Der Privatkonsum unterstützt die Konjunktur, am Arbeitsmarkt ist keine Besserung in Sicht
Wien - Die heimische Wirtschaft hat nach Ansicht der Experten von Wifo und IHS die Talsohle erreicht und ist auf einen langsamen, fragilen Wachstumpfad eingeschwenkt. Es gebe einen leichten Aufschwung, der sich aber zögerlich hinziehe. Die Gefahr eines Rückschlags schließen die Leiter der Institute, Karl Aiginger und Bernhard Felderer, praktisch aus. "Wir erwarten keine Rückkehr der Krise mit einem Minus", so Aiginger am Freitag. 2009 sehen Wifo und IHS die heimische Wirtschaft noch um 3,4 oder 3,8 Prozent schrumpfen, 2010 sollte es dann um 1,0 Prozent aufwärts gehen. 2008 war das heimische BIP real noch um 2,0 Prozent gewachsen.
Für das 2. Halbjahr erwarten die Konjunkturexperten eine spürbare Belebung. Für das laufende 3. Quartal wird bereits wieder mit einem Anstieg der Wirtschaftsleistung gerechnet. "Es mehren sich die Anzeichen, dass die tiefste Rezession der Nachkriegszeit ausläuft", stellt das Institut für Höhere Studien (IHS) in seiner Herbst-Prognose fest. "Der Abschwung hat den Boden im 3. Quartal erreicht und durchschritten", sagte Aiginger vor Journalisten. Die Gefahr eines Rückschlags sei gering, betonte Felderer, und auch der Wifo-Chef erwartet "keine Rückkehr der Krise mit einem Minus. Wir haben das Bild einer leichten, schrittweisen Erholung der Wirtschaft."
Noch nicht erreicht sei der Tiefpunkt bei der Arbeitslosigkeit, betonte Aiginger. Dort sei dies üblicherweise erst eineinhalb bis zwei Jahre nach dem Tiefpunkt in der Produktion der Fall. Die Arbeitslosenzahl dürfte heuer und nächstes Jahr zusammen um 90.000 steigen, womit 2010 im Jahresschnitt die Grenze von 300.000 leicht überschritten wäre. Die Arbeitslosenquote nach Eurostat-Definition würde damit 2009 auf fast 5 1/2 Prozent steigen und 2010 auf rund 6 Prozent, nach heimischen Regeln auf 7 1/2 Prozent bzw. 8 1/2 Prozent.
Privater Konsum stützt
Gestützt wird die Wirtschaftsentwicklung in Österreich durch den privaten Konsum. Die hohen Lohnabschlüsse des Vorjahres, die geringe Inflation und vor allem die Steuerreform hätten die Realeinkommen der Haushalte belebt, so das IHS. Heuer dürfte der Privatkonsum real 1/4 Prozent zulegen, 2010 sogar um ein halbes Prozent, so die Institute.
Der schwer unter Druck stehende Exportsektor wird sich im 2. Halbjahr gegenüber dem 1. Halbjahr durch die Auslandsnachfrage "deutlich beleben", nimmt das Wifo an. Danach werde auch die Industrieproduktion ausgeweitet. Die Warenexporte dürften 2009 - nach einem Nullwachstum 2008 - massiv um 15 bis 16 Prozent einbrechen - und damit auf das Niveau von 2005 zurückfallen -, um dann 2010 von tieferem Niveau aus um 2,0 (Wifo) bis 4,5 (IHS) Prozent zu klettern.
Die nach 3,2 Prozent im Vorjahr heuer mit 0,5 bis 0,6 Prozent praktisch zum Stillstand gekommene Teuerung dürfte 2010 wieder leicht anziehen auf 1,3 bis 1,4 Prozent, nehmen die Institute an. Grund: Die weltweite Konjunkturbelebung werde einen Anstieg der Rohstoffpreise auslösen und den Preisauftrieb verstärken, meint das Wifo.
Rasant steigendes Defizit
Das infolge der Rezession - auch durch ein Gegensteuern der Wirtschaftspolitik - rasant steigende Defizit in den öffentlichen Haushalten muss nach der Krise ab 2011 wieder gesenkt werden, verlangen die Leiter von Wifo und IHS. 2010 sollte man noch nicht sparen, sondern die Konjunkturprogramme planmäßig auslaufen lassen - aber schon die Weichen für die Konsolidierung stellen,
Das Defizit des Gesamtstaats (laut Maastricht) sehen die Institute bei heuer an die 4 1/2 Prozent des BIP und kommendes Jahr etwa 5 1/2 Prozent - nach einem Abgang in Höhe von 0,4 Prozent des BIP im abgelaufenen Jahr. Finanzminister Josef Pröll (V) habe für heuer zwar zuletzt einen Abgang von nur 3,5 Prozent nach Brüssel gemeldet, müsse dies aber im Herbst korrigieren, so Felderer. Mit den 4 1/2 Prozent liege Österreich international aber sehr gut.
Erster Rückgang des globalen BIP
Die Weltwirtschaft, die 2008 noch um 3,1 Prozent gewachsen ist, dürfte heuer real um 1,2 Prozent schrumpfen, nimmt das Wifo an - das ist überhaupt der erste Rückgang des globalen BIP seit 1945, wie Aiginger sagte. Für den Euro-Raum, der 2008 um 0,7 Prozent wuchs, gehen Wifo und IHS für heuer von 4,0 bzw. 3,9 Prozent Rückgang und für 2010 von 0,8 bzw. 1,0 Prozent Wachstum aus. Haupthandelspartner Deutschland (2008: +1,3 Prozent) sollte dabei laut IHS nach 5,0 Prozent Minus im heurigen Jahr nächstes Jahr wieder um 1,2 Prozent expandieren. Um 7,0 bzw. 7,5 Prozent soll China heuer wachsen, 2010 dann um 7,5 bzw. 8,5 Prozent. Die USA, von denen die Finanz- und Wirtschaftskrise ausgegangen ist, sacken nach noch 0,4 Prozent Wachstum im Vorjahr heuer um 2,7 Prozent ab, nehmen beide Institute an; für 2010 sehen sie 1,0 (Wifo) bzw. 1,7 (IHS) US-Wachstum.
Den Ölpreis, im Vorjahr im Schnitt bei 97 US-Dollar pro Fass (je 159 Liter), erwarten Wifo und IHS heuer bei rund 60 Dollar und 2010 bei 75 bis 80 Dollar. Der Euro dürfte nach Meinung des Wifo stärker werden, nach Ansicht des IHS aber schwächer: Das Wifo sieht den Euro heuer bei 1,40 Dollar und 2010 bei 1,50 Dollar, das IHS dagegen heuer bei 1,39 und 2010 bei 1,35 Dollar. Die EZB werde die Zinsen 2009 unverändert lassen, so Aiginger. Eine Kreditklemme werde es im großen Ausmaß nicht geben, aber genauere Bonitätsprüfungen. Ein Problem sieht der Wifo-Chef bei den 2009er Bilanzen: Die Banken würden eine höhere Unterlegung ihre Kredite vornehmen müssen. Die EZB habe mit ihrer "sehr erfolgreichen" Stabilisierungspolitik den Rezessionsverlauf gedämpft, betonte Felderer. Allerdings werde nach der Krise ein "Exit" sowohl aus der hohen Staatsverschuldung als auch aus der hohen Liquidität "schwierig" werden.(APA)