Der Trendsport Surfen wird auch im Binnenland Österreich populär. Doch der Weg zur perfekten Welle führt über viele Waschgänge.
Hoffnungsfroh, aber ehrfürchtig und voller Respekt blicken zwanzig Augenpaare aufs Meer, sehen, wie sich gut zweieinhalb Meter hohe Wellen auftürmen und mit Getöse in sich zusammenbrechen. Der schwarze, drei Millimeter dicke Neoprenanzug schützt die Surfer nicht nur vor dem 18 Grad kalten Wasser des Atlantiks, sondern auch davor, dass die Gänsehaut für andere sichtbar wird. "So, Jungs und Mädels, der Swell passt ganz ordentlich", sagt Martin Roll in die die Stille. "Packt's eure Boards, wartet eine Setpause ab und passt auf den Shore Break auf. Dann paddelt ihr tight hinaus in das Line-up an der Outside, wenn nötig mit Duck Dive oder Eskimorolle. Ich bin neugierig, wer den ersten Green-Water-Takeoff schafft."
Die Surf-Schüler am Strand von Matadouro in Ericeira verstehen. Der Swell, die Wellenhöhe. Der Shore Break, gefährliche strandnahe Wellen. Das Line-up, der Ort hinter der Brechungslinie, wo gute Surfer auf gute Wellen warten. Noch bevor die Anfänger das erste Mal auf dem gut zwei Meter langen Brett stehen, haben sie den Slang intus. "Helfen wird er ihnen da draußen aber nichts", sagt Roll und lächelt. "Jetzt bekommen sie zunächst einmal ordentlich Wasser auf die Mütze."
Denn eine ungebrochene, sogenannte grüne Welle abzusurfen, ist nicht so einfach, wie es Videos suggerieren. Dutzende Waschgänge warten auf die Willigen, weil sie entweder nicht rechtzeitig vom Brett aufstehen können oder von einer bereits gebrochenen Welle überrascht werden. So muss es sich auch in einer Waschmaschine anfühlen, wenn man sekundenlang unter Wasser herumgewirbelt wird und nicht weiß, wo oben und unten ist. "Erst, wenn auch diese Waschgänge Spaß machen, kommt man dem Geheimnis des Surfens näher", erklärt Roll.
Ordentlich gebucht
Der 32-jährige Grazer betreibt seit sieben Jahren sein Surf-Camp nahe dem schmucken Fischerdörfchen und Surfer-Mekka Ericeira, vierzig Kilometer nördlich von Portugals Hauptstadt Lissabon. "Jahr für Jahr werden die Buchungen mehr." Die Begeisterung für den Trendsport, den weltweit schon mehr als zehn Millionen Sportler betreiben, hat auch vor Binnenländern nicht haltgemacht. Dank Roll kommen neben internationalem Publikum immer mehr Österreicher nach Ericeira. "Im Dorf glauben die Einheimischen schon, dass Österreich ein Kapazunder im Surfsport sein muss."
Tatsächlich ist Roll der letzte österreichische Surfer, der auf der Profi-Tour für Aufsehen sorgen konnte. 2003 war er die Nummer 17 Europas und weltweit 152. von mehr als 700 Athleten. Im Jahr darauf beendete Roll aber seine Karriere. "Mit 27 Jahren, nach vier Jahren Tour, hat es mir gereicht. Da hast du zwar mit Sponsorgeldern mehr als ordentlich verdient, warst aber sieben Monate im Jahr nur unterwegs und hast sonst niemanden mehr gesehen."
Frühzeitig gepackt
Vom Sport selbst wurde der Vater von Luca (5) und Ben (3) schon als Elfjähriger gepackt. Die Eltern verbrachten im Urlaub viel Zeit am Meer, Martin beobachtete Wellen in Spanien, Frankreich, auf den Kanaren oder in Griechenland. In Graz kam er mit einer Gruppe eingefleischter Surf-Fans in Kontakt, beim Jüngsten der Partie musste öfter die Schule dran glauben. "Waren irgendwo gute Wellen angesagt, fuhren wir am Wochenende eben tausende Kilometer mit Autos dorthin. Und waren es wirklich gute Wellen, war ich schon am Freitag für die Schule krank gemeldet. Und für Montag auch."
Nach der Matura ging's dann eineinhalb Jahre nach Neuseeland, erste Sponsorverträge winkten. Ohne Sponsoren geht professionell nichts, sagt Roll. "Surfer, die rein auf Preisgeld fahren, haben ein hartes Leben."
Der Mangel an potenten Geldgebern sei auch der Grund, wieso nur wenige Österreicher die kostenintensiven Profi-Touren bestreiten können. Dennoch sorgten etwa der gebürtige Südafrikaner Chris Schnitzer oder der aus Teneriffa stammende Ladislaus Rüdegger für einen beachtlichen Erfolg, als sie mit dem Amateur-Team Anfang August bei den World Surfing Games in Costa Rica noch vor Deutschland den 23. Platz unter 36 Nationen erreichten.
Die Ausrede, Österreich könne als Binnenland keine Surfnation werden, lässt Roll nicht gelten. Schließlich gebe es relativ grenznah interessante Spots. "Im Hafen von Genua gibt es die beste Welle im Mittelmeer. Und im Winter lässt es sich auch in Lignano oder an Kroatiens Küste surfen."
An den Anblick von Menschen in Neopren, die in Graz auf der Mur surfen, ähnlich wie die Riversurfer in Matzendorf und Damberg an der Ybbs sowie im Eisbach mitten in München, ist man fast schon gewöhnt. Und vielleicht erweist sich ja einer jener Surfer, der da im Wasser am Strand von Matadouro in Ericeira gerade ordentlich durchgewaschen wird, als Talent. (David Krutzler aus Ericeira, DER STANDARD Printuasgabe 21.09.2009)
Wissen: Das Wie und Wo in Wind und Wellen
Zum Surfen benötigt man eigentlich nur ein Surfbrett, Surfwachs, eine Leash (die Sicherungsschnur) und eventuell einen Neoprenanzug.
Dennoch ist das Wellenreiten eine der komplexesten Sportarten, die es gibt. Für Surfer spielen nämlich Gezeiten, Meeresuntergrund, Strömung, Windrichtung und Wellenstärke wichtige Rollen.
Wellen, quasi die Voraussetzung fürs Surfen, entstehen in Tiefdruckgebieten und können mehrere tausend Kilometer wandern, ohne Energie zu verlieren. Je weiter entfernt von der Küste Tiefdruckgebiete sitzen, desto geordneter treffen die Wellen ein. Der Swell, also der Wellengang, wird maßgeblich von der Stärke des Tiefdruckgebietes bestimmt.
Herrscht an der gewählten Küste ablandiger Wind (offshore), ist die Voraussetzung für Tubes gegeben. Surfer können so eine über ihren Kopf hinwegbrechende Welle reiten, ohne von ihr geschluckt zu werden. Bei der Qualität von Surf-Spots wird außerdem zwischen Beach Breaks (sandiger Untergrund), Reef Breaks (felsiger Untergrund) und Point Breaks (konstanter Brechungspunkt einer Welle) unterschieden.