Rundschau: Durch Wellen und Dünen

17. Oktober 2009, 14:10
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coverfoto: kiepenheuer und witsch

Frank Schätzing: "Limit"

Gebundene Ausgabe, 1.320 Seiten, € 26,80, Kiepenheuer & Witsch 2009.

Wie hektisch wohl hinter den Kulissen der Run auf  Rezensionsexemplare getobt haben mag? Nach dem Mega-Erfolg von "Der Schwarm" hat sich mit Sicherheit jeder von SF-Websites über tagesaktuelle Medien wie uns und das ehrenwerte Följetong bis hin zur "Petra" um den neuen Roman von Frank Schätzing geprügelt. Hoffentlich nicht mit dem Buch selbst in der Hand: Das würde angesichts seiner Masse zu tödlichen Quetschwunden führen. 1.300 Seiten! Und es glaube keiner, die wären in Balkenlettern bedruckt. - Hat man die anfängliche Hemmschwelle erst mal überwunden, findet man sich flugs in so etwas wie einem ins Jahr 2025 verlegten Agatha-Christie-Setting wieder, in dem sich die Reichen und Schönen inklusive ihrer Macken und Zickereien an einem exquisiten Ort versammeln; einer davon unter falscher Identität und mit mörderischen Absichten. Sammelplatz ist die ecuadorianische Isla de las Estrellas, der Ankerplatz des Weltraumfahrstuhls, der hinauf zur privaten Raumstation OSS führt und der die Raumfahrt revolutioniert hat. Wer in der international besetzten Richnik-Riege - vom russischen Oligarchen über die taiwanesische Modezarin bis zur US-Talklady - eine herausragende Rolle spielen wird, lässt sich lange Zeit nicht sagen. Im Mittelpunkt stehen allerdings der Milliardär Julian Orley (Schöpfer der Orley Space Station), der zwecks InvestorInnen-Suche zur Mondreise eingeladen hat, und seine Kinder: Tim, mit dem er im klassischen Vater-Sohn-Konflikt steht, und Lynn, die zusehends auf ihren zweiten großen Burn-out zutreibt. Eitles Geplauder prägt die Kapitel um die Mondreisegesellschaft - letztlich sind sie privilegierte VertreterInnen eines Utopia, das Hotels im Orbit und auf dem Mond errichtet hat und an einem zweiten Monaco baut, welches - idyllischen Berghang inklusive - durch die Südsee kreuzen soll.

Tief in den Niederungen der Erde bewegt sich indessen der Cyber-Detektiv Owen Jericho, den wir kennenlernen, als er im Süden Chinas einen Kinderporno-Produzenten hops nimmt. Seinen nächsten Auftrag erhält er von einem Industriellen, der ihn bittet die verschwundene Tochter eines Freundes aufzuspüren. Yoyo ist als Gründerin der Netz-Dissidentengruppe Die Wächter in Konflikt mit den chinesischen Behörden geraten; hinter ihrem jetzigen Abtauchen scheint aber mehr zu stecken. - Im Gegensatz zu den eminenten Fortschritten in Sachen Weltraum-Infrastruktur und globaler Energieversorgung scheint die Evolution des World Wide Web bis 2025 nur maßvoll vorangeschritten zu sein. Jericho ist jedenfalls in vergleichsweise gegenwärtigen Ermittlungen unterwegs - eine weise Entscheidung Schätzings, denn den Cyberpunk-Autor hätte ihm wohl kaum jemand abgenommen. Gemeinsam mit dem rührigen Software-Unternehmer Tu Tian und Yoyo hetzt Jericho in der Folge der Auflösung eines Geheimnisses hinterher, von dem die Sicherheit der Mondreisegesellschaft abhängt; und ein bisschen auch das Schicksal der Weltwirtschaft.

"Limit" ist viel zu lang, keine Frage. Dass der Roman deswegen nicht notwendigerweise langweilig wird, ist vor allem Schätzings launigem Stil geschuldet; auch wenn der bisweilen ins Geschwätzige übergeht. Als Meister der Selbstinszenierung kann Frank Schätzing entsprechendes Vermögen auch seinen Charakteren implantieren und sie in witzige Wortduelle treiben. Da wird sogar mal mit Selbstironie kokettiert: Gleich zu Beginn etwa räsoniert eine der Hauptfiguren, dass es nichts Uninteressanteres gäbe als das Meer - auch ein Kommentar zu den vielfach bekundeten Wünschen nach einer "Schwarm"-Fortsetzung. (Ähnlich wie "die Muse" in Albert Brooks' gleichnamigem Film einst "Titanic"-Regisseur James Cameron nahelegte: "Stay out of the water.") Einen 78-jährigen David Bowie auf der OSS Astronautenballaden singen zu lassen ist ein netter Einfall - ebenso wie der Umstand, dass der zum Mond mitreisende Schauspieler Miles O'Keefe just als Titelheld in der Verfilmung von "Perry Rhodan" zu Weltruhm gelangte. Solcherart Humor verzuckert die eigentliche Handlung, die sich aus zwei Grundelementen zusammensetzt: Spannung ("Limit" erinnert in vielerlei Hinsicht an Schätzings Polit-Thriller "Lautlos" aus dem Jahr 2000) und ... sagen wir: Didaktisches.

Bereits im "Schwarm" schuf Schätzing in einem fort Situationen wie Konferenzen oder Lagebesprechungen, in denen zusammenrecherchiertes Wissen zum Besten gegeben werden konnte. Das verstärkt sich hier noch einmal deutlich. Viele Motive - von der geschätzten Anzahl des Weltraummülls im Erdorbit über den Abbau von Helium-3 auf dem Mond als Lösung aller Energieprobleme bis zur Verwendung des lunaren Regoliths als Baumaterial für Mondbasen - hat man vielleicht noch aus der Wissenschaftsberichterstattung der vergangenen Jahre in Erinnerung. Doch damit ist es bei weitem nicht getan: Erklärt wird, was ein Avatar ist oder die Albedo, der Van-Allen-Gürtel oder ein geostationärer Orbit, die Grundregeln der chinesischen Etikette oder eine kurze Geschichte der Ölförderung in Äquatorialguinea; nicht selten hat man dabei das Gefühl, im Hintergrund das leise Surren eines Overhead-Projektors zu vernehmen. (Und es würde auch niemanden groß verwundern, wenn auf "Limit" ein themenbezogenes Sachbuch folgen würde wie einst "Nachrichten aus einem unbekannten Universum" auf "Der Schwarm".) Schätzing gefällt sich als kundiger Führer durch die Sehenswürdigkeiten der Mondoberfläche ebenso wie durchs pittoreske Großstadt-China oder das Berliner Pergamon-Museum. Der Wert dieser Passagen hängt ausschließlich vom Wissensstand der LeserInnen ab - sicherheitshalber gehen die Erklärungen jedenfalls vom Level Null aus. Das ist das Material, aus dem Bestseller geschnitzt werden. Was "Limit" allerdings fehlt, ist ein ähnlich effektiver Aufbau wie im "Schwarm", der sich ja in Stufen einer fortschreitenden Eskalation präsentierte. Hier kommt die Handlung erst so nach und nach in Gang - beziehungsweise die Handlungen, denn die beiden Plot-Linien auf dem Mond und auf der Erde beeinflussen einander zwar, sind aber über den größten Teil des Romans hinweg nur geringfügig verzahnt.

Das Pulver der Science Fiction hat Frank Schätzing mit "Limit" sicherlich nicht erfunden. Es bleibt ein recht unterhaltsamer Roman, der seine Momente ebenso hat wie seine Längen und der für LeserInnen vor allem dann interessant ist, wenn sie sich mit den abgehandelten Themen zuvor nicht oder kaum beschäftigt haben. Für andere erschließen sich hier keine neuen Horizonte - außer sie legen die im Dezember erscheinenden CDs der Hörbuch-Version im Auto ein. Damit können sie dann nämlich weit, weit, weit fahren.

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