Drei Männer und eine Marionette sprechen Bände zu korsischen A-cappella-Klängen: Der belgische Senkrechtstarter Sidi Larbi Cherkaoui weist in seinem Stück "Apocrifu" auf die Gewalt der Schrift hin.
Mit seinem 2007 entstandenen Stück Apocrifu betritt - und das ist im übertragenen und im wörtlichen Sinn zu verstehen - der belgische Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui die Welt der Bücher. Cherkaoui arbeitet eng mit dem Opernhaus Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel zusammen, wo Apocrifu auch uraufgeführt wurde. Der Künstler ist 1976 in Antwerpen geboren, sein Vater kam in den 60er-Jahren als Migrant aus dem marokkanischen Tanger nach Belgien. Cherkaoui tanzte in verschiedenen Fernsehshows und studierte in Anne Teresa De Keersmaekers Schule P.A.R.T.S., wo er mit den Praktiken von William Forsythe, Pina Bausch, Trisha Brown und anderen Bekanntschaft machte.
Während seiner Ausbildung zum zeitgenössischen Tänzer arbeitete er mit einer HipHop- und einer Jazztanz-Gruppe zusammen und ging nach New York, wo er Kurse am Broadway Dance Center belegte. All diese Einflüsse bilden heute die Grundlage für einen ausgesprochen persönlichen, theatralen und eklektischen choreografischen Stil. Es war Alain Platel, der Cherkaoui entdeckte und ihn 1997 einlud, sich an der Erarbeitung seines Stücks Iets op Bach zu beteiligen.
Zugleich begann der 22-Jährige, eigene Arbeiten vorzustellen, und schuf die Choreografie für das Musical Anonymus Society. 2001 entstand seine erste abendfüllende Choreografie Rien de Rien.
Eine Schlüsselarbeit auf dem Weg zu Apocrifu kam 2002 an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin heraus, wo damals noch Sasha Waltz residierte: D'Avant, eine Verbindung von zeitgenössischem Tanz und Liedern aus dem 13. Jahrhundert. Der endgültige Durchbruch auf dem Tanzmarkt gelang Cherkaoui 2003 mit Foi. Seitdem gilt er als veritabler Senkrechtstarter in der Nachfolge von Alain Platel, an dessen Gruppe Ballets C de la B er auch beteiligt ist.
Von Mythen zu Apokryphen
In Foi trat neben den Tänzern das Musikensemble Capilla Flamenca mit Klängen aus dem Mittelalter auf, in Tempus fugit (2004) die Gruppe Whesm mit arabischem Liedgut. 2007 wurde ein sehr produktives Jahr für Cherkaoui: Er brachte Myth heraus, auch hier waren Musiker auf der Bühne präsent - mit dem Ensemble Micrologus, das im Set über großen Bücherregalen platziert wurde. Sozusagen als Vorgriff auf Apocrifu. Auch sein Ziehvater Platel positioniert ganz ähnlich Musikgruppen auf der Bühne, etwa bei vsprs Aka Moon und das Ensemble Oltremontano, und in Pitié! wieder Aka Moon.
In Cherkaouis Apocrifu (Apokryphen sind christliche Schriften außerhalb des Kanons der Bibel) treten nun mit den drei Tänzern, darunter dem Choreografen selbst, sieben Sänger der korsischen Gruppe A Filetta auf. Deren A-cappella-Gesang, der teils auf katholischen Messgesängen und teils auf eigenen Gedichten beruht, begleitet das Geschehen im Stück, dessen zweistöckiges Bühnenbild von Hermann Sorgeloos stammt.
Bücher spielen darin eine ambivalente Rolle, die Tänzer versuchen in sie einzudringen, verteilen sie im Raum, steigen auf ihnen herum, jonglieren mit ihnen und benutzen sie als Wurfgeschoße. In der deutschen Tageszeitung Die Welt heißt es: "Offenbar gilt dem Choreografen die Schrift generell als ein Mittel der Unterdrückung, und so werden in einer gelassen brutalen Szene einem Tänzer gewaltsam japanische Schriftzeichen auf die Haut gemalt."
Es geht - auch - um die heiligen Bücher Bibel und Koran, um religiöse Konflikte. Samurai- und Holzschwerter kommen zum Einsatz. Eine Gliederpuppe im Stil des japanischen Bunraku, die (wie die Darsteller) vom belgischen Designer Dries Van Noten eingekleidet ist, mimt den vierten Tänzer. Cherkaoui arbeitet wie Platel mit dem Kolorit interkultureller Versatzstücke, und beide verknüpfen sich eng mit der ästhetischen Unbekümmertheit der Eighties, wenn auch unter verschiedenen Generationsvoraussetzungen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, Printausgabe, 18.09.2009)
"Apocrifu", 8. 10., 19.30, Großer Saal; Einführungsgespräch um 18.30 Uhr; Bus-Shuttle von Wien: Abfahrt 17.00, Operngasse 4
A Filetta: "Korsische Gesänge", 9. 10., 19.30, Box