Er selbst spielt gern seine Hauptrollen: Gockel mit Monokel, Untugendbolde. Eine große Karriere scheint ihm in die Wiege gelegt - Aber sie kommt nicht
1948 schreibt Erich von Stroheim aus Frankreich an seinen Agenten Paul Kohner in Hollywood: "Ich las in der Kolumne der alten Petze Parsons, dass Billy mich die Rolle eines verrückten Filmregisseurs spielen lassen will ... Er liebt seine Schauspieler typgetreu. Das stimmt doch, oder?" In den folgenden sehr ausführlichen Passagen bewirbt sich Stroheim leidenschaftlich um die besagte Rolle, er führt seine Geldsorgen an und schmeißt seinen angeblich großen französischen Ruhm in die Waagschale, er schmeichelt und scherzt und trägt Kohner launige Grüße an "Witty Billy" Wilder auf, er versucht, die Gage hochzutreiben und versäumt nicht, einen Erste-Klasse-Flug für sich und seine Frau ("mein Freitag" ) sowie ordentliche Spesen für die Reise nach Hollywood zu verlangen. Man einigt sich. Erich von Stroheim reist für die Dreharbeiten ein letztes Mal nach Hollywood.
1950 kommt Billy Wilders Sunset Boulevard in die Kinos. Erich von Stroheim spielt darin Max von Mayerling, den Chauffeur und Butler einer alternden Hollywood-Diva, von dem sich nach und nach herausstellt, dass er früher ihr Entdecker, Regisseur und Ehemann war. Er wird mit dieser Rolle für den Oscar nominiert werden.
Ein herzzerreißendes Foto. Es zeigt Mayerling alias Stroheim mit kahlem Kopf und Vatermörder vor einem elegant gedrechselten Treppengeländer, er hebt die Hörmuschel des Telefons mit einem weißen Handschuh ans Ohr, stocksteif steht er da, huldvoll lauscht er dem Anrufer, die Mundwinkel verächtlich heruntergezogen. Seine Haltung ist tadellos, sein Benehmen formvollendet. Aber diese Traurigkeit. Zu dem jungen Drehbuchautor, gespielt von William Holden, sagt Mayerling im Film, in den frühen Tagen des Kinos habe es drei große Regisseure gegeben, D.W. Griffith, Cecil B. de Mille und ihn, Max von Mayerling.
Das alte Österreich als Fetisch
Stroheim spielt in Sunset Boulevard eine Persiflage auf sich selbst. Wie bitter. Und er spielt an der Seite von Gloria Swanson, die ebenfalls eine Persiflage auf sich selbst spielt und die überdies zwanzig Jahre zuvor seine "Queen Kelly" war und ihn damals als Regisseur "wegen ständiger Unstimmigkeiten" gefeuert hatte - was Stroheim wiederum nicht davon abhält, Wilder vorzuschlagen, dass er als Mayerling im Film Gloria Swanson genau diesen seinen Stummfilm, "Queen Kelly" vorführt und dass er auch im Film der Regisseur dieses Film ist. Swanson spielt einen Star, der keiner mehr ist, und Stroheim spielt einen Regisseur, der keiner mehr ist. "Wir brauchten keine Dialoge - wir hatten Gesichter." Vorbei, verweht, nie wieder.
Knapp 40 Jahre zuvor, vor fast hundert Jahren, am 14. November 1909, hatte sich Erich Stroheim auf der "Prinz Friedrich-Wilhelm" nach New York eingeschifft. In der Neuen Welt traf er auf Prüderie und Puritanismus. "Alle waren tugendsam, deswegen waren alle glücklich." Niemand sprach von Sex, von Scheidung, von Geschlechtskrankheiten. "Eine Frau, die ein alkoholisches Getränk zu sich nahm oder in der Öffentlichkeit rauchte, wurde als Prostituierte angesehen." Vielleicht kriegt er hier schon diese teuflische Lust, den Vorhang wegzureißen. "Einige werden sagen, ich hätte die Neigung, das Schmutzige zu sehen" , wird er später sagen. Aber noch ist er 24 und kennt keine Menschenseele. Über seine Eltern, einen Strohhutfabrikanten aus Wien und eine Wäscherin aus Prag, beide Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, wird er lebenslang schweigen. Stroheim jobbt in New York als Luftballonverkäufer, als Kellner, als Stallknecht. Schließlich geht er nach Kalifornien, wird Statist und erregt die Aufmerksamkeit des Stummfilmregisseurs D.W. Griffith - vorerst mit seinem Look: "Sie da, mit ihrem komischen Haarschnitt ..." Stroheim hat sich stilisiert: rasierter Kopf, Stehkragen, weiße Handschuhe, , Monokel, zackiger Schritt. Er gibt den unamerikanischen Barbaren. Das alte Österreich wird, mitten in Hollywood, Stroheims Fetisch. "Sonst wäre ich in der Menge untergegangen" , sagt er später.
"Ich schlug die Hacken zusammen und machte eine Verbeugung wie noch nie in meinem Leben. Für Sie, Mr Griffith, arbeite ich für ein Schinkenbrot pro Tag" , sagte Stroheim. Stroheim ist Statist, dann Schauspieler, dann Griffiths Assistent und Berater. Schließlich wird Laemmle, der Hollywood-Produzent, auf ihn aufmerksam. Stroheim schlägt ihm ein Filmprojekt vor, das in den Dolomiten spiele (von denen Stroheim wusste, dass Laemmle sie liebte) und nur 5000 Dollar koste. Laemmle unterschrieb den Vertrag auf der Stelle. Blind Husbands kostet zwar nicht, wie von Stroheim versprochen hat, 5000 Dollar, sondern 42.000, aber er spielt eine Million ein. Sein zweiter Film, The Devil's Passkey, ist auch erfolgreich, heute aber verschollen bis auf ein paar Standbilder. In Foolish Wives, seinem dritten Film, tobt Stroheim sich ob der Vorschusslorbeeren richtig aus. Er pfeift auf die Vorgaben der Studios - und fliegt bei der nächsten Produktion (Merry-Go-Round). Greed wird ein katastrophaler Misserfolg - heute existiert nur die verstümmelte Fassung und gilt dennoch als cineastisches Meisterwerk. The Merry Widow, Stroheims nächster Film - auch dieser heute nur verstümmelt zu sehen, wird Stroheims größter kommerzieller Erfolg. Er macht nun The Wedding March - den Film, der heute, weil er ihn nach dem Krieg in Frankreich neu schneiden konnte, am ehesten sein Werk vertritt.
Stroheim ist detailversessen, obsessiv und maßlos. Er bestellt echte Uniformen in Wien. Er dreht in The Wedding March sechs Wochen an einem Kuss, lässt tausende Apfelblüten aus Wachs fertigen und an einem Baum befestigen, er baut für Foolish Wives Monte Carlo nach, er baut für Merry-Go-Round den Wiener Prater nach, er will - obwohl die Filme stumm sind - Klingeln, die wirklich klingeln, sonst flippt er aus, er lässt Statisten drei Tage lang das korrekte k. u. k. Salutieren üben, er zeigt sich selbst in Korsett mit Strumpfbändern (rausgeschnitten), beim Pickelausdrücken (rausgeschnitten). Für Orgienszenen ließ Stroheim Prostituierte engagieren. Wurde in einer Szene Kaviar gegessen, dann echter.
Flaubert des Kinos
Als Stroheim 1943 den Feldmarschall Rommel in Billy Wilders Fünf Gräber bis Kairo spielt, verlangt er, dass in dem Fotoapparat, den er um den Hals trägt, auch ein Film ist. Der etwas begriffsstutzigen Zasu Pitts gibt er in Greed die Regieanweisung, sie solle Sex mit Goldmünzen haben. Walter Byron, den Hauptdarsteller von Queen Kelly lässt er an Gloria Swansons Schlüpfer riechen (rausgeschnitten). Eine Einstellung in Foolish Wives, an der Hunderte von Statisten beteiligt waren, lässt er nochmals drehen, weil einer der Palastwächter keine weißen Handschuhe trug. Den Baron aus The Merry Widow macht er zum Schuhfetischisten (rausgeschnitten), die Gardesoldaten des Palastes müssen seidene Unterhosen mit dem Monogramm der kaiserlichen Garde tragen - obwohl sie immer voll bekleidet zu sehen sind. In Greed zwingt Stroheim seine Schauspieler bei sengender Hitze in der Salzwüste des kalifornischen Death Valley, in den schmutzigen, verschwitzten Klamotten zu bleiben, auch in den Drehpausen. In The Wedding March, als er als Prinz von Wildeliebe-Rauffenburg eine humpelnde Erbin heiraten muss, schreibt Stroheim in den Zwischentitel: "What is a little limp - with 20 millions?" Der Produzent Louis B. Mayer soll Stroheim sogar einmal niedergeschlagen haben - er hatte Mae Murray, seine Titelheldin aus The Merry Widow, beleidigt.
"Ich bin nie faule Kompromisse eingegangen" , sagt Stroheim über Stroheim, "ich habe immer die Wahrheit gesagt, wie ich sie sah." An Labels hat es nie gefehlt: der Flaubert des Kinos, der George Grosz des Kinos, "the man you love to hate" . Doch was Stroheim groß macht, ist gleichzeitig das, was ihm schadet: das Monströse, das Entlarvende, das Radikale. Er selbst spielt gern seine Hauptrollen: Lumpen, Gockel mit Monokel, lüsterne Untugendbolde. Eine große Karriere scheint ihm in die Wiege gelegt. Aber sie kommt nicht.
Und dann ist das Leben fast vorbei, und er spielt Max von Mayerling, einen verletzten, verlorenen 64-jährigen Mann, der nachts im stillen Kämmerlein Fanbriefe an seine Herrin schreibt, damit sie sich noch begehrt fühlt. Ein gebrochener, bulliger, stiernackiger alter Mann, der hoch gepokert, der alles verloren hat. Das Vitale, das Energische ist weg. Das diabolische Funkeln in den Augen, die Verführwut, die Siegeslust, alles weg. Er ist ein Schatten seiner selbst, er hat bessere Tage gesehen, er denkt, ich bin nicht, ich war. "Sie waren ihrer Zeit immer zehn Jahre voraus" , hat Wilder einmal zu ihm gesagt, und Stroheim soll geantwortet haben: "zwanzig." Er kam zu früh, und nun ist es zu spät.
Freilich, er hält sich immer noch aufrecht. Er spielt seine Rolle mit Verve. Er hat sie lebenslang geübt, sie sitzt tief: Die Tradition, die Konvention, die Pose. So wird er acht Jahre später sterben. Die Tragik ist, dass Stroheim/Mayerling sich nicht nur zeit seines Lebens unverstanden fühlte, sondern dass er tatsächlich unverstanden war. Das alles, auch sein Wissen darum, dass er gescheitert ist, kann man sehen auf diesem Bild. (Else Buschheuer, DER STANDARD/Printausgabe 26.9./27.9.2009)
Zur Person:
Else Buschheuer, geb. 1965 in Sachsen, wuchs als Sabine Knoll in der
DDR auf. Nach der Wende arbeitete sie als freie Journalistin für
Zeitungen und im Fernsehen. Sie lebte von 2001 bis 2005 in New York
City, seit 2000 erschienen insgesamt vier Romane. Sie lebt heute in
Leipzig.
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