Der letzte Bus nach Hause

28. März 2003, 00:04
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Auf "Sleeping With Ghosts" öffnen sich die schillernden Glamrocker Placebo ansatzweise der Elektronik

Placebo öffnen sich auf "Sleeping With Ghosts" ansatzweise der Elektronik. Der Glam eines David Bowie geht zart in Richtung düsterer New Wave.


Ursprünglich wurde das neue Wunderwerk von Placebo als eine Hinwendung zur Elektronik angekündigt. Sieht man allerdings von einigen gefälligen TripHop-Beats aus der Steckdose eines Musik-Diskonters ab, die mittlerweile sogar schon ein Herbert Grönemeyer auf Mensch im Programm hat, braucht sich der alte Fan keine allzu großen Sorgen machen.

Auch auf ihrem mittlerweile vierten Album haben sich die drei kosmopolitischen Wahllondoner Brian Molko, Stefan Olsdal und Steve Hewitt dankenswerterweise nicht dazu durchringen können, das altbewährte Fundament aus retro-avantgardistischem Rock und der Erde Richtung unendliche Weiten abgewandte Balladen für den Preis einer etwaigen Moderne einfach aufzugeben. Schöne Grüße einmal mehr an David Bowie, Ziggy Stardust, Major Tom und auch im aktuellen Fall wieder, wie einst in Special K vom Vorgängerwerk Black Market Music aus 2000, an jene Special Needs, die die Nase bluten machen können: "Protect me from what I want!"

Brian Molko, das androgyne, bisexuelle Kunstprodukt von eigenen Gnaden, hat sich als songschreiberische Hauptantriebskraft von Placebo dieses Mal allerdings stilistisch nicht nur darauf verlassen, dass seine mit schneidender Kopfstimme vorgetragenen Privatobsessionen und -perversionen auch allein mit Akustikgitarre am imaginären Lagerfeuer funktionieren - oder angeschmachteten Geliebten während intimer Stunden daheim auf dem Klavier vorgetragen werden können. Siehe auch ein zwei Jahre alter Bootleg von einer Liveshow aus einem Pariser Club, der bei entsprechender kleinkrimineller Energie leicht aus dem Internet bezogen werden kann.

Immerhin versteht sich Molko trotz aller vordergründig präsentierten Hoffart und Protzsucht als zu spät geborener Glamrocker auch als sittlich gefestigter Handwerker. Selbst auf alten Krachern wie Nancy Boy oder Every You, Every Me hört man hier immer auch eine tiefe Liebe zur Feinarbeit, an der Schnittstelle zwischen Musikgeschichte und postmodernistischer Variation derselben. Man erinnere sich etwa auch an Placebos detailverliebte Version vom alten T. Rex-Hadern 20th Century Boy für den Soundtrack zur damals nicht genügend gewürdigten Glamrock-Paraphrase Velvet Goldmine aus 1998.

Unter der Produktionsregie von Jim Abiss, der sonst unter anderem für an der Schnittstelle zum Pop gratwandernde Acts wie DJ Shadow oder U.N.K.L.E. arbeitet, ist so zwar mit Sleeping With Ghosts ein mitunter etwas indifferent klingender Versuch einer Neuorientierung entstanden. Der bezieht seine besten Momente noch immer aus den alten inspirativen Quellen der 70er-Jahre.

Dass Placebo allerdings nicht wie so viele andere Künstler auch an diesem Karrierepunkt nach dem schwierigen dritten Album mit Nummer vier in Richtung wertkonservative Repertoirepflege gehen, sondern die neuen Stücke mitunter bewusst aufreißen und atmen lassen, wird gerade auch im oben erwähnten neuen Stück Protect Me From What I Want deutlich. Eine drängende Ballade über zeitlose existenzielle Verzweiflung in einer niedergehenden Welt, in der uns nur noch eines zu tun übrig bleibt: Nach dem Rave den letzten Bus nach Hause zu erwischen: "Both of us sentenced to time and now we're all alone." Von der rumpeligen Elektronik der das Thema Kindesmissbrauch umkreisenden Eloge Something Rotten ganz zu schweigen.

The Bitter End, die aktuelle Single, zeigt übrigens auch, dass sich Placebo gemeinsam mit Übervater David Bowie mittlerweile langsam in die Zukunft der Vergangenheit vorarbeiten. Die alten Glamrock-Zeiten sind zwar noch nicht ganz vorbei. Die zackigen Gitarren deuten allerdings darauf hin, dass hier gerade eine Aufarbeitung der New Wave beginnt, wie man sie von der düsteren Stimmung her von Bowies Scary Monsters aus 1980 kennt. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.3.2003)

Von
Christian Schachinger
  • Placebo Sleeping With Ghosts (Virgin)
    foto: virgin

    Placebo
    Sleeping With Ghosts
    (Virgin)

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