+++PRO&CONTRA--- Spargelzeit

3. April 2003, 11:46
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Da saßen sie dann. Die Gräfinnen, Fürsten, Comtesserln und Barone. Schauspielerinnen und Mimen.

+++PRO

Von Markus Mittringer

Was bitte sollten Camilla, die Erzherzogin von Habsburg-Lothringen, Willy, der Prinz von Thurn & Taxis und amtierende Staatspräsident der Spargelrepublik Marchfeld, die Fürsten Auersperg, Lobkowitz, Montenuovo, Ludwigsdorff, Deinhardstein, Walterskirchen und Henkelsburg-Donnersmark, die er- und durchlauchten Kinskys und auch die Brachialkomödianten Edith Leyrer und Franz Suhrada, ihre Transparenz Maria Lahr, der graue Stammtischillusionist Peter Lodynski, die legendäre Schmalz-Röhre Birgit Sarata, der Bundesminister im aufreibenden Außerdienst Fasslabend oder Esther, die Gräfin von Wartburg, denn machen, wenn der Winterkarpfen längst verdaut ist, der siebte Heringsschmaus schon in der fünften Wiederholung lief, die Martini-Gansln erst wieder richtig fett werden müssen und die Kürbiszeit noch so unendlich weit ist?

Schließlich leben die davon, in Einklang mit der Natur zu leben, gemäß dem Lauf der Jahreszeiten Aufsehen erregend einzuschneiden. Die kriegen doch gar nichts mehr runter, wenn keiner zuschaut. Die haben Anlässe zum Essen genau so bitter nötig, wie die kein Flascherl Chardonnay vertragen, das nicht von Eva Fuchs oder Christian Ludwig Attersee so genial wie karitativ etikettiert wurde.

Und: Ist es nicht schön, dass die Crème uns demonstriert, wie gleich wir Menschen sind. Dass, egal ob Bleich- oder Grünspargel, ob Durchlaucht oder Kleinkünstler, ob Junglesbe, Franz Antel oder Bundesbahner, beim Wasserabschlagen nach dem Spargelgenuss alle gleich komisch riechen?

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---CONTRA

Von Thomas Rottenberg

Manchmal begeht man Fehler. Obwohl man im Vorhinein weiß, dass das, was kommt, schrecklich sein wird. Aber jedes Vorurteil hat ein Anrecht darauf, dem Wahrheitsbeweis unterzogen zu werden. An Kollateralschäden denkt man nicht. Und darum kann ich Spargel nur püriert essen. Oder im Dunkeln essen. Und sicher nicht in Gesellschaft.

Es war in einem dieser Lokale, in denen der Gast nie sicher sein kann, nicht in einem vom Wirt am Tag danach an alle Redaktionen versandten Mail aufzutauchen: "Mit ihren Freunden (hier TV-Moderatorinnen, Sportler und Lebensformen vom Planet Antel einsetzen) erfreuten sich Graf Bumsti und Baronesse Schlumpfi an den Genüssen, die Superleiwandwirt Bertl Blunzn kredenzte." Natürlich wird auch vorab eingeladen. Sobald Graf Bumsti reserviert. Und den Grafen - wiewohl Österreicher erpicht darauf, kraft der Leistung geerbt zu haben, standesgemäß etikettiert zu werden - stört das gar nicht. Irgendwann macht man aber den Fehler, da auch selbst (Gratisessen!) tatsächlich hinzugehen. Zum Promi-Spargelessen.

Da saßen sie dann. Die Gräfinnen, Fürsten, Comtesserln und Barone. Schauspielerinnen und Mimen. TV-Talkerinnen und Publikumslieblinge. Und Planet Antel. Und alle, wirklich alle, demonstrierten esstechnisch, mimisch und mit lustigen Anekdoten, wie erotisch Spargelessen ist. Es war nicht schlimm. Es war unvorstellbar. Und auch wenn das Gemüse nichts dafür kann: Seither graust mir vor Spargel. Außer ich esse ihn püriert. Oder im Dunkeln. Und allein. (Der Standard/rondo/28/03/2003)

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