Die Anthologie "Lyrik der DDR" verewigt die Poesie des Arbeiter-und-Bauern-Staates. Der Tendenz nach überwiegt bei weitem das Gelingen
Wer über das lyrische Schaffen der Deutschen Demokratischen Republik (1949-1990) ohne auftrumpfende Gebärde Rechenschaft ablegen will, der wird heutigen Tages, den neuen, famosen Band Lyrik der DDR vor Augen, auf mehrerlei Weise Abbitte leisten müssen.
Im Arbeiter-und-Bauern-Staat wurde nicht nur bienenfleißig, sondern meistens sogar regelkundig gedichtet. Mehr noch: In den besten Gedichterzeugnissen des "anderen" Deutschland bekundet sich eine Sprachlust, die alle bekannten Einschreibungen, darunter die Zwangsverpflichtung auf das stark einseitige, "sozialistische" Weltbild, mit vielfach verblüffender Leichtigkeit transzendiert. Und, ja: AutorInnen wie Kirsch, Braun, Hilbig oder Bobrowski schlagen das Gros der zeitgleich in der Bundesrepublik tätigen Reimschmiede souverän aus dem Feld. An die Dichtung im geteilten Land erinnern, das heißt: den Blick auf das Jürgen-Sparwasser-Tor von 1974 lenken. Das Endergebnis lautete damals bekanntlich: DDR - BRD 1:0.
Doch man muss genauer nachschauen. Die auf Parteilichkeit verpflichtenden Zwänge der DDR sind das trockene Brot jener Dichter, die von Anfang an zwei Bedingungen zu erfüllen haben. Erstens: Mit der Vernichtung des Nazi-Regimes wird in der industriell strukturschwachen Osthälfte Deutschlands ein völlig neuartiges Feld gesellschaftlicher Praxis geschaffen. Man erlebt die Moderne. Man besitzt nur leider nicht die erforderlichen Produktionsmittel, um den Fortschritt für alle in gleicher Weise vernünftig erlebbar zu machen.
Dichter, die das staatseigene Experiment leidlich empathisch begleiten, dürfen sich des Wohlwollens der Einheitspartei SED und ihrer Kulturdezernenten vorläufig - wenigstens bis zur Proklamation des "Bitterfelder Weges" 1964 - sicher sein. Die Autorinnen und Autoren sind auch wirklich treue Parteigänger. Ulbrichts System stellt sie unter Kuratel. Aber: Man fördert die Schreiber. Sie fühlen sich irgendwie wertgeschätzt.
Dichter sind Fürstenerzieher. Ihr wahrer Souverän ist unter den beschriebenen Bedingungen aber das Proletariat, in dessen "Interesse" sie gefälligst so zu schreiben haben, dass der Kombinatsarbeiter auch nach Schichtschluss kapieren kann, was in einer Gedichtstrophe vor sich geht.
DDR-Lyrik tendiert daher nicht nur unter dem Eindruck von Übervater Bertolt Brecht zur epigrammatischen Knappheit. Schmuck- und Füllwörter sind bürgerlicher Dekadenzkram. Der "Formalismus" -Vorwurf wird recht bald zum Totschlagargument.
Die Folgen einseitiger Verknappung liegen freilich auf der Hand. Dort, wo DDR-Lyrik formelhaft wird, leidet sie unter akutem Vitaminmangel. Sie ist dann geradezu spektakulär schlecht. Wir kommen zu Punkt Nummer zwei: Schlechte gesellschaftliche Voraussetzungen - die doch niemals offen ausgesprochen werden dürfen - erzeugen mitunter schlechte Verse. Doch allein aus diesem Umstand ließe sich noch nicht erklären, warum so viele Gedichte - von Peter Huchel, von Wolfgang Hilbig - so unerhört, so einzigartig wohlgelungen sind. Der eine druckte in Sinn und Form ab; der andere, die Hände vom Schamottofen noch nicht sauber, schrieb Registraturen eines buchstäblich untröstlichen Subjekts, gegen das sich die Naturkräfte verschworen zu haben schienen. Es führen nahezu beliebig viele Wege zum gelungenen Gedicht!
Wenn man während der Gründungsjahre allerlei anverdauten Rilke liest, so kann man sich immerhin auf das späterhin Geglückte freuen: Der von Heinz Ludwig Arnold und Hermann Korte unter Zuhilfenahme emsigen Studentenfleißes edierte Band geht streng chronologisch und in Wahrheit gar nicht qualitätsheischend vor. Wolf Biermann, den sie 1976 hinauswarfen, wusste schon tief in den Sechzigern: "Die Gegenwart ... ist mir der bittre Anfang nur, schreit / Nach Veränderung ..."
Gedichte aber, die nur der Vorgriff auf letztlich paradiesische Verhältnisse sind, können gar nicht "glücken" . Sie sind authentischer Ausdruck von Mängeln, die es zu überwinden gilt. Man kann hellauf lachen: "Moskau!! Wie frei das klingt, / wie das jubelt und singt ..." , dichtete Kurt Huhn in den 1950ern. Andere wieder glaubten feststellen zu müssen: "In Bonn hat Deutschland aufgehört zu sein ..." . Der Witz liegt in der Nennung des Autors: Rudolf Bahro durchlebte wenige Jahre später ein lupenreines Dissidentenschicksal.
Es gibt freilich Verse aus der Feder Volker Brauns ("Sächsische Dichterschule" ), die - mit einem unmodernen Wort gesprochen - schlechthin inkommensurabel sind, die bleiben werden. Nur im Gelingen - wie späterhin auch bei Papenfuß-Gorek oder Grünbein - wird deutlich, dass gesellschaftliche Bewegungen auch dann, wenn sie ins Abseits drängen, Energien freisetzen. Die Dichter benützen diese; sie wissen die Wiedervereinigung dann auch kaum zu schätzen. Gesagt, wie es wirklich war - das haben jeweils nur sie. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe 26.9./27.9.2009)
Info
"Lyrik der DDR" . Anthologie, herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold und
Hermann Korte. € 24,95 / 450 Seiten. S. Fischer, Frankfurt am Main 2009