Blogger-Prozess wird Bauerntheater

19. September 2009, 12:02
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    foto: bernath

Nichts läuft nach Plan im Verfahren gegen zwei junge Bürgerrechtsaktivisten - Die Zeugen stammeln, der Richter ist verzweifelt

Baku/Wien - Was ist das Gegenstück zu einem politischen Schauprozess? Ein Bauerntheater. Nach dem dritten Verhandlungstag im Prozess gegen zwei junge Bürgerrechtsaktivisten in Aserbaidschan, einer früheren Sowjetrepublik und einem Mitgliedsstaat des Europarats, droht dem Regime die Kontrolle über die Justizfarce zu entgleiten.

Eine schnelle Verhandlung sollte es werden, ohne Publikum und in einer Sache, die rein gar nichts mit Politik zu tun haben durfte.  Doch seit dem Prozessbeginn gegen Emin Milli (30) und Adnan Hajizadeh (26) in Baku am 4. September hält sich niemand an die Spielregeln: Zeugen, die stammeln und ihre einstudierten Aussagen nicht zustande bringen; Diplomaten und internationale Beobachter, die weiter in den viel zu kleinen Gerichtssaal drängen; eine Hundertschaft von Freunden der beiden Angeklagten, die vor dem Gerichtsgebäude die Nationalhymne singen und mitunter weiße T-Shirts tragen mit dem Aufdruck „Ich bin auch ein Hooligan", bis sie von Zivilpolizisten rasch abgeführt werden.

Milli und Hajizadeh sollen an einem Juli-Abend in einem Restaurant in Baku eine Schlägerei begonnen haben und mindestens zwei Männer krankenhausreif geschlagen haben. Vorsätzlich, wie es in der Anklage heißt, und in angetrunkenem Zustand. Maximal fünf Jahre Haft verhängt die Justiz in Aserbaidschan dafür. Milli und Hajizadeh sind bis dahin allerdings nicht durch ihre Prügelkunst aufgefallen, sondern weit mehr durch ihre frech vorgetragene Kritik am Regime von Staatschef Ilham Alijew.

So organisierte Milli zu Jahresbeginn eine Demonstration vor der UNO in New York, um gegen eine Verfassungsänderung in Aserbaidschan zu protestieren, die Präsident Alijew eine endlose Wiederwahl garantiert. Hajizadeh machte sich zuletzt in einem Eselskostüm über den teuren Ankauf von Grautieren aus Deutschland lustig, den er beispielhaft für die Korruption im Staatsapparat fand. Alles war und ist auf Internet zu verfolgen, auf YouTube-Videos, die Hajizadehs Jugendgruppe „OL" verbreitet oder auf Millis Facebook-Seite und seinem Internet-Fernsehen ANTV. Auf mehrere Tausend wird die Gefolgschaft der beiden Blogger unter den aserbaidschanischen Studenten im In- und Ausland geschätzt. Der Prozess in Baku hat ihnen nur noch mehr Popularität eingebracht. Millis und Hajizadehs Freunde berichten über Twitter (#EminAdnan) und auf ihren Blogs über den Verlauf der Verhandlung.

Keine Zweifel an Inszenierung

Dass die Schlägerei im „Libnan", einem Kellerrestaurant in der Fußgängerzone von Baku, inszeniert war, daran haben die Beobachter der EU und der US-Regierung keinen Zweifel. Die „Opfer" am Nachbartisch wollen an jenem Abend grobe Ausdrücke von Milli und Hajizadeh gehört haben und bekundeten ihre Besorgnis, wie sie bei der Verhandlung am 16. und 18. September sagten - schließlich saßen sie in Begleitung einer jungen Frau an ihrem Tisch. Die Kellnerin aber kann sich an keine Frau und keine Flüche erinnern. Andererseits war die Musik im Restaurant sehr laut...

„Adnan fiel und schlug seine Nase am Tisch an, als er mich stieß", gab Babek Huseynow, einer der beiden angeblich verprügelten Männer an. „Ich habe auf der Polizeiwache eine Erklärung geschrieben", fügte er hinzu. „Was für eine Erklärung?", will Hajizadehs Anwalt wissen. „Was die Polizei mir sagte", sagt Huseynow zur Freude der Verteidigung und der beiden Angeklagten.

Der Richter verzweifelt längst an seinen tumben Zeugen, die ihm doch das Geschäft erleichtern sollten. In einer Verhandlungspause verschwindet er mit ihnen und nimmt sie wohl ins Gebet. Beim nächsten Termin treten die angeblichen Opfer etwas routinierter auf. Doch als sich Milli von seinem Käfig aus, in dem er als Angeklagter mit Hajizadeh im Gerichtssaal sitzt, direkt an Babek Huseynow wendet, wird die Absurdität einmal mehr deutlich. Huseynow ist ein junger Ringer, der wie sein Begleiter die Sportakademie in Baku absolvierte. „Wie kann es sein, dass Leute wie wir trainierte Athleten wie euch zusammenschlagen konnten?", will Milli wissen. Der Zeuge schweigt.

Die Menge vor dem Gerichtsgebäude johlt, als die beiden Angeklagten nach Verhandlungsende in ein Polizeiauto bugsiert werden. „Emin! Emin!", rufen sie, jubeln Adnan Hajizadeh zu, als wäre er ein Rockstar, und dann folgt der politische Schlachtruf nach Freiheit, der nach allen manipulierten Wahlen in Baku in den vergangenen Jahren ertönte - „Azadliq!". Zwei Monate Untersuchungshaft hatten die Behörden über die beiden Internetaktivisten verhängt, angeblich um den Fall genau zu ergründen. Nächster Verhandlungstermin ist der 25. September. Es könnte auch später sein, heißt es. Aserbaidschans Behörden brauchen offensichtlich eine Auszeit. (Markus Bernath, derStandard.at, 19.9.2009)

Kommentar posten
19 Postings
Trollstop
00
27.9.2009, 23:19
Es ist schwer zu fassen.

Da riskieren mutige Bürger für ein wenig Freiheit Gesundheit, Freiheit, womöglich das Leben - und der Standard macht sich darüber - lustig.

Jürgen Rembremerding
00
22.9.2009, 20:42
schneebrunzer
 
00
21.9.2009, 16:24
erinnert mich ein klitzekleinwenig...

....an eine Bauernrepublik im Herzen Europas, wo Tierschützer wie die Mafia verfolgt werden und Schwerkriminelle ungeschoren davon kommen.

Doch nicht so weit weg dieses Aserbaidschan.

LCMSMS2
00
20.9.2009, 10:35
Aserbaidschan ...

... scheint ja wirklich noch einen weiten Weg vor sich zu haben. Letztens habe ich in einem Bericht gelesen, dass Büger die beim Song Contest (telefonisch) für Sänger aus dem Ausland stimmten, Besuch von der Polizei erhielten:

http://news.bbc.co.uk/1/hi/ente... 263437.stm

Eva N
53
20.9.2009, 01:40
Bauer=Schimpfwort?

Ich finde es erschreckend, dass der Standard "Bauer" als abwertende Bezeichnung verwendet. Nur weil Jugendliche diese Berufsbezeichnung als Schimpfwort verwenden, muss es eine angebliche Qualitätszeitung noch lange nicht ebenso machen.

Abgesehen davon ist der Artikel wirklich äußerst schlecht geschrieben.

i.m. ernst
01
20.9.2009, 13:36

selber bauerntölpel?

LCMSMS2
04
20.9.2009, 11:21
Bauer wurde nicht ...

... als abwertende Bezeichnung für ein Gerichtsverfahren verwendet, sondern Bauerntheater.

Und ein Bauerntheater behandelt, von Amateuren/Laien gespielt (hier: Richter, Zeugen), groteske, burleske und unfreiwillig komische Themen (hier: Art des Verfahrens und der erhobenen strafrechtlichen Vorwürfe).

saratoga
90
19.9.2009, 19:22
Deutsche und Österreich hat seit Hitler eine Weisungs gebundene Justiz

Wenn man heutige Aussagen von Deutschen- und Österreichischen Richtern und Staatsanwälte liesst, geht es bei uns auch nicht Anders zu.

tante käthe
00
22.9.2009, 17:29

sie sollten mal eine zeitung lesen,ein buch anschauen,radio hören oder einfach einen vorbeikommenden erstklässler fragen!

Julius Pokorny
01
20.9.2009, 17:07

Jaja, ich weiß, Bildungsdünkel etc., aber in saratogas Posting ergänzen sich Äußerliches (Orthographie) und Inhalt (Unfug) perfekt.

rasenmähermann
00
20.9.2009, 11:24

Ihre Aussage ist historisch schlicht falsch.

Jojo07
02
20.9.2009, 09:53

Ich wünsche Ihnen NICHT, dass Sie einmal vor ein Gericht wie jenes in Aserbaidschan geraten - denn dann würden Sie den Unterscheid zu einem österreichischen Gericht am eigenen Leib erfahren!

I.a.W.: Sie schreiben einen Topfen!

K.
10
19.9.2009, 16:52
Bauerntheater

es magschon so sein, dass da aus einem Prozess ein Bauerntheater wird; deswegen muss man darüber aber nicht so schreiben wie über ein Bauerntheater

Thomas Gummibaer
165
19.9.2009, 12:35
Was will Markus Bernath damit sagen? Dass die "westliche" Gesellschaft frei ist? Das die Richter hier nach dem Gesetz urteilen?

wann wird er ueber Jose Padilla schreiben?
wann wird er ueber Guantanamo schreiben?

Jojo07
311
19.9.2009, 15:15

Es ist ja ganz wunderbar, dass Sie so für/gegen Guantanamo eintreten!

Nur, was zum Himmel hat Ihr offenkundig geifernder Antiamerikanismus mit dem unfassbaren Fall dieser beiden jungen Männer zu tun???

Oder um Sie zu zitieren:
WAS WOLLEN SIE UNS MIT IHREM POSTING SAGEN?

Ein Tipp fürs nächste Posting:
Erstens: Zuerst den Beitrag LESEN!
Zweitens: Über den Beitrag NACHDENKEN!
Drittens: Eventuell ein Posting SCHREIBEN - mit einem Text, der in sinnhaftem Zusammenhang steht zum Beitrag!

DANKE!

Joseph EU
11
20.9.2009, 15:36
Das dieser.......

Gummibaer zum Nachdenken faehig sein soll - das waer was neues ...wie auch ...mit Gelatine im Hirn ???

Timagoras
 
00
21.9.2009, 16:59
"...mit Gelatine im Hirn ???"


aber mit brauner!

Zaubersalz
13
19.9.2009, 14:27
Sie sind hier falsch...

...HIER wird ununterbrochen über Guantanamo berichtet! Und gerade bei diesem Thema gibt es sogar in den sonst sehr selektiv urteilenden USA höchstrichterliche Entscheidungen DAGEGEN! Was also wollen SIE uns sagen... daß es "hier" im Westen juridisch genauso zugeht wie "dort"?!

Rumo von Zamonien
01
19.9.2009, 13:42

An und für sich schreibt er über einen Prozess in Aserbaidschan.

Was er damit sagen will ist relativ leicht aus dem Artikel zu entnehmen.
Ihr Umkehrschluss-Reflex wird etwas aufgesetzt.

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