Conrad Seidl

Geächtet, aber erfolgreich

20. September 2009, 18:02

Die Wahlkampflinie der ÖVP stärkte auch die Freiheitlichen - und schwächte die SPÖ

Als Herbert Sausgruber seinem freiheitlichen Koalitionspartner den Sessel vor die Tür stellte, hat das einige seiner Parteifreunde schockiert. Kommt da nicht ein angenehmer Mehrheitsbeschaffer abhanden? Hatte man nicht mit den Freiheitlichen ganz gut zusammengearbeitet? Rechnete nicht das ganze Bundesland damit, dass das so weitergehen würde? Und waren die FPÖ-Exponenten hier nicht doch ein bisschen vernünftiger und anständiger als im Rest Österreichs?

Nein, das waren sie nicht. Nicht, wenn es darauf ankam, also wenn es um Wählerstimmen ging. Gewiss: Der FPÖ-Spitzenkandidat Dieter Egger hat mit seinen provokanten Äußerungen erst über Fremde und dann über Juden genau jene Stimmenmaximierung erreicht, an der ihm gelegen war. Und ihm ist dabei auch noch zu Hilfe gekommen, dass er in der letzten Wahlkampfphase von allen anderen ausgegrenzt wurde.

Das ist jenes Muster, nach dem Freiheitliche seit einem Vierteljahrhundert erfolgreich sind: Sie lieben es, sich als Verfolgte darzustellen, die sich heldenhaft gegen den Mainstream stellen und aussprechen, was andere nur denken. Mehr als jeder vierte Vorarlberger hat diese Haltung am Sonntag honoriert.

Heißt das, dass ein Viertel der Vorarlberger den Antisemiten oder gar Nazis zuzurechnen sind? Natürlich nicht. Aber es bedeutet, dass eine beachtliche Zahl von Wählern nicht durch entsprechende Äußerungen abgeschreckt wird. Das sind Menschen, die auch die eine oder andere eigentlich nicht hinzunehmende Äußerung tolerieren, weil sie sich nicht vorschreiben lassen wollen, was "man" sagen oder gar denken darf.

Man sieht es ja an den Meinungsumfragen, in denen es ein deutliches "Underreporting" von FPÖ-Wählern gibt: Viele Befragte trauen sich nicht, sich als Anhänger der Freiheitlichen zu bekennen, weil das sozial geächtet ist. Aber in der Wahlzelle wollen sie sich gegen solche Ächtung auflehnen.

Dieses gegen gesellschaftlichen Mainstream und staatliche Autorität gerichtete Potenzial können Freiheitliche gut bündeln - umso besser, je weniger sie Verantwortung tragen oder eigene Leistungsbeweise erbringen müssen.

Das lässt für die nächsten Landtagswahlen in Oberösterreich und Wien, wo die Freiheitlichen scharfe Oppositionspolitik betreiben und gleichzeitig das Unbehagen an der missglückten Zuwanderungs- und Integrationspolitik schüren, noch weitere Steigerungen erwarten. In Vorarlberg hat das vor allem der SPÖ geschadet, die seit Jahrzehnten landespolitisch keinen Fuß auf den Boden bringt.

Es ist eine für die SPÖ höchst unbefriedigende Situation. Erich Haider in Oberösterreich und Michael Häupl in Wien können sich schon einmal daranmachen, sie zu analysieren: Mit der Sozialdemokratie sind Menschen verbunden, die nicht unbedingt zu den gesellschaftlichen Gewinnern gehören, die aber ein eingelerntes Gerechtigkeitsempfinden haben - da die SPÖ als Kanzlerpartei keinerlei bundespolitisches Protestpotenzial zu bieten hat, sind offenbar viele frühere SPÖ-Wähler bereit, ihr Heil bei den Gerechtigkeitsparolen der Freiheitlichen zu suchen. Oder bei den Grünen, die in Vorarlberg einen traditionell guten Stand haben und sich auch diesmal gut geschlagen haben: Erstmals sind sie in einem Bundesland vor der SPÖ gelandet.

Für Sausgruber hat sich die Entscheidung gegen die FPÖ ebenso gelohnt wie die Drohung, bei Verlust der absoluten Mehrheit zu gehen: Wer den bewährten Landeshauptmann Sausgruber haben wollte, musste ihn auch wählen - wer nicht, der konnte zum Teufel gehen (oder zur FPÖ). Das war eine klare Alternative, mit der die anderen Parteien weitgehend an die Wand gespielt worden sind. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 21.9.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 93
1 2 3
pudelweiss
00
22.9.2009, 08:44
Lieber Conrad Seidl !

Die Linie der VP stärkt FP !?
- das ist gute absich, schließlich funktioniert das seit die VP-förderer auch die FP starkt finanzieren und beraten und medial mithelfen.

- sind 25% in Vbg. nazi´s -
ja nicht braune sondern kleine Nazis, und 75% im Ländle sind einfach bereit "autroitäre und faschistische Politik" mitzutragen, denn die VP diktiert das Ländle seit 60 Jahren.

Aber, wer - wie sie - in der VP-bauernbund eigenen Bauernzeitung Kommentare schreibt, der hat ja auch mit solchen Denkweisen kein Problem,
- oder hat das andere Gründe??

i po
00
21.9.2009, 20:47
allerdings sind laut wählerstromanalyse

(der artikel dazu auch von cs) doppelt soviele ehemalige VP-wähler zur FPÖ gewechselt als ehemalige SP-wähler.
Die meisten hinzugewonnenen FP-wähler kommen von den ex-nichtwählern.

das da stimmt also nicht ganz:
"offenbar viele frühere SPÖ-Wähler bereit, ihr Heil bei den Gerechtigkeitsparolen der Freiheitlichen zu suchen"

Mein Hund, die arme Sau, heißt Hojac.
00
21.9.2009, 19:21
Was geht ab,

Oonrad?

Nicht mein Copyright.

Buchstabierer
00
21.9.2009, 18:31
Sieger ist ..

ein schweizer PR Firma:
http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/e... y/29971980

Vranz & Vritz, eine Bubengeschichte
 
00
21.9.2009, 18:08
"Geächtet, aber erfolgreich"

ist die falsche Bezeichnung. Die Leute sind stinksauer auf die großen Parteien und fühlen sich verar###t wählen die, die von den großen Parteien geächtet sind. Daher wäre richtiger: "Geächtet, daher erfolgreich"

Pepe Nero
65
21.9.2009, 16:23
Die FPÖ schürt nicht Ängste,

sondern sie spricht offen die Probleme an, die die völlig missglückte Zuwanderungs- und Integrationspolitik aufgeworfen hat. Solange darauf nur mit Ausgrenzung reagiert wird, wird die FPÖ weiter stärker werden.

pudelweiss
00
22.9.2009, 08:50
die völlig mißglückte Zuwanderungspolitik

hat eine andere Seite auch noch -
die "Gebärfreudigkeit" der Inländer !
Seit jahrzehnten sinkende Geburtenrate und auch viele junge FP Wähler wolen eigentlich keine Kinder oder nur eines. weil Kinder am Lebensgenuß zeeren (zeitmäßig, finanziell, streßmäßig) - und da genießt man lieber und verflucht den Bevölkerungsimport, der doch nur die fehlende Inlandsproduktion ersetzt.
Die VP ist für Familie, aber hat nur Milliarden für die Banken und die SP versteht die indiviuelle Freiheit ein bißchen falsch, weil ohne Verantwortung für das Zukünftige.

Versuchen sie einmal eine 6-köpige Familie mit einem durchschnittseinkommen durchzubringen und gleichviel Wohlstand zu haben wie er "kinderlose" Nachbar ?? (-dessen Frau auch voll verdient)

spoiled ballot
00
21.9.2009, 19:55
ja genau

"ex:l juden", "ostküste, "ehre heißt meine treue",
"die beschäftigungspolitik", martin graf der alte herr der olympia, wo unter anderem bekennende rechtsextrem:sten, wie michael müller, ihre ansichten zum besten geben, usw...usf...

früher waren es noch codierte botschaften heute ist offener antisem:tismus, da kann sich kein wähler mehr rausreden.

die zeigen keine probleme auf die sind ein problem.

Just N. Opinion
 
01
21.9.2009, 19:09
die fpoe verursacht die aengste nicht.

aber sie schuert sie sehr wohl, weil ihr das nuetzt. loesen muss sie die probleme ja nicht, das erwarten interessanterweise nicht einmal ihre waehler von ihr. denen reicht es, wenn die fpoe schreit: "das ist ein problem!"
warum fordern die fp-waehler keine loesungsvorschlaege von ihrer partei ein? weil sie selber keine haben und sich daher gar nicht vorstellen koennen, dass man welche entwickeln koennte. sie wissen nur, dass konstruktive gedanken ganz furchtbar schwierig sind und das kopfi weh tut...

The Dude
01
21.9.2009, 17:43
Falsch

Die FPÖ versucht auf völlig skrupellose Weise, Kapital zu schlagen aus den Problemen, die die völlig missglückte Zuwanderungs- und Integrationspolitik aufgeworfen hat.

Daher wird ihr auch in Zukunft nichts fremder sein als der Willen, diese Probleme zu lösen.

Wesentliches (Un)Wesen
12
21.9.2009, 17:14

Menschen, die die FPÖ diesbezüglich positiv hervorheben, ohne nicht zumindest im selben Atemzug die Art und Weise dieser blauen Themenbehandlung - inhaltlich, rhetorisch, ideologisch und überhaupt zu kritisieren, sind mir äußerst suspekt.

kraeutrpolizei
11
21.9.2009, 17:12

was hat das mit offenheit zu tun, gewisse einzelfälle stellvertretend für die gruppe der zuwanderer herzunehmen? was hat es mit offenheit zu tun, ständig erlogene zahlen die zuwanderung betreffend zu verbreiten?

sicher, die großparteien drücken sich um das thema, was die fpö allerdings macht hat nix mit offenheit zu tun.

Gibril
 
02
21.9.2009, 16:26

Nicht unrichtig.
Aber die "Lösungen" der FPÖ würden das "Integrationsproblem" ja noch weiter verschärfen.
More of the same - mehr nicht.

powerIuser
10
21.9.2009, 16:04

"missglückte Zuwanderungspoltik"

die FPÖ schleicht sich jetzt auch schon in die linksliberalen Hirne ein

See Tal
01
21.9.2009, 15:47
oder bei den Grünen?

"...sind offenbar viele frühere SPÖ-Wähler bereit, ihr Heil bei den Gerechtigkeitsparolen der Freiheitlichen zu suchen. Oder bei den Grünen, die in Vorarlberg einen traditionell guten Stand haben..."
Leider nein!
Die Wählerstromanalyse für die SPÖ zeigt: 6.000 zur ÖVP(!), 1.000 zur FPÖ, 6.000 wählen nicht.
Und das von insges. rund 25.000

Alf100
02
21.9.2009, 15:07
Es gibt auch andere Gruppen die sich immer als verfolgte sehen

Hr. Seidl im obigen Artikel:
"Das ist jenes Muster, nach dem Freiheitliche seit einem Vierteljahrhundert erfolgreich sind: Sie lieben es, sich als Verfolgte darzustellen, die sich heldenhaft gegen den Mainstream stellen"

Arbeiter
13
21.9.2009, 14:50
Stellen wir uns einmal vor, es hätte die vielen dummen und ungebildeten FPÖ WählerInnen nicht gegeben:

wie stünde es um die Anzahl von MigrantInnen aus fremden Kulturen in Ö heute? Trotz 20 Jahren Initiative der bösen Rechten und teilweisem Nachgeben der staatstragenden Kräfte stammen 24% der Neugeborenen in Wien von islamischen Müttern. Islam bedeutet Glaube, Beten, Fasten, Pilgerfahrt, Heirat ab Pubertät, Familie mit Kindern, Körperverhüllung und Geschlechtertrennung. Wie viel davon wollen unsere fortschrittlich-Toleranten KämpferInnen gegen die FPÖ?

er t
47
21.9.2009, 12:56
Falsche Frage

Die SPÖ sollt' sich Fragen, was sie einem Menschen der 900EUR im Monat als Billa-Kassier verdient noch zu sagen hat. "Grundeinkommen" interessiert die wenig. Denn um wenig mehr arbeiten diese Menschen wirklich hart. Ausser "umverteilen" haben die roten leider nix mehr getan für die Österreicher. Eine gesetzliche Einführung und jährliche Anpassung der Mindestgehälter oder eine Kündigungswelle bei Staatsbediensteten würd die arbeitende Bevölkerung erfreuen. Beides gibts nicht bzw wird von ihnen verhindert und das wollen die Wähler nicht. Gäbs eine vernünftige Protestpartei, gäbs die Freiheitlichen meiner Einschätzung nach nimmer.

Stabilo13
21
21.9.2009, 13:12

einsparungen bei den beamten scheitert immer an der ÖVP vergessen oder verdrängt? (neugebauer übersehen geht ja wohl nicht...)

Hubert Ungeist
 
02
21.9.2009, 14:43
Die Wiener beamten sind die am besten gestellten..

haben gerade 1 Woche Sonderurlaub bekommen

er t
04
21.9.2009, 14:06
Ausser

es sind Bahnbeamte, Wiener oder Postler natürlich...

The Dark
14
21.9.2009, 13:11
ich kenne einige (Billaangestellte etc.)

die gerade wegen dieses 900 Euro Grundeinkommens NICHT mehr SPÖ wählen werden. Weil sie sich einfach ver*scht vorkommen.

Wesentliches (Un)Wesen
01
21.9.2009, 17:18

Grundeinkommen?

Sie verwechseln da was.

ghoefi
12
21.9.2009, 12:46

es gibt sie noch, die arbeiterklasse, auch wenn sie nicht nur aus industriearbeitern besteht. solange die spö zu schwach ist, diese leute abzuholen, sondern sich in alle richtungen zerfranst, wird die fpö deren stimmen einheimsen. die övp kann das nicht - zu konträr wären die zu vertretenden interessen, ebenso bei den grünen.es läge an der spö, starke leute nach vorne zu stellen und diesen menschen ein wählbares programm, in klar verständlicher form transportiert, anzubieten.
andernfalls wird die fpö immer stärker und wir mussen und an den rechten umgangston gewöhnen und die spö wird nur mehr von pensionisten und sj (denen die grünen zu bürgerlich sind) gewählt.

Gilgamesch
312
21.9.2009, 11:57

ich finde, man sollte auch mal die these infrage stellen, die davon ausgeht fpö-wähler seien zum großteil keine antisemiten und ausländer-hasser.
man kann seinen protest auch bei den grünen ausleben.
diese 25% wählen die fpö weil sie gegen ausländer ist, und nicht obwohl sie es ist.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 93
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.