Jürgen, 37 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, lebt in Wien, leitet zwei Firmen, hat ein protziges Auto und ein Karbon-Fahrrad - Interview
derStandard.at: Wie oft fährst du mit dem Rad?
Jürgen: Von Montag bis Freitag fahr ich täglich mit dem Fahrrad in die Arbeit, wenn es das Wetter erlaubt. Kleine Einkäufe erledige ich mit einem alten, violetten Damenrad mit Einkaufskorb, ins Büro fahr ich mit dem Karbon-Rad. In die Firma brauch ich zehn Minuten, nach Hause geht es aber schneller. Da liegt mein Rekord bei sechs Minuten. Aber da waren zwei rote Ampeln dabei. Könnte ich durch den Stadtpark fahren, wäre ich noch schneller.
derStandard.at: Wärst du also dafür, den Stadtpark für Radfahrer zu öffnen?
Jürgen: Der Stadtpark ist wunderschön, und für mich wäre er eine tolle Abkürzung. Man könnte ja den Park zu den Stoßzeit öffnen - in der Früh sind dort eh keine Touristen, außerdem würde ich langsam fahren.
derStandard.at: Du hast ein „batzen" Auto daheim stehen - warum fährst du trotzdem mit dem Fahrrad?
Jürgen: Ich hab ja auch ein „batzen" Rad, warum soll ich dann mit dem Auto fahren? Ich hab ein ästhetisches Auto, wenngleich es mit seinem Verbrauch von 7 bis 8 Litern ökologisch ist. Das Auto brauchen wir für die beiden Kids - das heißt also nicht, dass ich jeden Tag drinn sitzen muss und es am Sonntag vier Stunden lang poliere. Ganz im Gegenteil. Ich geh auch gerne zu Fuß und fahr manchmal mit den Öffis, oder eben mit dem Rad. Je nachdem, was gerade am effizientesten ist.
derStandard.at: Dein Fahrrad war wohl nicht ganz günstig. Warum hast du dich gerade für dieses Rad entschieden?
Jürgen: Ich brauchte ein neues Rad, weil man mir mein voriges gestohlen hat. Bei diesem Rad war es die Optik - die Ästhetik, die mich angesprochen hat. Aber ich hatte auch ein bisserl "High-Tech" im Hinterkopf. Das Karbon hat mich einfach gereizt. Auch die übrigen Komponenten sind vom Feinsten. Klar gibt's nach oben noch Luft, aber im Grunde ist das schon zu viel für mich. Sagen wir mal so, es hat vom Budget her grad gepasst und mich optisch total angesprochen. Mit KTM unterstütze ich auch die heimische Wirtschaft, und somit war es für mich eine stimmige und "runde" Entscheidung.
derStandard.at: Bist du ein Bobo?
Jürgen: Was ist ein Bobo? Man lässt sich ja eigentlich ungern klassifizieren, aber die Definition sanfter Materialismus trifft es ganz gut, korrekt und kreativ bin ich auch, sowie idealistisch. Ob ich ein kulturelles, gesellschaftliches oder politisches Leben präge, weiß ich nicht. Aber wenn das die Definition ist, ich denke, ich könnte sowas wie ein Bobo sein.
derStandard.at: Hast du keine Angst, dass dir einmal die Krawatte in die Kette kommt?
Jürgen: Ich hab schon länger keine Krawatte mehr getragen. Es ist nicht so, dass mir Krawatten nicht gefallen, oder ich sie uncool finde, aber ich brauch keine. Wenn ich einen formellen Termin mit konservativen Kunden hab, dann reicht auch ein schönes Hemd ohne Schlips.
derStandard.at: Bist du mit deinem Rad schon im Gelände gefahren?
Jürgen: Bitte sag es nicht weiter, aber bis jetzt noch nicht. Ausreden dafür hab ich genug gehabt, aber langsam gehen sie mir aus. Das heißt, der nächste Ausritt ist in greifbarer Nähe. Das notwendige Equipment dazu hab ich jedenfalls schon.
derStandard.at: Trägst du am Weg in die Arbeit einen Fahrrad-Helm?
Jürgen: Für die paar Meter zur Arbeit würde ich mir nie einen Helm aufsetzen. Als wir Kids waren, hat kein Mensch einen Helm getragen. Ich finde nichts uncooler als diese Bürotypen mit Helm und Brille und den Klettverschlüssen an den Anzugshosen. Der Nachwuchs trägt natürlich Helm. Aber fürs Gelände hab ich einen, und weil ich ja Perfektionist bin, musste es das Topmodell von Giro sein. Das schaut zumindest aus, als wäre es aus Karbon.
derStandard.at: Du hast einen Wheeley-Kurs mit dem Motorrad gemacht - hilft dir das dort Gelernte beim Hinterradeln mit dem Fahrrad?
Jürgen: Ein bisschen. Das Grundprinzip und das Balancegefühl sind das gleiche, nur der Speed ist am Motorrad höher, und somit ist es theoretisch leichter, das Gleichgewicht zu halten; wobei ich beides nicht gescheit kann und zu wenig Zeit zum Üben hab.
derStandard.at: Die Polizei schenkte im Sommer den Radfahrern besondere Aufmerksamkeit. Hat dich die Polizei schon bei dem einen oder anderen Vergehen ertappt?
Jürgen: Heuer zum Glück noch nicht. Ich hab aber einen 100% legalen Weg in die Arbeit gefunden, für den ich maximal eine Minute länger brauche als für den kürzesten, großteils illegalen. Ich versuche, ein verantwortungsbewusster Jungpappi zu sein und mit gutem Beispiel voran zu gehen. Also heuer so gut wie keine roten Ampeln gehabt. (Guido Gluschitsch, Foto: www.gluschitsch.com)