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Direktflug in die Nazi-Falle

Rebecca Sandbichler, 23. September 2009 16:15
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    Foto:derstandard.at/rebecca sandbichler

    Diese Anzeige auf der Rückseite des aktuellen ITS-Billa-Reisekatalogs bewirbt Direktflüge der Austrian Airlines nach Paris

"Jedem das Seine": Nach Tchibo und Esso sind auch die Austrian Airlines in die Falle getappt und ziehen ein ähnliches Sujet sofort zurück

"Jedem die Seine"- Mit diesem Sujet bewirbt Austrian Airlines auf dem Reisekatalog "ITS Billa Reisen" Direktflüge nach Paris. Mit dem Wortspiel um Frankreichs Fluss "Seine" im Rahmen einer bundesweiten Kampagne trat Austrian in den Klub jener Unternehmen ein, die in der Vergangenheit mit dem historisch belasteten Spruch "Jedem das Seine" bereits in die Nazi-Falle getappt waren.

Immer wieder verwendet

Entweder ein Beispiel "totaler Geschichtsunkenntnis" oder eine "nicht zu überbietende Geschmacklosigkeit" nannte Salomon Korn, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, jenen kommunikativen Fauxpas, den sich die Unternehmen Tchibo und Esso im Jänner "geleistet" hatten. Sie hatten an bundesweit 700 Tankstellen Kaffee-Werbeplakate mit dem Slogan "Jedem den Seinen" angebracht.

Die Welle der Empörung brachte damals die überregionale, deutsche Tageszeitung Frankfurter Rundschau ins Rollen - als sie sich erkundigte, warum die neue Kampagne an den im Nationalsozialismus missbrauchten Spruch "Jedem das Seine" erinnere. "Der historische Kontext" der Kampagne sei den Verantwortlichen "nicht bewusst" gewesen - sie wurde sofort gestoppt, Esso und Tchibo entschuldigten sich. Doch der deutschlandweite Skandal war nicht mehr aufzuhalten.

Vor ihnen gab es schon viele, die mit der Verwendung dieser so vielfältig einsetzbaren Redewendung in Erklärungsnöte geraten sind: Nokia, Burger King, die REWE Group, die nordrhein-westfälische Schüler-Union und die Münchner Merkur-Bank mussten schon unter großer öffentlicher Schelte ähnliche Kampagnen zurückziehen.

Spruch im Eingangstor zum KZ

Denn "Jedem das Seine" gehört zu den von den Nazis vereinnahmten und somit wohl für immer unbrauchbar gemachten Idiomen der deutschen Sprache. Die lateinische Entsprechung "suum cuique" findet sich unter anderem in Schriften des römischen Philosophen, Anwalts und Politikers Marcus Tullius Cicero - als Ausdruck für Gerechtigkeit.

Das Rechtsverständnis der Nationalsozialisten war ein anderes: Sie ließen diese Wendung in das Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald, bei Weimar, einarbeiten. "Jeder bekommt was er verdient" war die zynische Botschaft an 250.000 Gefangene, von denen fast ein Viertel im Konzentrationslager umkam.

Dieses düstere Kapitel der Menschheitsgeschichte war wohl nicht, was die Werbeagentur Jung von Matt im Sinn hatte , als sie eine neue Print-Kampagne für den deutsch-österreichischen Fluglinienbetreiber Austrian Airlines entwarf: "Jedem die Seine" lautet das Sujet, das auf einem ITS-Billa-Reisekatalog sofort ins Auge sticht. Auf den zweiten Blick erkennt man Notre Dame - es geht um die Stadt der Liebe, Paris.

Sujet wird "sofort gestoppt"

Mit "lustigen Wortspielen" habe man Direktflüge in Destinationen wie New York, Dubai oder eben Paris bewerben wollen, erklärt Austrian-Airlines-Pressesprecherin Pia Stradiot: "Dubai sein ist alles" oder "A Big Apple a day" seien zum Beispiel zwei vollkommen unverfängliche Sujets der Kampagne gewesen.

Stradiot zeigte sich entsetzt, als derStandard.at sie darüber informierte, dass zwischen dem Austrian-Sujet "Jedem die Seine" und der von den Nazis missbrauchten Redewendung "Jedem das Seine" möglicherweise eine Verbindung hergestellt werden könnte. Austrian gehe bei seinen Kampagnen "äußerst sensibel" mit den Gefühlen der Menschen um, doch der historische Kontext "war leider weder uns noch unserer Agentur bewusst".

Bei der Gestaltung der Anzeige sei das Spiel mit der französischen Sprache im Vordergrund gestanden: "Wir dachten, dass sofort Notre Dame und die Seine im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen würden", erklärt Stradiot. Offensichtlich könne man jedoch nicht ausschließen, dass dem Betrachter die negative Konnotation der Redewendung in den Sinn komme. Niemals hätte im Licht der historischen Bedeutung Austrian Airlines dieses Sujet Teil der Kampagne gemacht, betonte Stradiot. "Natürlich wird das Sujet sofort gestoppt."

Radatz blieb bei "Jedem das Feine"

Im österreichischen Werberat ist zu der Anzeige von Austrian Airlines noch keine Beschwerde eingegangen - wohl aber zu einem verwandten Sujet des Wiener Wurstwarenherstellers Radatz. Mit der Verwendung des Slogans "Jedem das Feine" für die Bewerbung von Grillwürsten werde "das Andenken an die Leiden der Inhaftierten während der Nazizeit herabgesetzt", schrieb der Beschwerdeführer. Eine Beurteilung durch den Werberat war allerdings nicht möglich, da ihm das entsprechende Sujet nicht vorgelegt wurde.

"Jedem das Seine" sei etwas ganz anderes als "Jedem das Feine", kommentierte Peter Deisenberger, Gründer und Creative Director der zuständigen Agentur Büro 16, das Sujet gegenüber dem Falter am 29. April 2009. "Und nur, weil die Nazis Wörter in einen furchtbaren Kontext gesetzt haben, darf man sich doch die deutsche Sprache nicht aus der Hand nehmen lassen." (Rebecca Sandbichler/derStandard.at, 23.9.2009)

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Website des Österreichischen Werberats

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 428
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Hansi Huber
21.10.2009 08:27
Was für ein Glück

Man stelle sich vor, dort stand "Guten Morgen" oder etwas dergleichen.
Man dürfte das nie wieder sagen...

Alkimist
 
08.10.2009 11:41

Wenn der Texter den Spruch kannte und es als witzig empfand ihn abzuändern, sollte er einsitzen. Wenn er ihn nicht kannte, sollte er nachsitzen.

co2ffee
15.10.2009 18:31
Oder:

Einfach aussitzen. Wohl das beste.

Fenstergucker2
07.10.2009 13:30
schon ein nervender Blödsinn

ständig irgendwelche Verbindungen zu miesen oder idiotischen Nazisprüchen herzustellen.
Wenn uns da keiner darauf aufmerksam macht, dann könnte man die Nazis direkt vergessen.

RockSteady
07.10.2009 12:09
idiotie sondergleichen ...

... was in den letzten jahren an kritik an angeblich rassistischer bzw. ns-wiederbetätigender werbung laut wird. das tragische daran ist dass worte, kunst und dergleichen aus der damaligen zeit zutiefst verunglimpft werden, das gedankengut aber heute stärker als je zuvor wieder aufflammt ... wir sehen zu wie die wahlergebnisse ins tief rechte abrücken, wie die untere bildungsschicht mit rechten parolen gelockt wird und wie sich blauäugig retuschierte herrschaften am viktor adler markt als neue führer der herrenrasse aufspielen ... aber wir regen uns ja lieber über einen satz auf den niemand inhaltlich mit dem NS regime in verbindung bringt anstatt was gegen tatsächlich verächtliche werbung zu tun...

schnauze!
06.10.2009 09:37
das ist doch

albern! ehrlich mal. lg

Danijel Jovanovic
01.10.2009 23:17
Schön langsam

beginnt es zu nerven.

chlorophyllmarxist
29.09.2009 01:41
Man kanns auch übertreiben.

minenentschärferin
27.09.2009 15:08
Am besten die Klappe halten

nur so ist man nämlich vor der Nazi-Falle sicher.

ChrisTom
27.09.2009 01:08
nebsbei bemerkt: Direktflug in die Nazi-Falle

ginge auch als Werbespruch für Direktflüge nach Stalingrad durch, odrr?

Renfah
30.09.2009 22:10
also der war gut...

Diagonal Norte
26.09.2009 12:13
Peter Turrini

...schrieb 2007 (mit Silke Hassler) eine sog. Volksoperette "Jedem das Seine". Uraufführung im Stadttheater Klagenfurt.

Saint John
30.09.2009 16:18

Sie wissen aber sicherlich, dass sich der Inhalt des Stückes mit dem Mord an ungarischen Juden während der NS-Zeit beschäftigt, oder? Da ist der Titel wohl auch angebracht.

Diagonal Norte
30.09.2009 16:32
ja eh

das war quasi als abrundung gedacht

Bromer
24.09.2009 23:33

Liebe aufgeregte Vorposter,
könnten Sie Ihr Opferpathos langsam wieder einstellen? Wenns Ihnen guttut, stellen Sie sich halt auf den Heldenplatz und schreien Sie laut "Jedem das Seine!", Sie kommen dafür weder ins Gefängnis noch werden Sie enthauptet - aber leider, leider müssen Sie es aushalten, daß manche Menschen den Spruch mit KZ-Toren in Verbindung bringen und Sie dafür kritisieren!

Max User
25.09.2009 12:36

Opferpathos ... gefällt mir.

Steirischer 7
24.09.2009 23:15
Letztendlich wird man zu jedem Nazi sagen können ....

... und keiner wird sich beleidigt fühlen, weil die Nazi-Keule für solch lächerliche Dinge missbraucht wurde. Schade.

wackelkandidat
25.09.2009 00:59

gibts dazu auch eine Erläuterung?

AnyGivenSunday
06.10.2009 11:25

ich nehme an, der gute herr meinte lächerliche dinge, wie diesen beitrag. ich nehme auch an, daß man das normalerweise nicht hätte extra erklären müssen, aber für sie und ihre vier grünen stricherl tu ich das gerne.

Dagobert Drache
24.09.2009 21:54
Zusammenfassung

Aufregung gut, weil NS-Gräuel ins Bewusstsein gerufen werden. Aufregung trotzdem aufgebauscht, weil "Jedem das Seine" nicht "Arbeit macht frei" ist. Wann hat Platon noch einmal den "Staat" geschrieben? 400 v. Chr. oder so. Der Spruch gehört zur europäischen Kultur.

Das Mädchenorchester von Auschwitz hat dem Lagerkommandanten Schumanns "Träumerei" vorspielen müssen. Darf ich es heute noch hören? Ich glaube: ja.

peter lindenberg
24.09.2009 21:07
viel schlimmer ist doch,

dass die agentur nicht weiss, wie es anderen firmen im benachbarten ausland mit dem slogan ergangen ist. niemand ist verpflichtet "jedem das seine" mit dem dritten reich in verbindung zu bringen. da gibt es wichtiger dinge zu wissen.

Searles
 
24.09.2009 19:18

Irre, mit welchen Argumenten Nazi-Sprueche gerechtfertigt werden und welche Bewertungen Poster bekommen, die meinen, diesen Spruch mit dem KZ in Verbindung zu bringen. Als waere man irgendwie ein Boeser, weil man Geschichte gelernt hat...

Der Moritz
24.09.2009 22:54

Daran erkennt man, wie wenig die österreichische Gesellschaft mit dem Thema Nationalsozialismus bisher fertig geworden ist.

ChrisTom
27.09.2009 00:30
wird sich auch nicht mehr ausgehen

das mit dem Nationalsozialismus fertig werden.
Die betroffene Generation stirbt langsam aus, und ich als Vetreter der Nachfolgegeneration habe nicht das Gefühl diesbezüglich etwas verarbeiten zu müssen.
Wenn Sie Nationalsozialismus mit der in unserem Land ziemlich weit verbreiteten Fremdenangst gleichsetzen, dann haben wir eine global Verarbeitung nötig, weil dieser findet sich in vielen Länder.

Steirischer 7
24.09.2009 22:29

Es handelt sich um keinen Nazi-Spruch. Punkt.

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