Auch Krankheit ist ein Kriterium

27. März 2003, 17:00
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"Baby I'm Bored" und sechs weitere neue Alben zwischen Trümmerblues und Ruinentechno

THE KILLS
Keep On Your Mean Side
(Zomba)
Das britische Mann-Frau-Duo entwirft mit einer Kombination aus gutem alten New Yorker Junkie-Pathos mit dem überzogenen Gesangsstil von Patti Smith oder Lydia Lunch und rudimentärem Drumcomputer-Lärmgitarren-Rock'n'Roll eine steinalte Form von Müllmusik, die derzeit wieder hoch im Kurs steht. Wer damals nicht dabei war: Rock wird hier als Nacht der reitenden Leichen interpretiert, dem Leben ein sperriger Hit entgegengespuckt: "Fuck the people!" Zeitlose Kaputtheit. Das Leben ist auch nur ein stinkender Turnschuh von Thurston Moore.
(schach)

THE IMMORTAL LEE COUNTY KILLERS II
(Rave Up: 1/596 96 50)
Ihr Debüt aus 2000 titelte programmatisch The Essential Fucked Up Blues!, und dementsprechend wertkonservativ geht es auch auf dem neuen Album, II, zur Sache. Das US-Provinz-Duo bietet mit seiner dreisten Gitarre-Schlagzeug- auf-sie-mit-Gebrüll- Mischung den idealen Trost für Hörer, denen die Jon Spencer Blues Explosion seit ihrem dritten Album, Extra Width aus 1993, zu kommerziell geworden ist. Hysterischer Gesang, bis zum Anschlag verzerrte Slide-Klampfen, ein Schlagzeuger aus der Muppets Show und Songfragmente, die dem US-Hardcore ebenso viel schulden wie Blues-Gevatter Robert Johnson: "Let's get killed!"
(schach)

GRAND MAL
Bad Timing
(Zomba)
Lieber jung und krank als alt und in der Reha. Die derzeit dünnsten und also hungrigsten New Yorker Aspiranten auf den Ehrentitel "Strokes 2003" spielen unter der Regie von David Fridmann (Flaming Lips, Mercury Rev, Sparklehorse ...) den dreckigsten Boogie-Rock, seit die Rolling Stones und Mott The Hoople in den frühen 70er-Jahren den US-Süden mit Marschierpulver und Kajal-Make up im Pop salonfähig machten. Zwischen Langeweile, Verzweiflung und Dreitagekater entstehen so schön zeitlose Songs wie das von Hammond-Orgel getragene, auf jeden Fall programmatische "Get lost!"
(schach)

THE FOLK IMPLOSION
The New Folk Implosion
(Zomba)
Lou Barlow war bei Dinosaur Jr. ein kleiner Grunge-Gott und veröffentlicht seither nette, kleine, hingeschluderte Song-Preziosen zwischen Neil Young, Dinosaur Jr. und US-Folk aus dem American Songbook. Alles bestens. Nur am Charisma hapert es.
(schach)

HOLGER CZUKAY/ U-SHE
The New Millenium
(Ixthuluh)
Der frühere Bassist der deutschen Krautrocker Can ergeht sich in experimentellem Synthie-Pop, dem Sängerin U-She ihr frankophiles Organ leiht und dabei in etwa so geschmeidig klingt wie früher Nico bei Velvet Underground. Aber auch das besaß bekanntlich seinen Charme. Im Vergleich zu dem vielen Müll, der unter Electro-Clash firmiert, hebt sich Czukay mit seinen Beat-Architekturen jedoch angenehm, weil fantasievoll ab. Vor allem dann, wenn er in experimentelle Gefilde abschweift.
(flu)

EVAN DANDO
Baby I'm Bored
(Ixthuluh)
Er hätte der Superstar des Grunge werden können, wenn seiner Band, den Lemonheads, nicht der notwendige Pfeffer gefehlt hätte: Evan Dando. Mit Baby I'm Bored meldet er sich nun mit entspannten bis bissigeren Rockern zurück, denen ihre Wurzeln (Dinosaur Jr. ...) noch deutlich anzuhören sind. Ein durchgängig angenehmes "Comeback", bei dem man sich stellenweise, wenn die Nostalgie nachlässt, fragt, was will der immer noch hübsch anzusehende Evan eigentlich dieser Tage damit? Aber dann hebt er neu an und alles ist gut. Für Mädchen und sentimentale Buben.
(flu)

APHEX TWIN
26 Mixes For
Cash (Zomba)
Aphex Twin, der Großwesir experimenteller Elektronik, erfreut mit einer Doppel-CD voller Auftragsarbeiten, die von Wagon Christ bis hin zu exotischen Auftraggebern wie Phillip Boa & The Voodoo Club reichen. Angelegt zwischen vielschichtigen, vom Ambient kommenden Tracks bis zu das Trommelfell perforierenden Ausbrüchen offenbart sich hier eine eindrucksvolle Werkschau, die den Zynismus, der im Titel mitschwingt, hin und wieder deutlich spüren lässt. Dass sich trotzdem kaum Wiederholungsmerkmale einschleichen, beweist Ernsthaftigkeit und untermauert Richard D. James' Ausnahmestellung einmal mehr.
(flu)
(DER STANDARD, Printausgabe, 28.3.2003)

Von
Christian Schachinger
(schach)
und
Karl Fluch
(flu)
  • EVAN DANDO   Baby I'm Bored  (Ixthuluh)
    foto: ixthuluh

    EVAN DANDO
    Baby I'm Bored
    (Ixthuluh)

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