Kopfloser Lorbeer

2. April 2003, 13:01
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Kleist und das irakische Fernsehen

In der Niederwerfung des alten Zweistromlandes zwischen Euphrat und Tigris findet ein merkwürdiges Bild militärischen Draufgängertums seine Auferstehung. Wenn sich vor ihnen nicht gerade der Sand zu wirbelnden Hosen auftürmt, hetzen die Panzerspitzen der US-Kavallerie ohne Unterlass durch die irakische Wüste.

Es scheint geradezu, als ob die Schnelligkeit ihres Fortkommens mit der Ortlosigkeit der sie umgebenden Wüstenei in einem logischen Einklang steht: Die lasergestützte und satellitengelenkte Ausgabe der alten "Reuterei" (Heinrich von Kleist) flieht mit verhängten Zügeln die Unwirtlichkeit von Landstrichen, die man sich als leere, "substanzlose" Flächen denken mag.

Was auch immer die Invasoren dieser Tage rund um Bagdad noch erwarten mag: Die Obristen der modernen Hightech-Kolonnen sind offenbar zur Übereilung gezwungen - so sehr, dass sogar US-Kommandeur Franks von "dra^matischen Fortschritten" spricht, wenn er die geschwindigkeitstechnische Übererfüllung der vorgeschlagenen Norm zu loben sich bemüht. Der Ehrgeiz ist, ohne jeden Zynismus, sportiv: Heutige Marschbefehle gleichen Startschüssen zu Rallyes mit unabsehbaren Ergebnissen.

Es ist dieses Vorpreschen blinder Siegesgewissheit, das der preußische Dichter Kleist in seinem Schauspiel Prinz Friedrich von Homburg (1811) zum Inbegriff sittlichen Scheiterns erhebt. Der Prinz ist, erotischer Machinationen wegen, geistig derart abwesend, dass er dem bindenden Tagesbefehl, mit dem Angriff seiner Reiterei unter allen Umständen zuzuwarten, nicht zu folgen vermag: Er solle, "wie immer auch die Schlacht sich wenden mag,/ vom Platz nicht, der ihm angewiesen, weichen" - fürwahr ein Hemmnis für jemanden, der den sicheren Siegeslorbeer nur aus der Luft zu pflücken braucht.

Der unglückliche Kleist, der den Militärdienst zwar hasste, deswegen aber noch lange kein in der Wolle gefärbter Pazifist war, hat in seinem Homburg für den militaristischen Mumpitz ein paar Phrasen übrig: "In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!". In seiner Schilderung einer Bataille von 1675 aber gerät das Phantom eines sieghaften Blitzkrieges in den schlimmstmöglichen aller Begründungsnotstände.

Kann es nicht sein, so Kleist, dass der sich übereilt habende Sieger, der die Widrigkeiten tollkühn niederreißt, der Welt buchstäblich ganz abhanden kommt?

Der jugendliche Prinz wird vom Kurfürsten seines Ungehorsams wegen zum Tode verurteilt - und seine wenig glaubwürdige Errettung vor der Schmach soll auch hier gar nicht das Thema sein.

Homburg, als Sieger in Haft gesetzt, sieht sich aus der Mitte des Lebens herausgerissen: "Träum ich? Wach ich? Leb ich? Bin ich bei Sinnen?" Mit dem Verwirken seines (militärischen) Lebensrechtes befällt den Prinzen, diesen Ausbund an Unerschrockenheit, die grämlichste Lebensangst. Er sieht das Grab, das man für ihn schon aufgetan hat, und bettelt wie ein Waschweib um sein kreatürliches Lebensrecht.

Man fühlt sich an die schreckgeweiteten Augen jener G.I.s erinnert, die vom irakischen Fernsehen wie Trophäen vorgeführt wurden: Nicht die Tatsache der Gefangennahme beschäftigt die Fantasie der Fernseher, sondern das Leiden von Mitmenschen, die, als "Instandsetzungsmechaniker" am falschen Ort zur falschen Zeit sich selbst abhanden gekommen scheinen - in der seltsamen Mittlerstellung, die sie televisionär einnehmen zwischen dem Siegeslorbeer am Himmel und einer anonymen Grabesstätte im irakischen Sand. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 27.3.2003)

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