derStandard.at-Interview

"Die Grünen sind so scheinheilig"

22. September 2009 11:33
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    Foto: standard/corn, corn@corn.at

    Seyran Ates: "Das Kopftuch verhüllt den Körper der Frau, damit Männer sie nicht belästigen. Ist das der freie Wille? Die Grünen führen an dieser Stelle nicht die offene und ehrliche Diskussion."

Die deutsche Islamkritikerin Seyran Ates erklärt, warum sie die Grünen aus feministischer Sicht für unwählbar hält

Die türkischstämmige Berliner Publizistin Seyran Ates gehört zu den prominentesten feministischen Islamkritikern in Deutschland. Zuletzt erregte sie mit ihrer Empfehlung, die Grünen bei der kommenden Bundestagswahl nicht zu wählen, Aufsehen. In einem offenen Brief werfen ihr zwanzig Grünpolitiker Anbiederung an das rechte Spektrum vor. Im Interview mit derStandard.at erklärt Ates, was es damit auf sich hat.

***

derStandard.at: Was stört Sie an den Grünen so sehr, dass Sie öffentlich vor ihnen warnen?

Seyran Ates: Ich bin von den Grünen enttäuscht. Weil die Grünen, wie ich dachte, für multikulturelle Gesellschaft und für ein friedliches Zusammenleben der Religionen stehen, weil sie gegen konservative, althergebrachte Traditionen und Rollenbilder kämpfen und linke Positionen vertreten. Die Grünen haben nie akzeptiert, dass es zwischen Mann und Frau einen auf Religion bezogenen Unterschied gibt, solange es um die katholische Kirche geht. Beim Islam machen sie plötzlich eine Ausnahme, sobald es um Muslime geht, knicken die Grünen aus vermeintlich religiösen Gründen ein. Mich regt es auch so besonders auf, weil die Grünen programmatisch eigentlich für etwas anderes standen und auch stehen.

derStandard.at: Sie werfen den Grünen also vor, Religionsfreiheit über die Menschenrechte zu stellen?

Seyran Ates: Ja, sobald es um den Islam geht, sind die Menschenrechte nicht mehr so wichtig. Man muss sich nur diverse Talkshows ansehen, wo Frau Roth (Claudia Roth ist Vorsitzende der Grünen, Anm.) schon von ihrer Körpersprache her allergisch auf Vertreter der katholischen Kirche reagiert. Wenn sie hingegen neben einer kopftuchtragenden Frau sitzt, hat sie größte Sympathie und Toleranz dafür. Die patriarchalen Strukturen im Islam, die gerade durch das Kopftuch symbolisiert werden, würden viele Grüne in einer Diskussion nie akzeptieren, wenn es um Deutsche oder um Christen geht.

derStandard.at: In einem offenen Brief an Sie argumentieren zwanzig Grüne damit, muslimische Frauen sollten frei entscheiden dürfen, ob sie das Kopftuch tragen wollen oder nicht.

Seyran Ates: Das finde ich sehr weltfremd. Wer sich mit dem Thema wirklich ernsthaft und ehrlich beschäftigt, muss sich die Frage stellen, ob es in der islamischen Welt, etwa in den Moscheen, tatsächlich die Möglichkeit gibt, den freien Willen zu äußern. Kann man seine Kinder wirklich so frei erziehen? Das Kopftuch verhüllt den Körper der Frau, damit Männer sie nicht belästigen. Ist das der freie Wille? Die Grünen führen an dieser Stelle nicht die offene und ehrliche Diskussion.

derStandard.at: Wie könnte diese Debatte in Ihren Augen denn aussehen?

Seyran Ates: Vor allem wird den jungen Menschen nicht erklärt, warum dieses Kopftuch ursprünglich gedacht war, nämlich um die sexuellen Reize der Frau zu bedecken. Auch heute wird noch damit argumentiert, dass das Tuch die Frau davor schützt, als Sexualobjekt betrachtet zu werden. Mein freier Wille braucht den Raum, dass ich, ohne mein Haar zu bedecken, nicht als Sexualobjekt betrachtet werde.

derStandard.at: In Ihrem Text in der Welt schreiben Sie, dass Sie in keiner anderen Partei so viele Frauen gesehen haben, die Kopftuch tragen, wie bei den Grünen. In dem offenen Brief hingegen heißt es, nur zwei aktive Grüne trügen Kopftuch. Was stimmt jetzt?

Seyran Ates: Ich beziehe mich auf viele Veranstaltungen, zu denen ich in den vergangenen vier oder fünf Jahren eingeladen wurde. Bei jenen der Grünen waren die meisten Kopftuchträgerinnen. Ich habe darüber keine Statistiken, aber man muss sich bloß einmal zu einer Veranstaltung begeben, wo es um die Kopftuchfrage geht. Diese Veranstaltungen enden immer so, dass die Frauen dann von Vertretern der Grünen verteidigt werden.

derStandard.at: Warum wird Kritik am Islam von vielen Linken reflexartig als "rechts" punziert?

Seyran Ates: Das ist das absolute Totschlagargument und hat inzwischen einen langen Bart. Da sind die Grünen so scheinheilig. Bei den Grünen herrscht eine unglaubliche Pseudo-Angst, die Rechten mit diesem Thema zu bedienen. Anstatt sich mit dem Thema auseinander zu setzen und es den Rechten wegzunehmen, hält man lieber den Mund. Mich irritiert diese Art der Reflexion immer mehr, weil ich dachte wir wüssten inzwischen, wie die Rechten argumentieren. Die Rechten wollen sowieso keine multikulturelle Gesellschaft. Mich erinnert das an die Zeit, als es Frauen gab, die gegen das Frauenwahlrecht waren. Es gibt immer bestimmte konservative Gegenpositionen, die auf alten Positionen verharren. Einige Grüne sind da sehr verbohrt und entwickeln sich nicht weiter. Die gehörten eigentlich in eine der konservativen Parteien.

derStandard.at: Könnte Multikulturalismus, so wie ihn die Grünen propagieren, nicht auch ein Zwischenschritt auf dem Weg zu einer inter- oder gar transkulturellen Gesellschaft sein?

Seyran Ates: Ich wünschte, die Grünen hätten das längst überwunden. Der Multikulturalismus setzt harte, unüberwindbare Grenzen zwischen den Kulturen. In keiner anderen Partei ist es in meinen Augen so extrem, dass der Mensch mit Migrationshintergrund einen positiven Rassismus erlebt. Bei den Grünen wird dieser Migrationshintergrund nach wie vor hofiert und gefeiert, anstatt diese Grenzen endlich zu überwinden und zu begreifen, dass wir transkulturelle Identitäten besitzen. Ich zum Beispiel bin deutsch und türkisch. Verdammt, ich will nicht ständig als Mensch mit Migrationshintergrund bezeichnet werden!

derStandard.at: Sie haben lange Jahre in Berlin als Anwältin muslimische Frauen vertreten. Welche Rolle spielte dabei Ihre eigene Biografie?

Seyran Ates: Menschen, die selbst bestimmte Dinge erlebt haben, ziehen sich irgendwann in eine Lethargie zurück oder sie kämpfen dagegen. Wer sich aus einer Unfreiheit heraus die Freiheit erkämpft hat, weiß, was sie bedeutet. Daher hat sich mein politischer Wille und mein politischer Weg natürlich aus meiner Biografie heraus begründet.

derStandard.at: Glauben Sie nicht, dass es zu viel verlangt ist, von anderen muslimischen Frauen zu fordern, was Sie selbst geschafft haben?

Seyran Ates: Um Gottes Willen, das verlange ich natürlich nicht von jedem und ich weiß, dass viele das nicht schaffen. Ich weiß aber auch, dass die Frauen Anwältinnen und Vertreterinnen wie mich brauchen, die ihnen zumindest bei den kleinen Schritten helfen. (Florian Niederndorfer, derStandard.at, 21.9.2009)

Zur Person:

Die promovierte Juristin Seyran Ates, 1963 in Istanbul geboren, arbeitet als Autorin in Berlin. Zehn Jahre lang vertrat sie als Anwältin türkische Frauen, vor allem in Scheidungsangelegenheiten. Ende der Neunzigerjahre war Ates kurze Zeit Mitglied der Grünen, später der SPD. Nach jahrelangen Drohungen schloss die Mutter einer heute fünfjährigen Tochter 2006 ihre Kanzlei und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. 1984 wurde sie im Büro eines Vereins für türkische Frauen an der FU Berlin durch ein Schussattentat lebensgefährlich verletzt. Als Vertreterin des säkularen Islam gehört Ates unter anderem der Deutschen Islam Konferenz (DIK) an. Im Oktober erscheint ihr neues Buch "Der Islam braucht eine sexuelle Revolution".

Links:

Welt: Seyran Ates erklärt, wen sie nicht wählt

Offener Brief an Seyran Ates

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Posting 1 bis 25 von 1312
MsLiberty
13.10.2009 21:52

Meine Hochachtung vor dieser Frau. Und Sie hat Recht - ich wünsche, alle Politiker müssten diesen Artikel lesen, da könnten Sie was lernen. Aber Selbstreflexion ist auch Grünen nicht flächendeckend bekannt, obwohl sie angeblich die 'intellektuelle' Partei sind. Nun, wie man sieht, kann man auch intellektuell ganz schön doof und verbohrt sein.
Das tröstet mich zu folgern!

xanderl
26.09.2009 10:30
josefa maier449
30.09.2009 10:36
Das Beste was ich seit langem

gelesen habe! Das betrifft auch die SPÖ. Ein Grund der Niederlagen der roten und grünen Parteien in D und Ö meiner Meinung nach. Diese Problematik wird scheinheilig oder gar nicht diskutiert.

skip it
25.09.2009 17:42
dazu die wiederholung einer anekdote:...

...ich besuche einen bekannten und treffe eine diskussion zum gegenstaendlichen thema an.

ich werde von meinem freund gefragt:

- wie stehst du zum kopftuchzwang?
- ich bin voll dafuer!
- bist deppert? warum?
- je weniger man von diesen weibern sieht, umso besser!

na, das war ein wirbel! vor allem die anwesenden betroffenen damen und herren wollten mich in der luft zerreissen.

bis ihnen nach und nach klar und bewusst wurde, dass genau DAS der sinn und zweck dieser fetzen ist: man soll eben so wenig als moeglich von den weibern sehen.

und weil ich genau aus diesem grund dafuer war, war`s erst net recht.

also: man soll dafuer sein, aber nicht aus demselben verwerflichen grund wie die aufzwingenden.

scheinheiligkeit pur.

oliver52
 
25.09.2009 16:57

also hier wird ja ordentlich gezankt!
können wir das nicht so regeln, dass hierzulande eh jeder dorthin gehen kann, wo er seiner einstellung gemäß leben und sich kleiden kann? das bezieht sich nicht nur auf das kopftuch....

skip it
25.09.2009 17:49
also wirklich,...

...sie duerfen doch in einer ach so harmonischen multik-kulti gesellschaft net sagen, die leut sollen dorthin gehen, wo vermummte gern gesehen sind bzw vermummung vorschrift ist!

sie sind ein unmensch. wirklich.

oliver52
 
26.09.2009 15:56

ich ein unmensch!?!

arnold schwarzenegger hat genau das getan, was ich für uns alle fordere ;)))

skip it
28.09.2009 12:35
ich stell mir grad den schwarzie...

...unter einer burka vor.

drehbuch! g'schwind!

Topfenbaby
25.09.2009 13:35
Damit die Kopftuchbefürworter wissen,

welche Fürsprecher sie haben:

http://www.scribd.com/doc/75670... Amr-Khaled

hamstertier
29.09.2009 01:43
an topfenbaby

flatsch, das ist heftig.

Topfenbaby
25.09.2009 13:55
Ach ja, das hätte ich fast vergessen

So wird der Mann präsentiert:

http://derstandard.at/fs/308361... hen-Ostens

hamstertier
29.09.2009 01:56
an topfenbaby

unglaublich, da hat der standard sichtlich nicht gut recherchiert - he, standard, was sagt ihr dazu?

jo eh
25.09.2009 14:11

allein dass dieser mann als vertreter eines "soften isl.m" verkauft wird, ist an naivität nicht zu überbieten. aber es zeigt auch, wie schlimm die situation sein muss, wenn selbst so jemand als "soft" bezeichnet wird.

ägypten ist übrigens ein besonders drastisches beispiel für eine subversive isl.mistisierung - eine einstmals relativ säkulare und lebensbejahende gesellschaft, die durch den einfluss der isl.mistischen m.slimbrüder immer reaktionärer, prüder, intoleranter geworden ist.

ich würds das "nashorn-syndrom" (nach inonesco) nennen. eine mischung aus herdentrieb, sozialer druck, gruppendynamik und individuelle unterschiede werden zugunsten eines uniformitätskonzepts aufgegeben. die säkularen u. liberalen können nur noch resignieren

Topfenbaby
25.09.2009 14:45
Ich bin nicht ganz so pessimistisch

Die Anzahl deren, denen ein Licht aufgeht, wird immer größer.

Die Lösung lautet nicht - wie so oft unterstellt - "Ausländer raus", sondern man sollte den gemäßigten und weltlichen Muslimen den Rücken stärken. Die sind nämlich auf unsere Hilfe angewiesen und bis jetzt von uns im Regen stehen gelassen worden.

Es sind eben Menschen wie Arzu Toker, Necla Kelek, Hirsi Ali und natürlich auch Seyran Ates, die unsere Unterstützung gegen den reaktionär-konservativen Klerus verdienen.

jo eh
25.09.2009 19:51

bezüglich der situation in ägypten etc bin ich nur realistisch, ansonsten vollste zustimmung!

jo eh
25.09.2009 13:48

"Sie muss ihren Körper schützen und bedecken. Das Wichtigste, was zu einer Frau gehört, ist ihr Hijab. An die Brüder und Schwestern, die das hier lesen, hört zu und erzählt Euren Schwestern davon und Verwandten davon..."

so hats funktioniert, über propaganda und gruppendynamik. bei jenen, die bildungsfernen schichten enstammen ist es vermutlich noch leichter. einfach traurig. das ganze ist zu einem selbstläufer geworden

theres mallinger
25.09.2009 11:59
jo eh
25.09.2009 09:15
was mir bei einigen auffällt

sie verkennen aus naivität/unwissenheit das wahre problem, denn sie bemerken nicht, dass das kopftuch HEUTE in erster linie ein vom isl.mismus besetztes symbol ist und von dieser polit. ideologie mit erfolg forciert wurde und wird.
das läuft unter anderem über diverse TV-kanäle, die seit jahren (nicht nur) in europ. kinderzimmern flimmern und fragwürdige "indoktrination" betreiben. übers internet, über div. imame.

die re-klerikalisierung (die mehr e. politische komponente hat) ist ein phänomen, das in vielen isl. ländern seit den 80ern (und tw früher) festzustellen ist und dann nach europa gelangte.

wer die situation in isl. ländern VOR der hinwendung zum i-smus kennt, kann diese dramatische veränderung besser beurteilen.

theres mallinger
25.09.2009 11:50
Genau so ist es!

Ein sehr schönes Beispiel bietet der Iran. Zuerst verschleierten sich die Frauen und dann kam die Revolution.

Unlängst gab es eine interessante Reportage auf Phönix, in der Farah Dibah von einer ehemaligen Revolutionärin interviewt wurde. Damals war diese eine Linke, die in der isl. Rev. die Chance sah, dass verhaßte Schah-Regime loszuwerden.

Als man ihr dann sagte, Sie hätte nun Kopftuch oder Tschador zu tragen, glaubte Sie, es handelte sich um einen Scherz. Der Spaß ist der mittlerweile im Exil lebenden Dame gründlich vergangen!

jo eh
25.09.2009 13:12

aus der zeit der ir. revolution stammt auch der fragwürdige begriff der "isl.moph.bie" mit der msl. frauen gebrandmarkt wurden, die sich weigerten, den tsch.ador zu tragen.

das problem ist, viele gutmeinende und darunter besonders einige grünangehauchte haben kaum ahnung
1. vom isl.m
2. vom isl.mismus
3. von der jüngeren vergangenheit isl. länder

sie lassen sich vielleicht auch von den beschwichtigenden worten diverser vertreter einnehmen. darunter gibt es ja einen ganz bekannten, der berichten zufolge angestellter der s.audischen botschaft sein soll und somit offensichtlich wenig berührungsängste mit dem w.habitismus haben kann. und genau dieser fordert dann "toleranz". er könnte das mal dem s.audischen regime verklickern.

spoiled ballot
25.09.2009 11:44
sie verkennen das problem

das problem ist der politische islam:smus, nicht das kt.

ein kt verbot will im besten fall die symptome bekämpfen, nimmt aber keine rücksicht auf wirklich religöse.

jo eh
25.09.2009 12:58

das KT ist HEUTE v.a. das wahrzeichen des isl.mismus und es ist unverständlich, dieses symbol in öffentlichen einrichtungen eines säkularen staates zu tolerieren. das fördert nebenbei, dass der mentor dieses hypes (und seine forderungen und ansichten) im öffentlichen bewusstsein salonfähig gemacht werden.

sie wollen leider nicht verstehen.

da es sich langsam herauskristallisiert, dass sie gegen laizismus position beziehen, wundert mich ihre argumentation allerdings nun nicht mehr

theres mallinger
24.09.2009 23:03
Nach den Stimmen hier im Forum zu urteilen,

scheint es eine nicht unbeträchtliche Menge an Ex-Grünwählern zu geben (ich gehöre dazu), denen der isl. Kuschelkurs der Grünen zuwiderläuft. Die Wunde, in die S. Ates gestoßen hat, ist offenbar der Grund dafür, warum den Grünen die Wähler davonlaufen.

Vielleicht ändert sich das Zukunft. Voraussetzung wäre allerdings, dass die Quotentanten in Frühpension gehen, vorher wird sich nichts ändern.

farbrauschen
29.09.2009 22:06


stimmt.
bei mir zumindest.

bixente uhudla
 
26.09.2009 20:01

word!

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