Dem Krieg entkommen und doch eingeholt worden

18. Oktober 2009, 09:57
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Wie lebt man mit den Folgen eines Krieges an den man sich nicht einmal erinnern kann? Alma und Mediha flüchteten als Kleinkinder aus Bosnien. Hier erzählen sie, wie der Krieg heute noch ihr Leben beeinflusst

Alma und Mediha sind zwei junge Frauen am Beginn eines neuen Lebensabschnittes. Sie haben gerade ihre Matura an einem Gymnasium in Oberösterreich gemacht und beginnen nun ihr Jura- bzw. Sprachen-Studium.  Alma und Mediha teilten sich aber nicht nur eine Klasse sondern auch eine Geschichte, die Geschichte als der Krieg über das Land ihrer Geburt kam und ihre Familien ihr Hab und Gut zusammenpacken und flüchten mussten. Beide waren erst ein Jahr alt. Wie beeinflusst der Krieg um Jugoslawien heute das Leben dieser zwei jungen Frauen, deren einzige Erinnerung daran oft nur das Geheul des Bombenalarms ist? DerStandard.at befragte die beiden getrennt und entdeckte, dass, auch wenn man ein Schicksal teilt, die Gedanken und Gefühle dazu ganz unterschiedlich sein können.

derStandard.at: Was sind deine letzten Erinnerungen an Bosnien, wie ist deine Familie geflüchtet?

Alma: Ich kann mich an fast nichts mehr erinnern, ich war erst ein Jahr alt. Wir sind kurz vor meinem ersten Geburtstag geflüchtet. Wir lebten in Višegrad im Osten Bosniens, wo auch die meisten meiner Verwandten wohnten. Meine Mutter hatte bereits eine Feier vorbereitet, auch Gäste eingeladen. Auf einmal gingen die Sirenen los, weil Flugzeuge über die Stadt flogen. Wir mussten in den Keller gehen, meine Mutter war damals hochschwanger. Mein Bruder kam nur Tage später in einem Krankenhaus in Serbien zur Welt. Wir kehrten gemeinsam mit meinem Vater noch einmal nach Višegrad zurück.

Mein Bruder schrie oft und meine Mutter hatte Angst, dass er umgebracht wird. Denn um acht musste das Licht aus sein, man musste still sein, draußen patrouillierten serbische Wachen. Wir schafften es aus der Stadt, drei Monate dauerte unsere Flucht. Endlich in Österreich wurden wir dann von einer Familie aufgenommen. Meine Mutter wollte eine Arbeit finden und die Sprache lernen. Sie fuhr zum Arbeitsamt und bekam einen Job bei der Heimhilfe. Sie arbeitete Tag und Nacht, mein Vater passte auf uns auf. Meine Mutter machte ihre Nostrifizierung mit der Hilfe unserer Gastfamilie. Danach bekamen wir die Staatsbürgerschaft. Damals kostete es 10.000 Schilling, damit man die Staatsbürgerschaft bekommt, das war viel Geld aber meine Mutter musste es machen, damit sie einen Arbeitsplatz bekommt. Meine Eltern lernten Tag und Nacht die Sprache. Ich will jetzt dem Strache nicht zusprechen, aber in manchen Sachen hat er schon Recht, wenn Menschen, die nur zwei Wörter Deutsch reden, die Staatsbürgerschaft bekommen, das finde ich auch nicht gut.

Mediha: Erinnerungen an Bosnien vor dem Krieg habe ich keine, denn als wir geflüchtet sind, war ich noch sehr klein, gerade 1 1/2 Jahre.
Doch die Fluchtsituation wurde mir erzählt. Wir mussten unsere Stadt von einer Sekunde auf die andere verlassen, wir wussten nicht, dass der Krieg kommen würde, also flohen wir ins Unbekannte.
Wir wussten nicht, wo wir enden würden und das Geld, das wir mitnehmen konnten, war sehr schnell weg.
Wir hatten sehr großes Glück unser Land lebend verlassen zu haben.
Wie gesagt, wir hatten fast nichts und es war eine alptraumähnliche Situation bis wir nach Waldneukirchen (OÖ) kamen, wo wir von sehr netten Menschen umgeben waren, die uns sehr halfen und die wir nie vergessen werden.

derStandard.at: Hast du noch eine Beziehung zu Bosnien, fühlst du dich noch verbunden?

Alma: Verbunden? Das kann ich nicht so richtig sagen. Wenn wir zum Beispiel nach Bosnien fahren, nach Sarajevo, das war einmal eine Großstadt, eine der schönsten Städte der Welt. Wenn ich jetzt dorthin fahre, ist die Situation eine andere. Wenn ich mir die Häuser ansehe, sehe ich die Einschläge der Bomben und ich weiß, ich war dabei, aber ich kann mich an nichts erinnern. Natürlich versuchen die Menschen, alles wieder neu aufzubauen. Es gibt ja auch neue Gebäude, die aussehen wie in Wien. Aber man bemerkt die Armut. Es ist schlimm, wenn man dort ist, an jeder Straßenecke steht jemand, der Geld will. Es ist noch viel zu tun.

Mediha: Ich fühle mich noch sehr verbunden mit meinem Land, meiner Kultur und meiner Religion. Ich fahre sehr gerne und oft nach Bosnien.
Meiner Ansicht nach, sollte man immer wissen wo seine Wurzeln liegen und seine Herkunft nicht vergessen.
Doch genauso wie ich sage, Bosnien ist mein Heimatland, genauso sage ich, dass auch Österreich meine Heimat ist.
Genauso wie Bosnisch und Deutsch meine Muttersprachen sind.
Ich habe zwei Heimatländer und zwei Muttersprachen!

derStandard.at: Beeinflusst der Krieg heute noch immer dein Leben?

Alma: Nein, also wir hatten eigentlich ziemlich viel Glück, allein in Višegrad sind 3000 Menschen gestorben, in Srebrenica 10 000. Wir wissen noch immer nicht wo meine Großtante und mein Großonkel sind. Wir wissen nur, dass sie nach Srebrenica gefahren und wahrscheinlich gestorben sind.

Mediha: Der Krieg hat in unseren Leben ein schmerzhaftes, tiefes Loch hinterlassen. Es sind schreckliche Sachen passiert, die man sich in seinen schlimmsten Alpträumen nicht vorstellen kann. Meine Familie und ich haben durch den Krieg Familienmitglieder, Freunde und eigentlich alles, was uns gehört hat, verloren.
Ich rede nicht viel darüber, eben aus dem Grund weil es noch wehtut.
Der Krieg spielt immer noch eine Rolle in unserem Leben und wird immer in unserer Erinnerung bleiben, das ist ein Schmerz, der nicht so schnell verklingen wird und kann.

derStandard.at: Hast du das Gefühl, deine Vergangenheit unterscheidet dich von Altersgenossen?

Alma: Ja sicher, vor allem meine Religion ist dadurch beeinflusst. Jetzt bin ich ohne Bekenntnis, aber in Bosnien wäre ich in der Schule im Islam unterrichtet worden. Mein Mutter hätte mich dort genauso wie hier erzogen. Aber für mich macht Religion eigentlich nicht so viel aus, ich finde, überall gibt es einen Gott, jeder soll glauben, wie er will. Ich glaube nicht, dass es mich anders macht. Ja natürlich, durch die Sprache, ich bin zweisprachig aufgewachsen, und vielleicht hätte ich jetzt auch andere Chancen, wenn ich einen Abschluss in Bosnien gemacht hätte, denn dort beginnt gerade alles neu.

Mediha: Nein, das finde ich nicht.
Ich habe bosnische Freunde mit denen mich natürlich meine Vergangenheit verbindet, doch auch andere Gemeinsamkeiten.
Ich habe auch viele österreichische Freunde, mit denen ich ebenfalls viele Gemeinsamkeiten habe. Ich sehe nicht wirklich einen Unterschied.

derStandard.at: Denkst du, dass andere Menschen, die so etwas nicht erlebt haben, gar nicht wissen, wie leicht es zu einem Krieg kommen kann?

Mediha: Ich denke man kann sich das nicht so recht vorstellen, wie unglaublich schnell es zu so einer Katastrophe kommen kann.
Wir hatten ja auch keine Ahnung und mussten plötzlich fliehen.
Ich kenne Leute aus meinem Verwandten- und Bekanntenkreis, die gesagt haben, sie werden ewig neben ihrer Tür einen Koffer mit den notwendigsten Sachen haben, damit sie zumindest etwas haben womit sie fliehen können.
Damit sie dieselbe Tortur nicht noch einmal durchmachen müssen.

Alma: Selbst die, die dabei waren konnten sich nicht vorstellen, dass so etwas mitten in Europa passiert, vor allem nicht nach dem zweiten Weltkrieg. Das keiner etwas dagegen unternimmt. Ich weiß nicht, ob das heute auch noch einmal passieren könnte. Aber ich meine wenn man sich ansieht, wie die letzte Europa Wahl war, da war auch Rechtextremismus in ganz Europa vertreten. Aber über den Bosnien-Krieg spricht man nicht so viel habe ich den Eindruck.

derStandard.at: Kannst du dir vorstellen wieder nach Bosnien zurückzugehen?

Alma: Nein eigentlich nicht. Ich habe hier mein Leben, ich habe unten außer meinem Onkel, meiner Tante und meiner Cousine eigentlich gar nichts.

Mediha: Ja, ich kann mir das sehr gut vorstellen. Ich studiere die Sprachen Deutsch, B/K/S (Bosnisch, Kroatisch, Serbisch) und Englisch, daher könnte ich später sowohl hier als auch in Bosnien als auch in einem anderen Land arbeiten.
Aber wo mich mein Weg nach dem Studium hinführt, wird sich noch herausstellen.
Aber ja, ich kann mir das sehr gut vorstellen dort zu leben.

(inho/derStandard.at/18.10.09)

  • Alma
    foto: privat

    Alma

  • Mediha
    foto: privat

    Mediha

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