Sammelbände

Vom Fremdgehen der Geschichte

25. September 2009, 19:20

Zwei Sammelbände bieten ein vielstimmiges und heterogenes Bild der Teilung Deutschlands und des Mauerfalls am 9. November 1989

Die Mauer ist in unzähligen Geschichten zerfallen. Julia Franck und Renatus Deckert haben sie eingesammelt, zumindest jene, die in den Köpfen der Schriftsteller gelandet sind. In ihren Büchern haben sie die literarischen Wegbegleiter des geteilten Deutschland noch einmal zusammengerufen, um sie um die Grenze kreisen zu lassen und ihres Falls zu gedenken.

Die Nacht, in der die Mauer fiel heißt der Band Deckerts, in dem er zum Tag des Mauerfalls am 9. November 1989 in den Erinnerungen kramen lässt. Um Uwe Tellkamp im trostlosen Zusammensein mit den "Genossen Soldaten" im DDR-Militärdienst vorzufinden, oder einen Brief Kathrin Schmidts, die acht Jahre lang SED-Mitglied war und dem System "revolutionäre Energie" zuführen wollte. Heute beharrt sie darauf, sich dafür zu schämen, Erinnern sei bei ihr so, wie wenn ein "Beil einschlägt" . Robert Menasse - ja, auch er - erinnert an die Olympischen Spiele 1964 in Tokio, wo noch eine gesamtdeutsche Mannschaft antrat (wie übrigens auch 1956 und 1960) und trifft einen Konrad-Otto, der die Wiedervereinigung schon im Namen trägt, der BRD-Kanzler Konrad Adenauer und DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl vereint.

Dem nichtsahnenden Alter Ego Jürgen Beckers erklärt ein alter Mann unter Tränen, dass der Krieg nun endgültig aus wäre. Mit dem Nichtsahnen, dem Verschlafenhaben, dem Sich-nicht-erinnern-Können wird generell gern geliebäugelt: Katja Lange-Müller war beim Mauerfall gerade auf dem Klo und hat sich übergeben. Kathrin Hensel steht allein in ihrer Vorlesung über antikes Versmaß. Und Katja Oskamps literarisches Ich geht in Kuba fremd, während zu Hause ein ganzes Land fremdgeht.

"Nationaler Gesindetrakt"

Francks Sammelband Grenzübergänge stellt die Jahrzehnte des Lebens mit der Grenze zur Debatte und bekommt heterogene Antworten. Sie selbst kam als Kind in den Westen, in eine Welt, die sie als feindlich empfand, in der sie ihre Ostherkunft verheimlichte. Sie konnte die Euphorie der Wessis 1989 kaum verstehen. Thomas Brussig beschreibt die dumpfe Unerbittlichkeit des Überwachungsstaats anhand eines absurd-komischen Observationslehrgangs. Roger Willemsen nimmt der Freude über die Wiedervereinigung ihre Blauäugigkeit: Wo der Osten unvorbereitet auf den Kapitalismus trifft, wird die ehemalige DDR in der Zeit nach dem Mauerfall zum "nationalen Gesindetrakt" , das Brandenburger Tor zum "prachtvollsten Dienstboteneingang der Geschichte" . Demokratie, keine Herrschaft des Volkes, sondern ihre "Selbstbeherrschung" .

Beide Bücher rennen in ihrer Vielstimmigkeit, ihrem Oszillieren zwischen Historie und Literatur gegen die Verdichtungen der Wissenschaft, gegen die Ödnis der Schulbuchphrasen an. Sie individualisieren, versinnlichen die Mauer. Gleichzeitig schälen sie die alte Zeit der Trennung noch einmal aus der Sphäre der Nostalgie, klagen die Überheblichkeit des Westens an oder stemmen sich gegen sensationalistische Gedenkkultur. Wer weiß, woher die Freude am Lesen der Texte rührt. Vielleicht ist es die Sicherheit, zu wissen, dass alles nur vorläufigen Charakter hat, vorbei und halbwegs gutgegangen ist. (Alois Pumhösel, DER STANDARD/Printausgabe 26.9./27.9.2009)

Info

  • "Die Nacht, in der die Mauer fiel" . Hrsg. v. Renatus Deckert. € 9,20 / 239 S. Suhrkamp, 2009
  • "Grenzübergänge" . Hrsg. v. Julia Franck. € 20,60 / 281 Seiten. Fischer, 2009
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