Sie wird die erste schwarze Gemeinderätin in Linz werden: Marie Edwige-Hartig im Interview
In Kamerun geboren, in Linz aufgewachsen, ab Sonntag im Gemeinderat. Als eine der ersten Schwarzen in Österreich wird Marie-Edwige Hartig nach dem Wahlsonntag am 27. September Gemeindepolitik machen. Mit derStandard.at spricht die Linzer Grünen-Kandidatin, die von ihren Freunden "Toutou" gerufen wird, über die Stimmung seit der schwarz-blauen Bundesregierung, falsche Vorbilder in der Öffentlichkeit und erklärt, warum sie unter "anständiger" Politik etwas ganz anderes versteht als die FPÖ. Lukas Kapeller fragte.
derStandard.at: Die Grünen halten im Linzer Gemeinderat sieben Mandate. Sie kandidieren auf Listenplatz 4, werden also so gut wie sicher eine der ersten schwarzen Gemeinderätinnen der Republik. (Schon von 2003 bis 2007 saß Beverley Allen-Stingeder im oberösterreichischen Gramastetten im Gemeindrat, Anm.) Was überwiegt: Stolz, Pflichtgefühl?
Hartig: Eigentlich ist es das zweite. Es war nicht wirklich meine Hautfarbe, die mich motiviert hat, politisch aktiv zu werden. Es ging mehr darum, ein Zeichen zu setzen gegen diesen Rechtsruck, der halt stetig mehr wird. Es gibt schon auch türkische Migrantinnen in der Politik, aber die sind halt nicht so sichtbar wie Menschen aus Afrika. Bei uns kommt man nicht drum rum (lacht). Stolz? Ich weiß nicht. Es zählt die Arbeit, die Leistung.
derStandard.at: Sie sind 1987 nach Österreich gekommen. Haben die Menschen ihren Umgang mit Migranten aus Ihrer Sicht verändert?
Hartig: Definitiv. Seit der schwarz-blauen Bundesregierung hat sich das Klima verschlechtert. Es ist irgendwie salonfähig geworden, Menschen auf der Straße zu diskriminieren, die anders aussehen oder sich anders benehmen. Das ist einfach normal geworden.
derStandard.at: Haben Sie da persönliche Erfahrungen gemacht?
Hartig: Ja, schon. Früher bin ich nie auf der Straße angepöbelt worden, mittlerweile schon öfter. Anfangs war ich die Exotin, weil es in den 80er Jahren nicht so viele Afrikanerinnen in Österreich gab. Es hängt sicher mit der Globalisierung zusammen, dass Flüchtlinge immer weitere Wege auf sich nehmen. Es stimmt schon: Sie sind sichtbarer geworden in den letzten paar Jahren. Gerade unter Schwarz-Blau hat aber die Zuwanderung sehr stark zugenommen. Zuerst hat's geheißen "Mit uns nicht", dann ist genau das Gegenteil passiert. So viel zur Seriosität der FPÖ.
derStandard.at: Die FPÖ hat in Oberösterreich ein beträchtliches Stammpublikum. Haider hielt zu Lebzeiten seine Aschermittwochreden in Ried im Innkreis, FPÖ-Chef Strache setzt die Tradition fort. Ist Oberösterreich fremdenfeindlicher als andere Bundesländer?
Hartig: Die Geschichte ist, glaube ich, in Österreich nicht wirklich aufgearbeitet worden. Dieses Denken ist schon immer im Untergrund geschlummert. Man hat zu wenig ernsthaft drüber geredet. Dann ist die FPÖ gekommen und hat gesagt "Unser Gedankengut ist eh normal". So ist es salonfähig geworden. Die sprechen öffentlich aus, was Menschen bis dahin nur in den eigenen vier Wänden gesagt haben.
derStandard.at: Was muss sich ändern?
Hartig: Wir müssen recht viel in Bildung investieren, damit man Menschen zu kritischen Bürgern erzieht, die alles hinterfragen, die nicht schlucken, was irgendwer sagt. Menschen, die selber das Köpfchen einsetzen. Da geht es um Ethik, um Verantwortung. Das betrifft vor allem Menschen, die eine Vorbildfunktion ausüben und mit der nicht gut umgehen, wenn ich mir zum Beispiel den Martin Graf ansehe, unseren Dritten Nationalratspräsidenten.
derStandard.at: Kurz zur Linzer FPÖ: Spitzenkandidat Detlef Wimmer hat sich wegen Kontakten zur rechtsextremen Gruppierung "Bund Freier Jugend" eine Offizierskarriere verbaut. Sebastian Ortner war mal bei der rechtsextremen VAPO, der 73-jährige Deutsche Horst-Rudolf Übelacker bei den als ultrarechts eingestuften "Republikanern".
Hartig: (lacht) Das ist der einzige wirkliche Ausländer, der für den Gemeinderat kandidiert.
derStandard.at: Diese Herren werden mit Ihnen im Gemeinderat sitzen. Schmälert das Ihre Freude?
Hartig: Es gibt gewisse Dinge, die ich durchsetzen möchte, und die werden wahrscheinlich nicht mit der FPÖ gehen. Aber ich bin offen, und grundsätzlich will ich niemanden ausschließen. Bei manchen Punkten wehren sie sich einfach, zum Beispiel bei einem Fairness-Abkommen oder bei anständiger Integrationsarbeit. Sie wollen reine Assimilation, und zwar aufs Gröbste. Was ist die österreichische Kultur? Das kann mir keiner beantworten. Müssen jetzt alle Migranten Bier trinken gehen, am Stammtisch sitzen und auf den Tisch hauen? Ist es das, was sie wollen?
derStandard.at: Auf manchen Plakaten in Linz wurden dem FP-Spitzenkandidaten dicke Pusteln ins Gesicht gepinselt und ein "L" hinzugefügt, sodass er "Detlef Wimmerl" hieß. So wird man die FPÖ aber nicht besiegen können, oder?
Hartig: Besiegen kann man die FPÖ nur mit anständiger Bildungsarbeit und anständiger Integrationspolitik, die auch Probleme anspricht. Bei den Grünen heißt's: "Ihr wollt ja sowieso, dass alle reinkommen". Das stimmt ja alles nicht. Wir leben in einem Land mit Gesetzen, und an die sollen sich alle halten. Wir wollen da nichts schönreden, aber auch niemanden in Angst und Schrecken versetzen. Mit irgendwelchen Parolen kann die FPÖ die Probleme scheinbar lösen, aber dann doch nicht. Sie hatten schon einmal die Möglichkeit zu regieren und haben kläglich versagt.
derStandard.at: Die Linzer ÖVP macht eigens mit Flugblättern Stimmung gegen ein Wahlrecht von Nicht-EU-Bürgern, obwohl dieses keine kommunale Angelegenheit, sondern Sache des Nationalrats wäre.
Hartig: Bei der ÖVP habe ich oft das Gefühl, dass sie die FPÖ rechts überholen möchte. Es ist nicht okay, wenn sie das "subjektive Sicherheitsgefühl" anschwärzen, indem sie metergroße Messer und Spritzen in der Stadt plakatieren. Gerade in einer Wirtschaftskrise muss man den Menschen doch Sicherheit vermitteln und nicht noch mehr Angst machen und gegeneinander aufhetzen.
derStandard.at: Die Grünen proklamieren: "In Linz leben Menschen aus 140 Ländern - und das ist gut so!" Eine Imas-Umfrage sagt: 20 Prozent der Menschen in Linz bezeichnen die Integration als ein "sehr großes", 23 Prozent als ein "ziemlich großes" Problem.
Hartig: Ja, weil bis jetzt keine Integrationspolitik stattgefunden hat. Man hat die Leute ins Land geholt und hat gesagt: Irgendwie wird das schon passen, aber das tut es eben nicht. Es liegt schon am Staat oder eben an der Kommune, Migranten zu fördern und zu fordern. Das ist nicht geschehen. Das Land Oberösterreich hat zumindest seit drei Jahren ein Integrationsleitbild. Da gibt es ein Papier, da gibt es Maßnahmen. Und da sieht man die großen Herausforderungen: Mülltrennung, Verkehr, Lärmbelästigung.
derStandard.at: Mülltrennung?
Hartig: In anderen Ländern ist es okay, wenn du den Müll auf die Straße schmeißt. Hier ist es nicht okay, und woher sollen die das wissen? Das muss ihnen jemand sagen. Man darf da nicht von uns ausgehen, sondern von einer Tabula rasa. Da muss man die Tafel zuerst neu schreiben, und dann kann man erst mit Sanktionen daherkommen.
derStandard.at: "Integration ist keine Einbahnstraße", lautet ein grüner Wahlspruch. Was heißt das konkret?
Hartig: Ich meine damit, wir haben uns anzuhören, was die anderen wollen. Nicht nur, dass die Gastgesellschaft sagt, dieses und jenes müsst ihr tun. Von euch darf nichts kommen, und wir bestimmen alles. Das kann's auch nicht sein.
derStandard.at: Zu den "Oberösterreichischen Nachrichten" sagten Sie, Sie fühlten sich nicht so sehr als Österreicherin, eher als Austro-Bamiléké (Volksgruppe in Kamerun, Anm.). Es gab Poster auf nachrichten.at, die monierten, sie müssten sich als angehende Gemeinderätin als Österreicherin fühlen.
Hartig: Ich denke, man kann sich als Sportlerin oder als Mutter fühlen und gleichzeitig auch als Österreicherin. Das eine schließt das andere nicht aus. Ich habe ja schon eine andere Kultur erlebt, da wäre es doch schlimm, wenn ich die einfach wegradieren würde. (Lukas Kapeller, derStandard.at, 24.9.2009)
Zur Person:
Marie-Edwige "Toutou" Hartig wird am 26. September 29
Jahre alt, einen Tag später wird die Linzerin aller Voraussicht nach
als erste Schwarze in einen österreichischen Gemeinderat einziehen.
Geboren in Bafoussam, Kamerun, kam sie 1987 nach Linz. Im Gymnasium war sie Klassensprecherin und stellvertretende Schulsprecherin, nach der Matura im Vorstand der "Black Community" Linz,
dem Dachverband afrikanischer Kulturvereine. Neben ihrem Engagement für
die Grünen schließt sie gerade ihr Psychologie-Studium ab.
Diplomarbeitsthema: "Akulturationsstrategien der Schwarz-AfrikanerInnen
im Großraum Linz". Sie hat eine 11-jährige Tochter.