Karriere im Business-Tower hoch über Wien - Absolventen des Studiums Finanz-, Rechnungs- und Steuerwesen sind gefragt
Wien-Kaisermühlen, im 16. Stockwerk des 162 Meter hohen IZD-Towers. Durch die Glasfassade schweift der Blick über die Alte Donau, Parks und Wohnhäuser. Lukas Bernwieser, 24 Jahre alt, Anzug und Krawatte, betritt den Raum. In der einen Hand das Steuergesetzbuch und einen Kodex mit Steuererlässen, in der anderen das Handy. "Die beiden Bücher brauche ich, wenn mich ein Klient anruft", erklärt er. Der Absolvent des Studiengangs "Finanz-, Rechnungs- und Steuerwesen" der Fachhochschule Wien ist seit kurzem beim Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsunternehmen Ernst & Young tätig. "Es gibt selten einen Sachverhalt, der eindeutig ist", erklärt Bernwieser, warum Steuergesetz und Steuererlässe in seiner Arbeit unverzichtbar seien.
Steuerberatung bei Fusionen und Übernahmen
Als Assistent der Abteilung "Transaction Tax" ist der 24-Jährige für die Betrachtung der steuerlichen Seite von Transaktionen zuständig. Konkret heißt das: "Wenn beispielsweise eine Gesellschaft ein anderes Unternehmen übernimmt, prüfe ich dieses Vorhaben auf steuerliche Risiken und informiere meine Klienten darüber", erklärt Bernwieser, der im Juni sein Studium beendet hat.
Die Phase der Jobsuche hat der er mehr oder weniger übersprungen: Die Fachhochschule arbeitet intensiv mit Firmen zusammen, es gibt unter anderem ein "Recruiting Forum". Dabei suchen sich die Unternehmen anhand von Lebensläufen zehn Studenten aus, die sie näher kennen lernen möchten. Bernwieser war gerade erst vor zwei Wochen von seinem Praktikum in New York zurückgekehrt, als es auf diesem Weg mit Ernst & Young klappte. Auch seine Studienkollegen hätten sich bei der Jobsuche leicht getan, "weil wir sehr universell einsetzbar sind."
Teures Leben im „Big Apple"
Das Praktikum in New York dauerte rund sechs Monate. Bernwieser war dort zuständig, kleinere Unternehmen und Non-Profit-Organisationen für die Steuerprüfung vorzubereiten. "Das war eine sehr stressige Zeit, weil die Krise gerade ausgebrochen war und die meisten Firmen beschlossen, jeden Cent zwei Mal umzudrehen", erzählt er. Eine Mittagspause kenne man in den USA nicht wirklich, außerdem habe er nebenbei an seiner Diplomarbeit geschrieben. Hinzu kam, dass das Leben im "Big Apple" sehr teuer ist. New York sei aber "die unglaublichste Stadt, die ich mir vorstellen kann." Er könnte sich daher gut vorstellen, später einmal für den "Austrian Desk" von Ernst & Young eine Zeit lang dorthin zu gehen.
Lehrende aus der Wirtschaft
Für Bernwieser war nach der HAK-Matura immer klar, dass er einen wirtschaftlichen Beruf ergreifen wollte. "Ich habe neben der Schule in der Buchhaltung der Firma meines Vaters gearbeitet, wo mir klar wurde, dass ich in die Steuerberatung gehen möchte", so der FH-Absolvent. Das konkreteste Studium in diese Richtung sei Finanz-, Rechnungs- und Steuerwesen gewesen.
Schon während des Studiums steht ein hoher Praxisbezug im Vordergrund: Einerseits gibt es Projekte in Kooperation mit Unternehmen. Andererseits kommen viele der Lehrenden selbst aus der Wirtschaft. "Man hat immer Leute, die gerade von Klienten kommen. Man lässt sich nicht nur berieseln, sondern lernt auch die praktische Seite kennen", sagt Bernwieser. Das Studium sei zwar ohne Weiteres auch mit AHS-Matura zu schaffen, es sei aber "nicht schlecht" von der HAK zu kommen.
Die richtige Interpretation von Gesetzestexten
In seinem Job arbeitet Bernwieser viel mit Gesetzestexten, Richtlinien und Literaturmeinungen aus dem Steuerrecht. Am besten sei es, bei der Beurteilung steuerlicher Risiken von Übernahmen oder Fusionen jeweils alle drei Komponenten mit einzubeziehen. "Am Anfang, als ich in der Buchhaltung meines Vaters gearbeitet habe, waren Gesetzestexte eher abschreckend für mich", erzählt der 24-Jährige. "Jetzt weiß ich aber, wo ich was nachschlagen muss, alles ist viel klarer. Es hat eine Logik, wie die Gesetze ineinandergreifen. Wenn man diese Logik erkennt, macht es viel Spaß." Als Berufseinsteiger sei er gerade dabei, von seinen Vorgesetzten die richtige Interpretation von Texten zu lernen. Das Schwierige dabei? Es sei problematisch, zu absolute Aussagen zu treffen - denn es gebe immer auch Argumente, die dagegen sprechen würden.
Jedem, der etwas in diese Richtung studiert - "ganz egal, ob Uni oder FH" - rät Bernwieser, nebenbei Praxis zu sammeln. Er selbst hat neben dem Studium in der Buchhaltung der Firma seines Vaters weitergearbeitet und später auch Erfahrung in anderen Kanzleien gesammelt. "Oft hört man sich in einer Vorlesung ein komplexes Themengebiet an, das in der praktischen Anwendung viel leichter zu verstehen ist", sagt er. (Maria Kapeller, derStandard.at, 22.9.2009)