die Wiedervereinigung zu schnell, noch wurde sie zu teuer erkauft. Es gibt Anlass zur Kritik an der Arbeit der Treuhand nach der Ermordung des ersten Präsidenten Detlev Karsten Rohwedder, und es gab auch Fehler bei der steuerlichen Förderung von Investitionen im Osten. Aber das ist Vergangenheit. Heute wissen alle, wir hatten eine getrennte Entwicklung über Jahrzehnte, aber nur eine gemeinsame Zukunft. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.9.2009)
ZUR PERSON: Hans-Dietrich Genscher (82) war von 1969 bis 1974
deutscher Innenminister und danach bis 1972 Außenminister - der am
längsten dienende in Deutschland. Von 1974 bis 1985 war er auch
FDP-Chef. Heute ist er Ehrenvorsitzender der Liberalen.