Ausmisten im Saustall

18. September 2009, 18:00

Der Krankenaktenskandal ist nur ein Symptom für den Gesamtzustand der ÖBB - Von Luise Ungerboeck

Einen Saustall nannte Eisenbahnergewerkschaftschef Wilhelm Haberzettl die ÖBB vor vier Jahren. Konkret "einen Saustall bei der Personalplanung" , weil es die Eigentümervertreter gewagt hatten, eine Änderung des Dienstrechts in Erwägung zu ziehen, um Eisenbahner innerhalb der 2004 in einen Konzern umgebauten Bundesbahn versetzen zu dürfen.

Die notwendige Dienstrechtsänderung kam nicht - obwohl die Regierung damals aus schwarz-blau-orangen Parteifunktionären bestand und die in der Staatsbahn übermächtigen Sozialdemokraten die Opposition stellten.

Der zitierte "Saustall" ist die ÖBB offensichtlich geblieben, und zwar einer, der Manager, Beschäftigte und Politiker ebenso bestens ernährt hat, wie Politiker, Auftragnehmer der Zulieferindustrie - und natürlich Gewerkschafter wie Haberzettl.

Wie groß der "Saustall" wirklich sein dürfte, lässt sich erst am Skandal um illegal gespeicherte Krankenakten und medizinische Diagnosen erahnen. Gewusst haben offensichtlich alle vom fortgesetzt praktizierten Unrecht, das selbst vor der Würde des Menschen nicht haltgemacht hat. Aber sie waren (zu) satt und wohl auch zu bequem, die Missstände abzustellen. Auf die Idee, dass Krankenstandskontrollen durch Beschäftigte eines Unternehmens verboten sind, kam nie jemand. Dies an Chefarzt und Krankenkasse zu delegieren, auch nicht. Nein, die Eisenbahner sind auch noch an jenem Unternehmen mit einer Sperrminorität beteiligt, das die Kontrollen im Auftrag der Eisenbahnerversicherung durchführt.

Diesbezüglich ist auch die durch exorbitant hohe Fehlzeiten geschädigte Versicherung für Eisenbahn und Bergbau noch eine Erklärung schuldig. Krankenkontrollen sind Chefarztsache und nicht durch Arbeitsmediziner durchzuführen. Sie stellt sich bis jetzt tot, obwohl ihr Obmann im ÖBB-Zentralbetriebsrat Spitzenfunktionär ist.

Würde ein privater Konzern so ungeniert vorgehen, stürmten Arbeitsinspektor und Gewerkschaft wohl längst die Bude. Aber eingebettet in das sozialpartnerschaftlich organisierte Beförderungssystem, wurde das aus dem Krieg herübergerettete militärische Kommando auch von der Gewerkschaft beibehalten - und vom Eigentümer Staat letztlich weidlich ausgenützt und mit Sonderregelungen sonder Zahl ausgestattet. Kein Politiker, schon gar kein roter, wollte es sich leisten, gegen die Eisenbahnergewerkschaft in den Krieg zu ziehen. Getraut haben sich aber auch die Schwarzen nicht, weil sie in das lückenlose Überwachungssystem, das offenbar auch Quereinsteiger im Eilzugstempo korrumpierte, wohl eigene Leuten einschleusen konnten, nicht aber Erfolge zustande brachten.

Sie reden immer nur von Transparenz und Missständen, die abgestellt werden müssen, bauten den Schuldenturm auf Wunsch von Bauwirtschaft, Regional- und Landespolitikern aber in - für den Bundeshaushalt - schwindelerregende Höhen aus. Der Öffentlichkeit präsentieren sie nach wie vor die Mär, dass dieser "Bahnbau zu Babel" nie einstürzen würde, weil er ja von einem gut sechs Milliarden Euro schweren Zement aus Krediten, Haftungen und Staatszuschüssen zusammengehalten wird.

Der Mörtel wird nicht halten. Denn wann immer der Ruf nach Kontrolle und Transparenz laut wird, jammern im ÖBB-Stall jene, die am Futtertrog stehen. Und dieser Ruf ist unüberhörbar, die Bahn ist finanziell am Ende.

Also gibt es nur einen Ausweg: Das sinnlose Tunnelbauprogramm einstampfen, denn der Schienengütertransport ist massiv rückläufig, weil zu teuer. Das Management austauschen, denn die im Politsumpf groß gewordenen Direktoren schaffen die Sanierung offensichtlich nicht. Alles andere ist Perlen vor die Säue werfen. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.9.2009)

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sociovation
06
20.9.2009, 10:51
Man sollte auch darauf hinweisen,

dass die Krankenständler in der ÖBB ja auch ihren nicht kränkelnden KollegInnen zur Last fallen.
Ich kenne Lokführer mit mehr als 400 Überstunden, zu denen wöchentlich noch welche hinzukommen, mit absurden Dienstzeiten, bei denen jedes normale Arbeitsinspektorat aufjaulen würde etcetc.
Das Problem ist wesentlich komplexer, als es der kleine Lokführervernaderer in seinem Spatzenhirn zu fassen vermag...

A. Raunzer
02
20.9.2009, 14:12
Aber, Hand auf's Herz

400 Überstunden gibt's kaum irgendwo, weil jede vernünftige Firma aus Horror vor den notwendigen Rücklagen da rechtzeitig die Notbremse zieht. 27 Krankenstandstage im Schnitt pro Mitarbeiter und Jahr ist schon heavy und sagen weniger über den Gesundheitszustand als über die Arbeitsmoral aus.

Wir wissen ja, dass die USA kein anstrebenswertes Sozialsystem haben. Aber zum Vergleich: Dort sind es 18 --- pro 100 Mitarbeiter!!!
Diese ziemlich mächtige Gewerkschaft, die sich da ihren Vorstand hält und bei Bedarf auch auswechselt, sollte vielleicht einmal etwas Poitivives zur Arbeitsmoral beitragen....

Gilgamesch
00
20.9.2009, 11:35

der artikel bezieht sich auf die öbb als ganzes! und da liegt einiges im argen.
kein einziges mal war von lokführern die rede, also können sie auch nicht vernadert worden sein. einzelschicksale sind bedauerlich, aber sie sollten nicht den blick auf das ganze trüben.

zellamsee
00
20.9.2009, 13:52
Man sollte aber nicht vergessen,

dass die hier häufig geforderte Privatisierung sich auch auf diese Berufsgruppe auswirkt. Die Arbeitsbedingungen werden dadurch sicher nicht besser! Haben Sie den hier kürzlich erschienenen Artikel über Piloten in den USA gelesen?

Terence Lennox
21
20.9.2009, 07:39
österreich steht vor dem kassasturz..

..nicht nur bei den bundesbahnen. generell geht die ära des unbeschwerten weiterwurstelns zu ende. österreich steht vor dem bankrott. oder vor einschneidenden veränderungen, die soziale unruhen mit sich bringen werden. einen weg dazwischen scheint es nicht zu geben. jahrelang wurde jedes andocken an die realität vermieden. jetzt geht es ans eingemachte..

steve low
00
20.9.2009, 14:51
So ein Quatsch!

mindfields007
00
20.9.2009, 12:55

fällt ihnen eigentlich auf, dass sie nur oberflächlich raunzen und völlig inhaltslos eine unbelgte negativbotschaft an die nächste reihen? tabletten heute nicht genommen?

Beobachter zweiter Ordnung
00
20.9.2009, 17:26
lesen Sie das neue Profil - von wegen Tabletten nicht genommen

one coin, two sides
03
19.9.2009, 22:08
differenzierte Kritik tut not...

Irgendwie erinnert mich das an die Lehrerdiskussion. Alle hauen wahllos auf eine Berufsgruppe/Firma ohne auch nur im geringsten zu differenzieren.
Fahre seit Jahren soviel wie möglich mit der Bahn (also fast alles) und bin von daher mit der ÖBB mehr als zufrieden (vor allem wenn man die DB kennt).
Die Sager vom AR-Vorsitzenden im heutigen Mittagsjournal boten allerdings entwaffnende Einsichten:
1) man hat scheinbar "vereinbart" die Krankenstände runterzukriegen. Eine interessante Vorgehensweise, noch dazu, weil sei scheinbar "gelungen" ist.
2) An der Geschichte "Machtkampf" wg. Klugar-Bewerbung kann von daher was dran sein

Trotzdem wären andere Probleme wichtiger:
1) Westbahnhof so lassen wie er ist - ideal.
2) Pendlerstrecken fördern

hotzenplotz1001
00
20.9.2009, 10:41
Liebe Frau Ungarboeck, der Krankenaktenskandal ist leider nicht nur…

…symptomatisch für die ÖBB sondern auch für allgemeine Tendenzen auf dem Arbeitsmarkt, Menschen ihrer Privatspäre zu enteignen - frei nach Dem Motto: Wer überwacht, hat die Macht. Es handelt sich hier bei weitem nicht um einen Einzelfall. Die Verfahren dazu werden in den landläufigen Business Schools gelehrt.

Peter_23
00
19.9.2009, 21:37
Offensichtlich ist der ÖBB-(Zentral)betriebsrat auch ein Gelber Betriebsrat

Wie ich leider schon selbst in so vielen größeren Betrieben feststellen musste, sind Gelbe Betriebsräte (="quasi gekauft") keine Seltenheit, sondern durchaus ein Regelfall mit System.

Dieses Thema ist auch ein Tabuthema, inbesondere in SP-ÖGB-Umfeldbereichen. Denn was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Wo diese Problematik dann im Falle des Falles sehr gerne auf "bedauerliche" Einzelfälle reduziert dargestellt wird statt sich der Machtspielchen und der Interessenskonflikte mehr bewusst zu werden.

Alfred Zopf
00
20.9.2009, 11:33
Leider stimmts !

Die "Packelei" im Hintergrund ist bei führenden GewerkschafterInnen noch immer gang und gebe, obwohl für die ArbeitnehmerInnen dabei nichts mehr rausschaut, erstaunlich dabei ist, dass bessere und zielführendere Strategien, nicht angwendet werden, obwohl sie in Gewerkschaftsseminaren gelehrt werden.

stop-making-sense
17
19.9.2009, 19:23
Durchschnittlich 5!!! Wochen Krankenstand,

höchste Zeit, dass bei der ÖBB ausgemistet wird.

The Dark
10
19.9.2009, 22:40
zumindest

braucht sich keiner aufregen wenn in den 5 Wochen von den ach so kranken Eisenbahnern nebenbei fleissig entgeltlich gepfuscht wird oder sie 5 Wochen lang auf der Donauinsel in der Sonne liegen.

Weil glaubt doch wohl niemand der schon je beim Chefarzt war, dass dieser solche Dinge abstellen wird.

Schlapsi
02
19.9.2009, 18:07
ASFINAG

Und wieso sieht sich niemand den Saustall bei der ASFINAG an. die von einem roten und einem schwarzen unkonpetenten Kasperlduo geführt wird? Seit Jahren werden Autobahnabschnitte auf- und ab und kreuz- und quer geplant, die niemand braucht und will, nur um den Anschein einer Aktiviät zu entwickeln und die die Bauindustrie auf Aufträge hoffen zu lassen. Herauskommt dabei sowieso nichts-

der speicher
00
19.9.2009, 16:53

wenn pro mitarbeiter 5 Wochen Krankenstand pro Jahr anfallen, dann ist vielleicht doch nachzuprüfen, woran das liegen könnte... das daraus eine bespitzelung der ma im großen stile wird, wer konnte das ahnen? mit sicherheit sind in der privatwirtschaft ähnliche methoden verbreitet.

wie aber ungerböck aus diesem skandal schließt, dass ein tunnel von graz nach klagenfurt sinnlos sei, ist mir rätselhaft.
ungerböck scheint überdies die öbb mit besonderer inbrunst zu verfolgen - wahrscheinlich hat sie als kind nicht mit der modelleisenbahn gespielt, denn ihr geht jedes sensorium für dieses verkehrsmittel ab, nachzulesen in jedem ihrer artikel.

Gregor JOHN
05
19.9.2009, 20:59
Der Koralmtunnel ist sicher nicht sinnlos,

finanziell ist er aber ein Superdesaster,
die Baukosten werden meines Wissen nach
etwa 4-6 Mrd. betragen und die Benützung
der Strecke wird nicht einmal deren Erhaltung erwirtschaften.
Eine politische Hinterlassenschaft J. Haiders an die Steuerzahler,
Akteure: J. Haider, LH, W. Schüssel, BK, H. Gorbach M.

Reiner D
13
19.9.2009, 16:49
Phantasielos und ohne Leidenschaft

Das Management der ÖBB und die Verantwortlichen im Aufsichtsrat agieren ohne jede Leidenschaft für die Sache der ÖBB. Was ist denn der Auftrag der ÖBB? Der Auftrag ist, die bestmöglichste Versorgung seiner Kunden im Personen- und Güterverkehr.

Stattdessen werden Services zusammengestrichen, sündteure, überflüssige Projekte realisiert, sinnvolle Dienstleistungen zu teuer angeboten. Die einzige Antwort ist: Stellenstreichung, Bahnstillegung, Bespitzelung der Kranken.

Das sind die einfachsten Wege, die nichts mit der Leidenschaft zu tun haben, wenn es um die Zukunftsgestaltung der Bahn geht. Mich erinnert das sehr an die AUA, an die Telekom oder andere Staatsunternehmen.

Vorstand, Aufsichtsrat und Gewerkschaften sind einfach nur peinlich!

adaschauher
27
19.9.2009, 16:20
aber beginnen tut der saustall immer noch dort...

... wo sich tausende im OeBB selbstbedienungsladen illegal wochenlange krankenstandsurlaube goennen und von kriminellen aerzten dazu beihilfe geleistet wird.

kann ja nicht sien, dass gewerkschaftsbonzen und der rot-gruenfunk jetzt die diskussion darauf verkuerzen woher die verantwortlichen manager sich informationen besorgten, um dagegen vorzugehen.

Minimonk
00
19.9.2009, 15:55

Danke für die Überschrift Luise! *Quieeeek*

xerxes
14
19.9.2009, 14:18
Sauställe gehören ausgemistet und saure Wiesen trockengelegt...

...aber dafür ist ist Österreich wahrscheinlich noch nicht reif - hat noch eine Demokratie in Kinderschuhen.

Man denke nur an die international vergleichsweise höchsten direkten und indirekten Parteienförderungen, Zwangsmitgliedschaften, linke und rechte Reichshälften und ungeschriebene Gesetze, Erbpachten - also die österreichischen Traditionen.

Mike 23
10
19.9.2009, 13:49
Heute wurden

in der "Presse" die krankheitsbedingten Ausfälle mit durchschnittlich 27 Tagen pro Mitarbeiter beziffert.
5 Wochen also, pro Mitarbeiter.
Michael

skyrock
00
19.9.2009, 13:45
Lidl Billa Schlecker um nur einige private

Arbeitgeber zu nennen fallen mit weitaus gravierenderen Agriffen auf Arbeitnehmerrechte auf. Nur ist der Aufschrei der Medien bei privaten viel geringer.

Hubert Ungeist
 
02
19.9.2009, 17:37
Dort wurde es aber auch zur Anzeige gebracht

von der Gewerkschaft bei der ÖBB hat es der Gewerkschafter offensichtlich gewusst und geduldet

pool
22
19.9.2009, 13:24
Diese neofaschistischen Machenschaften sind allgegenwärtig

Missbrauch und Datenmissbrauch geht dann bei AMS und Krankenkassen zur Selektion, zum Outsourcing aus den Bezügen weiter, bis nur mehr Willkür, Rechtlosigkeit und Verzweiflung herrscht. Es kommt zu menschenrechtswidrigen, grundlosen Bezugssperren, Arbeitsuchende werden gedemütigt und psychisch misshandelt bis sie irgendwann durchdrehen.
Es ist ungeklärt wie viele systematisch psychisch Krank-Gemachte dann Selbstmord begehen, diese Daten werden bei Anfragen nicht weitergegeben.
Bei Arbeitslosen ist der Rechtsstaat per Gesetz aufgehoben, das bräuchte dringendst Reformen!

Auf dieser hilfreichen Seite sind diese unmenschlichen, neoliberalen Machenschaften gut beschrieben: http://www.soned.at/5e5c596c9... c026c.html

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