Das Grauen hinter der Schweinchenmaske

7. April 2003, 21:54
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Martin Puntigam brilliert als Alltagsmonster

Wien - In Fett geröstetes, aufgegossenes Mehl für Gemüse, Suppen und dergleichen: die Einbrenn. Mit Kochen hat der Antiheld, den Martin Puntigam in seinem neuen Programm entwickelt, allerdings nichts zu schaffen. Der namenlose Icherzähler, ein später Scheidungswaise und früher Studienabbrecher, schildert scheinbar wahllos, unzusammenhängend Episoden, die sich in die Seele brannten: Die Einbrenn des Lebens.

Ein ganz passables Wortspiel, doch wird der Titel dem raffiniert gebauten Monolog nicht gerecht. Denn Puntigams Alltagsmensch verwandelt sich im Laufe des Abends (die Premiere fand in der Kulisse statt) in ein menschenverachtendes Ungeheuer.

Und zwar reziprok zu seiner Erscheinung: Langsam, geradezu bedächtig legt der Mann mit dem treuherzig-naiven Blick das groteske Kostüm aus Schweinchenmaske und Ballonrock, bedruckt in Militärtarnfarben (von Martina Salner), ab, um schließlich im gepflegten Outfit - dunkler Anzug, helles Hemd und ein verdächtiges gelbes Halstuch - seinen Gewaltfantasien und Tagträumen zu frönen.

Im Zuge dieser Verwandlung steht Puntigam fast nackt auf der Bühne: Er zeigt ungeniert seinen Durchschnittskörper. Derart schonungslos verfährt er auch mit seiner Kunstfigur. Doch es braucht viel Zeit, die Facetten dieses mitleidheischenden Verlierertyps darzulegen (Regie: Jochen Herdieckerhoff): Puntigam verwendet dabei auch einige Passagen aus älteren Programmen. Schließlich hatte er ursprünglich bloß eine Best-of-Kompilation geplant.

Die Charakterisierung des Erfolglosen ist dennoch unglaublich plastisch: ein Vater, der gegenüber seinem Kind die Nerven verliert. Ein Gelegenheitsarbeiter, der von einer Karriere als Erfinder träumt. Ein Exstudent der Mathematik, der jedem Problem technisch-exakt argumentierend beizukommen versucht. Ein Waffennarr, der alle Einzelheiten der Walther PPK kennt. Ein in der Ehe Gescheiterter, der Sex mit seiner Nachhilfeschülerin hat, die er brutal zu manipulieren versteht.

Und plötzlich, als er von seinem Entschluss, Bodyguard zu werden, berichtet, fügen sich die Einzelteile zusammen: Puntigams Herr Karl entpuppt sich als Bewunderer von Wolfgang Schüssel. Denn der habe etwas gemacht aus sich: Er sei kein Rechtspopulist geworden, obwohl doch sein Vater ein Illegaler gewesen sei. Und er sei gezwungen worden zu lügen. Denn wenn er einmal die Wahrheit ausspricht, fallen die Journalisten über ihn her. Siehe: Brüsseler Frühstück. Diesen Kanzler also will er schützen. Sein Vertrauter werden will er auch. Ein atemberaubendes Finale, ein großartig böses Kabarett. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.3.2003)

Von Thomas Trenkler
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