Kartell der Hetzer

23. September 2009, 18:41

Fünfundsechzig Jahre nach Auschwitz erleben wir eine Zeit der Tabubrüche

Fünfundsechzig Jahre nach Auschwitz, nach der Ermordung von sechs Millionen Menschen, allein ihrer Abstammung wegen, erleben wir eine Zeit der Tabubrüche. Der durch eine mutige Opposition bekämpfte iranische Präsident Ahmadi-Nejad versucht wiederholt, durch empörende, judenfeindliche Angriffe seine Position zu stärken: Der Holocaust sei eine Lüge und nur ein Vorwand für den Westen gewesen, um Israel zu gründen. Einige Tage später sagte Revolutionsführer Ayatollah Ali Chameini in einer Predigt, Israel sei ein "Krebsgeschwür", der "tödliche zionistische Tumor" fresse sich in "das Leben der islamischen Welt". Kurz: ein Aufruf zur Vernichtung.

Erst im allerletzten Augenblick gelang es diese Woche, die Bestellung eines anderen berüchtigten Antisemiten, des ägyptischen Kulturministers Farouk Hosni zum Generaldirektor der Unesco, der bedeutenden UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, zu verhindern.

Hosni hatte im Vorjahr öffentlich versprochen, jedes israelische Buch eigenhändig zu verbrennen, das er in der Bibliothek in Alexandria finden würde. Es war befremdlich, dass der französische Präsident Nicolas Sarkozy (Sohn eines ungarischen Flüchtlings und Enkel eines griechischen Juden) aus machtpolitischem Kalkül bereit war, eine gemeinsame Haltung der EU-Staaten zu torpedieren.

Dass Hosni auch durch Spanien unterstützt wurde, ruft übrigens den internationalen Skandal um die zweitgrößte spanische Zeitung El Mundo in Erinnerung. Das konservative Madrider Blatt brachte kürzlich zum 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs in einer Artikelserie auch ein langes Interview mit dem berüchtigten Holocaust-Leugner David Irving. Eine Kostprobe: Hitler sei "kein schlechterer Mensch" gewesen als Churchill. Dass El Mundo (mit einer verkauften Auflage von 350.000 Exemplaren) diesem wegen NS-Wiederbetätigung in Wien verurteilten Antisemiten eine Plattform bot, erklärte die Süddeutsche Zeitung so: Der Anstrich der Seriosität soll am Kiosk kaschieren, dass das Blatt "sehr gerne mit Dreck schleudert, wenn es sich gut verkauft."

Nicht nur in Madrid, sondern zum Beispiel auch in Budapest und Warschau gibt es freilich von "ehrbaren Antisemiten" (Jean Amery) geleitete Zeitungen bzw. Rundfunksender, die die Grenze zur nachträglichen Rechtfertigung seit langem bestehender antisemitischer Neigungen missachten.

Die Vorarlberger Landtagswahl bestätigt wieder einmal das unzerreißbare Band zwischen Fremdenhass und Antisemitismus. Zu Recht verkündete ein Wiener Boulevardblatt. "FP-Sieg mit Exiljuden-Sager". Der eigentliche Wahlsieger (41 Prozent bei den jungen Wählern) bleibt trotz seiner am Wahlabend zur Schau getragenen lächelnden Maske jener "erste Politiker in der Zweiten Republik, der ohne Verstellung, ohne sich mit Anspielungen zu begnügen ... das Feindbild Jude wieder in die österreichische Politik einführen wollte." An dieser Feststellung des in Hohenems (38 Prozent für die FPÖ) beheimateten angesehenen Schriftstellers Michael Köhlmeier ist nicht zu rütteln. Die Bereitschaft zur scheinheiligen Selbsttäuschung statt rechtzeitiger und entschlossener Abwehr hilft nur dem internationalen Kartell der Hetzer. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 24.9.2009)

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Posting 1 bis 25 von 61
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Wolfgang A. As.
00
26.9.2009, 12:09
Fehlende Kommunikation der Kulturen

Wie bei all diesen Diskussionen, gehen wenige den Ursachen des Konfliktes nach, die wie in der Familie im zwischenmenschlichen Bereich sind. Ich möchte mich gegenüber Aus und Inländer gleich verhalten, nicht mehr und nicht weniger. Es gibt bei Aus - und Inländer Problemfälle, und Rassismus gilt für beide Seiten zu beachten, und nicht nur eine! Aber zwischen Menschen gibt es nun mal nicht nur Harmonie, das gilt auch für Aus- und Inländer, wir brauchen mehr Mut, um diese Konflikte an- und auszusprechen und nicht wegzuschauen. Wenn ein Mensch beschimpft wird so sollen wir einschreiten, egal ab er Aus- oder Inländer ist, sonst fördern wir nur die Respektlosigkeit und Verachtung, wenn wir hier einen Unterschied machen.

Demian Höllwarth
 
21
25.9.2009, 09:09

es wird schon wieder dunkel in europa. jeder der ein sensorium dafür hat, kann das spüren. diese primitiven nationalisten bringen das eskalationsrad immer mehr in schwung. und wenn´s dann knallt werden wir uns alle wieder die augen reiben. wir doch nicht. doch nicht im ach so zivilisierten mitteleuropa.

Gücklich, wer dann eine aufenthaltsgenehmigung für Nordamerika, Neuseeland oder Australien haben wird.

krawuzl
11
24.9.2009, 19:42
Moral ist keine Medizin

Auch wenn ich prinzipiell mit Herrn Lendvai übereinstimme, so denke ich auch, dass moralische Empörung hier so hilfreich ist wie ein Kropf, wenn es darum geht, diese Entwicklungen einzudämmen und zu verhindern. Dazu ist es notwendig, zuerst einmal zu verstehen, dass Fremdenhass als tiefere Ursache immer eine durchaus archaische Angst vor dem Fremden hat. Verknüpft mit realen oder durch Propaganda in der Wahrnehmung extrem aufgeblasenen Problemen ergibt dies eine Mischung, die einen großer Teil der Bevölkerung beliebig manipulierbar macht. Gibt es dann noch, wie in Österreich, viele maßgebliche Politiker (nicht Hr. Strache), deren Lippenbekenntnisse durch ihr "Augenzwinkern" konterkariert werden, dann ist der Palawasch fertig. Siehe FPÖ.

Hafner
03
25.9.2009, 08:39
Ich meine nur mal so ins Blaue gedacht ...

... wenn jemand mit - sagen wir 25 - eine Familie gründet, Kinder zeugt, einen Beruf ausübt - möchte er, dass die nächsten Jahre relativ gleichmäßig verlaufen und sich wenig in seinem Umfeld ändert.
Man hat sich eingerichtet, mit den Nachbarn arangiert, übt sein Hobby aus - man ist, mit einem Wort - wie es ein Fortschrittlicher formulieren würde - ein kleinkarierter Kleinbürger geworden.
Und? Muss er/sie sich dafür entschuldigen? Hat er nicht das Recht dazu?
Kann er sich nicht auf den Standpunkt stellen, dass sich Menschen, die sich in seinem Bereich ansiedeln wollen, seiner Lebensart angleichen sollen?
Das kann auch rational begründet werden, was ja auch der Grund ist, warum die Fortschrittlichen eine derartige Diskussion verweigern.

orso minore
00
26.9.2009, 16:02

Der kleinkarierte Kleinbuerger ist ein legitimer Lebensentwurf und niemand soll sich dafuer entschuldigen muessen. Aber:
1. Er ist nicht der einzig legitime Lebensentwurf, daher kann er nicht von anderen verlangen auch so zu leben.
2. "Er moechte dass sich moeglichst wenig aendert" Sorry, aber das spielt's einfach nicht. Der Durchschnittsoesterreicher hat im Lauf seines Erwerbsleben 7 verschiedene Jobs und es werden eher mehr (und nicht alle in der selben Stadt). Schauen Sie sich an was sich fuer jemand der sagen wir 1920 geboren wurde im Lauf seines Lebens alles veraendert hat, seit 1945 zumindest der Grossteil davon positiv. Fuer uns wird es wohl eher noch mehr sein (nur hoffentlich ohne Weltkrieg)

Demian Höllwarth
 
11
25.9.2009, 10:29

gegenfrage: was stört ihn der andere? schränkt das seine handlungsfreiheit in irgendeiner form ein, wenn der z.b. kein schweinefleisch ist und seine frau halt ein kopftuch trägt. ändert sich für ihn dadurch irgendetwas?

und ganz konkrete probleme kann man zwischen menschen ausverhandeln, notfalls mit staatlicher hilfe. das ist bei neuzuwanderern nicht anders als bei den sog. "einheimischen".

JonBut
25
24.9.2009, 16:57
Lendvai in seinem Element

Eine Unterscheidung in Antisemitismus und Antizionismus ist wohl vom Professor zuviel verlangt.

orso minore
00
26.9.2009, 16:05

Diese Unterscheidung wuerde ich mir zwar oft dringend wuenschen, in diesem Artikel sind aber alle Beispiele antisemitisch (auch die aus dem Iran, die schauen nur so aus als ob sie es nicht waeren)

omar chamra
00
26.9.2009, 14:44
War die Rede des vom Obersten Ayatollah ernannten "Präsidenten" Irans "antizionistisch" oder schlicht antisemitisch?

Er sagte u.a.:
"Es ist nicht hinzunehmen, dass eine absolute Minderheit mit Hilfe eines raffinierten internationalen Netzwerkes und unmenschlicher Pläne über die Wirtschaft, Politik und Kultur wichtiger Teile der Welt herrscht, eine moderne Sklaverei beginnt und das gesamte Ansehen der Völker, selbst der europäischen Nationen und der US-Bevölkerung für ihre rassistischen Interessen opfert."
Ist das nicht das alte Stereotyp der Weltverschwörung? Entspricht das der komplexen Realität?

anders and
 
32
24.9.2009, 23:56

gibt es diesen Unterschied? Ist nicht Antizionismus einfach nur Antisemitismus mit einem guten Gewissen?

Alexei Pavlov
01
26.9.2009, 09:29

Und der Hass gegen die Nazis sei aus Ihrer Sicht auch der pauschale Hass gegen alle Deutschen oder wie?

JonBut
01
25.9.2009, 14:09

Das Gute Gewissen ist das, was der Staat Israel stets missen lässt.
Deshalb gibt es auch unter den Pro-Semiten nicht wenige, die antizionistisch sind.
Darunter, nicht offenbar aber offensichtlich, Österreichs verstorbener Sonnenkönig, alias Bruno Kreisky.

anders and
 
00
25.9.2009, 16:00

Kreisky als "Pro-Semit" ist doch etwas gewagt!
Welche Indizien hätten Sie denn dafür, etwa die Affäre Wiesenthal?

JonBut
00
26.9.2009, 10:17

Wiesenthal war sicher ein wesentlicher Faktor, warum der Pro-Semit (Jude) Kreisky zum Antizionisten wurde.
Aus der Opferrolle unverhohlen und immer wieder Kapital schlagen zu wollen ist nicht minder "gewissenslos".
Wiesenthal bestand auf Recht, bekam wegen Israels Fehlverhalten nicht selten Rache.

anders and
 
00
26.9.2009, 20:02
und wo ist der Beweis?

Wann war Kreisky je "Pro-Semit"?
Reicht Ihnen als Beweis die Tatsache, dass er Jude war? Wahrscheinlich denken Sie tatsächlich derart unreflektiert.

JonBut
00
27.9.2009, 09:37

Wo ist der Beweis, dass BK ein Antisemit war?
Reicht Ihnen die Tatsache, dass er Bundeskanzler von Österreich war?
Denken Sie tatsächlich derart unreflektiert?
IMHO ist die Antisemitismuskeule gegen Österreich seit dem Sonnenkönig eine bodenlose Hetze der wirklich Ewiggestrigen.

anders and
 
00
27.9.2009, 15:35
Sie drehen hier eine sehr eiernde Pirouette,

die Ihnen vermutlich elegant vorkommt:

Erst behaupten Sie, Kreisky wäre ein Pro-Semit gewesen.
Nachdem ich Sie um Belege dafür bitte beschimpfen Sie mich, weil ich keine Belege dafür bringe, dass er Antisemit war.

Macht nichts, die Beweispflicht liegt ohnehin nicht bei Ihnen, da Sie zu stringentem Argumentieren gar nicht in der Lage sind.

JonBut
00
29.9.2009, 09:45

Beweisen Sie mir doch, dass/wie ich Sie beschimpft habe.

kraeutrpolizei
11
24.9.2009, 16:15

die zeichen stehen auf krieg und in mitteleuropa wird er beginnen.

Herzerzog Johann
10
24.9.2009, 17:37
Fürcht dich weiter!

Viel Spaß!

kraeutrpolizei
00
24.9.2009, 19:01

danke, fühl mich schon besser!

eh' wurscht
00
24.9.2009, 16:44

Dann wird das Konzept der Unbildung aufgegangen sein.

Murmilo
00
24.9.2009, 15:44
Tabubruch? Wieso denn?

Tabu ist dieses Thema doch nur in at u de.
Aber nicht im Iran oder gar den Usa.

dekorhippe
00
24.9.2009, 15:01
es ist traurig

wie weltweit und hier im forum eine moderne version des ribbentrop-molotow paktes zwischen selbsternannten linken und rechten in form des gemeinsammen nenners "antisemitismus" geschmiedet wird ....

Hafner
18
24.9.2009, 14:30
Der französische Präsident sollte ...

... aufgrund seiner jüdischen Abstammung jüdische bzw. israelische Interessen vertreten?
Eigentlich eine Ungeheuerlichkeit von Lendvai derartiges zu fordern. Das ist Rassismus pur.
Wenn er es tatsächlich täte, wäre es ein Grund, ihn nicht zu wählen.

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