Ärztlicher Leiter des Anton Proksch-Instituts: Affäre um Ex-Postler Paradebeispiel dafür, wie man mit Problem nicht umgehen sollte
Wien - Erheiterung in der Öffentlichkeit und Entfernung aus dem Dienst. Das waren am Mittwoch die Konsequenzen dafür, dass bei einem ehemaligen Telekom-Mitarbeiter im nunmehrigen Verwaltungsdienst der Polizei ein Alkoholproblem akut auffällig wurde. "Auslachen und bestrafen. Das ist gerade das Paradebeispiel dafür, wie man mit dem Problem und dem Betroffenen nicht umgehen sollte", erklärte nun der ärztliche Leiter des Anton Proksch-Instituts (API), Michael Musalek.
Dass in einer "Alkoholgesellschaft" (Musalek) auch im Arbeitsleben Schwierigkeiten entstehen, sei nicht verwunderlich: "Wenn in Österreich laut niedrigen Schätzungen fünf Prozent der Menschen alkoholkrank sind, ist es klar, dass bei einem Unternehmen mit hundert Beschäftigten eben mindestens fünf alkoholkrank sind. Und Polizei und Telekom haben viel mehr Mitarbeiter."
Ständig mit Alkohol konfrontiert
Viele Arbeitsplätze kämen einem Wirtshaus
gleich, so Musalek. Alkohol werde häufig gegen den Durst getrunken. Dabei wirke
der ganz schlecht gegen den Durst, weil er nur noch durstiger mache.
"Sonst könnten Menschen ja nicht zehn Flaschen Bier trinken und würden
nie fünf Flaschen Mineralwasser runterkriegen." Berufsgruppen, die ständig von Event zu Event gehen müssten, wie Politiker oder teilweise auch Journalisten hätten es auch nicht leicht: "Da wird ein 'Glaserl' da und ein
'Glaserl' dort getrunken - und am Abend hat man dann eine beträchtliche
Menge Alkohol konsumiert."
Sucht noch immer ein extremes Tabu
"Das Problem ist, dass die Alkoholkrankheit noch immer einer extremen Tabuisierung unterliegt. Das führt dazu, dass die Betroffenen sehr spät in Behandlung kommen. Jemand, der so viel trinken muss, um über die Runden zu kommen, hat schon sehr lange ein Alkoholproblem. Die Betroffenen selbst versuchen das natürlich zu vertuschen. Und die Umgebung sieht sehr lange zu."
Aufmerksamkeit im Management von Unternehmen für solche Probleme von Mitarbeitern und Hilfsangebote sollte es auch im österreichischen Arbeitsleben in verstärktem Ausmaß geben. Musalek: "80 Prozent der Alkoholkranken sind im Berufsleben gute und sehr verlässliche Mitarbeiter. Sie sind oft übergenau und besonders engagiert - und versuchen, ihre Belastungen mit Alkohol zu kompensieren. Wenn ein solcher Mitarbeiter plötzlich nicht mehr verlässlich ist, eventuell die plötzlichen Krankenstände ansteigen, dann sollte man ein mögliches Problem ansprechen. Mit großer Wahrscheinlichkeit steckt da Alkohol dahinter. Dann sollte Hilfe angeboten werden."
Eigene Programme für Betroffene
Am API gibt es ein eigenes Programm zum Thema "Alkohol am Arbeitsplatz". Der Psychiater: "Wir arbeiten da auch mit sehr großen Unternehmen zusammen. Zunächst informieren wir die Top-Manager, dann trainieren wir die Angehörigen des mittleren Managements aus. Es geht um das Erkennen solcher Probleme bei Mitarbeitern und die Fähigkeit zu einer richtigen Gesprächsführung in solchen Fällen. Wir haben die Beobachtung gemacht, dass nach einer solchen Ausbildung solche Probleme bei Beschäftigten früher erkannt werden und auch das Arbeitsklima besser wird." Freilich, gerade in Österreich mit einem hohen Alkoholkonsum in praktisch allen Lebenslagen müsste auch eine generelle Trendwende herbeigeführt werden. (APA/red)