Je länger über das "Bürgergeld" diskutiert wird, desto verengter ist der Blick - Von Paul Kellermann
In diesen Tagen finden an vielen Orten in Europa Veranstaltungen zum "Grundeinkommen" statt. Unter "Grundeinkommen" wird eine staatliche Geldleistung an alle Bürger/innen ohne Arbeitsverpflichtung in etwa der Höhe einer "Existenzsicherung" verstanden. Sonstige öffentliche Unterstützungen sollen dafür entfallen, was vor allem die Verwaltung ("Bürokratie") vereinfachen könnte. Doch, je länger nun schon über dieses "Bürgergeld" - eine bedeutungsgleiche Bezeichnung - diskutiert wird, desto verengter ist der Blick - als wenn Geld für ein zufriedenes Leben genügte. Diese beschränkte Sicht beherrscht das Denken der Verfechter von Grundeinkommen ebenso wie das anderer "Moneyisten". Moneyisten sind Leute, die in erster Linie an Geld orientiert sind. Doch Menschen brauchen auch in einer entwickelten Geldgesellschaft mehr: Sie sind auf soziale Einbindung wie auf den Glauben einer Sinnhaftigkeit ihres Tuns angewiesen.
Vermutlich ist der Hauptgrund für den bisher geringen Erfolg des Vorschlags, ein Grundeinkommen einzuführen, dass er moralisch begründet wird. Doch, wo vorwiegend Geld, Konkurrenz und Neid das Denken bestimmen, hat Moral wenig Chancen. Vielmehr müsste funktional argumentiert werden. "Funktional" heißt, das etwas zur Erfüllung von Zielen und Aufgaben so beiträgt, dass das "System" funktioniert.
Die betriebliche Produktivität ist stark gestiegen und wird weiter steigen. Entsprechend werden weniger Arbeitskräfte gebraucht und bezahlt. Dadurch können weniger Waren verkauft werden, was die Produktion in gleichem Ausmaß sinnlos macht und deshalb eingeschränkt wird. Dies führt zu weiteren Entlassungen, wodurch das Wirtschaftssystem in Gefahr gerät. Die Versprechungen der politischen Parteien, "Arbeit zu schaffen", sind in einer solchen Situation hohl: Es geht nicht um "Arbeit schaffen" - angesichts der bestehenden Probleme in Natur und Gesellschaft gibt es genug Arbeit. Doch um in einer Geldgesellschaft überleben zu können, geht es vor allem um Einkommen, das ausreicht, die angebotenen Waren je nach Bedarf auch kaufen beziehungsweise verkaufen zu können, also das System durch die Tauschfunktion von Geld "funktioniert". Funktionale Arbeitsorganisation (die selbst viel Arbeit erfordern würde) könnte nicht nur das erforderliche Einkommen, sondern auch gesellschaftliche Integration und sozialen Zusammenhalt sowie persönliche Sinnerfüllung vermitteln. Überdies ist daran funktional, dass durch Verringerung der finanziellen Existenzangst der Arbeitserfolg nicht mehr nur im Einkommen, sondern auch im konkreten Arbeitsergebnis gesehen wird. Weil durch Arbeitserfolg Menschen zufriedener sind, entsteht weniger asoziales Verhalten. Das fördert Lebensqualität für alle. (Paul Kellermann, derStandard.at, 17.9.2009)
Zur Person:
Paul Kellermann, Jg. 1937, ist emeritierter Soziologie-Professor und Mitglied des Forschungsbeirats an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Wirtschafts-, Bildungs- und Geldsoziologie. Er ist Herausgeber einschlägiger, interdisziplinärer Bücher wie "Die Geldgesellschaft und ihr Glaube" und "Geld und Gesellschaft".