Debatte um "Grundeinkommen"

17. September 2009, 15:44

Je länger über das "Bürgergeld" diskutiert wird, desto verengter ist der Blick - Von Paul Kellermann

In diesen Tagen finden an vielen Orten in Europa Veranstaltungen zum "Grundeinkommen" statt. Unter "Grundeinkommen" wird eine staatliche Geldleistung an alle Bürger/innen ohne Arbeitsverpflichtung in etwa der Höhe einer "Existenzsicherung" verstanden. Sonstige öffentliche Unterstützungen sollen dafür entfallen, was vor allem die Verwaltung ("Bürokratie") vereinfachen könnte. Doch, je länger nun schon über dieses "Bürgergeld" - eine bedeutungsgleiche Bezeichnung - diskutiert wird, desto verengter ist der Blick - als wenn Geld für ein zufriedenes Leben genügte. Diese beschränkte Sicht beherrscht das Denken der Verfechter von Grundeinkommen ebenso wie das anderer "Moneyisten". Moneyisten sind Leute, die in erster Linie an Geld orientiert sind. Doch Menschen brauchen auch in einer entwickelten Geldgesellschaft mehr: Sie sind auf soziale Einbindung wie auf den Glauben einer Sinnhaftigkeit ihres Tuns angewiesen.

Vermutlich ist der Hauptgrund für den bisher geringen Erfolg des Vorschlags, ein Grundeinkommen einzuführen, dass er moralisch begründet wird. Doch, wo vorwiegend Geld, Konkurrenz und Neid das Denken bestimmen, hat Moral wenig Chancen. Vielmehr müsste funktional argumentiert werden. "Funktional" heißt, das etwas zur Erfüllung von Zielen und Aufgaben so beiträgt, dass das "System" funktioniert.

Die betriebliche Produktivität ist stark gestiegen und wird weiter steigen. Entsprechend werden weniger Arbeitskräfte gebraucht und bezahlt. Dadurch können weniger Waren verkauft werden, was die Produktion in gleichem Ausmaß sinnlos macht und deshalb eingeschränkt wird. Dies führt zu weiteren Entlassungen, wodurch das Wirtschaftssystem in Gefahr gerät. Die Versprechungen der politischen Parteien, "Arbeit zu schaffen", sind in einer solchen Situation hohl: Es geht nicht um "Arbeit schaffen" - angesichts der bestehenden Probleme in Natur und Gesellschaft gibt es genug Arbeit. Doch um in einer Geldgesellschaft überleben zu können, geht es vor allem um Einkommen, das ausreicht, die angebotenen Waren je nach Bedarf auch kaufen beziehungsweise verkaufen zu können, also das System durch die Tauschfunktion von Geld "funktioniert". Funktionale Arbeitsorganisation (die selbst viel Arbeit erfordern würde) könnte nicht nur das erforderliche Einkommen, sondern auch gesellschaftliche Integration und sozialen Zusammenhalt sowie persönliche Sinnerfüllung vermitteln. Überdies ist daran funktional, dass durch Verringerung der finanziellen Existenzangst der Arbeitserfolg nicht mehr nur im Einkommen, sondern auch im konkreten Arbeitsergebnis gesehen wird. Weil durch Arbeitserfolg Menschen zufriedener sind, entsteht weniger asoziales Verhalten. Das fördert Lebensqualität für alle. (Paul Kellermann, derStandard.at, 17.9.2009)

 

Zur Person:

Paul Kellermann, Jg. 1937, ist emeritierter Soziologie-Professor und Mitglied des Forschungsbeirats an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Wirtschafts-, Bildungs- und Geldsoziologie. Er ist Herausgeber einschlägiger, interdisziplinärer Bücher wie "Die Geldgesellschaft und ihr Glaube" und "Geld und Gesellschaft".

 

  • Burn out-Falle

    Ausgebrannt [34]

    Die totale Erschöpfung: Niemand kann auf Dauer alle Aufgaben immer noch besser, noch schneller und noch gewinnbringender erledigen, ohne dabei sich selbst und/oder andere auszubeuten

  • 8.11.2011
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14 Postings
Herr und Frau Österreicher
 
00
29.9.2009, 14:48
warum krümel fordern, wenn man alles haben kann?

pastinake
03
17.9.2009, 16:55
"- als wenn Geld für ein zufriedenes Leben genügte."

Das sagt keiner, der für ein bedingungsloses Grundenkommen eintritt. Aber Existenzangst und Minderwertigkeitsgefühl, weil man keine Erwerbsarbeit hat, machen das untere Drittel der Bevölkerung auch nicht zufrieden. Im Gegenteil: ein gewaltiges Potential an Frust, Angst und Perspektivenlosigkeit baut sich auf - und fast alle Politiker, die immer noch Vollbeschäftigung versprechen, schauen weg, wollen es nicht wahrnehmen, machen sich schuldig. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde nicht für alle Menschen sinn-stiftend und zufrieden-machend sein. Es würde aber vielen gewaltigen Druck weg nehmen. Und Menschen ohne Druck sind eher zu Kreativität und schöpferischen Tun fähig als Underdogs.

Management Quatscher
00
28.9.2009, 20:54

und werden dann aus den Underdogs lauter kreative Menschen ?

Und wer baut dann die Häuser, stellt die Nahrungsmitteln her, holt den Müll ab ?

Die Künstler ? Die würden sich schön bedanken.

Poldi Fesch
00
17.9.2009, 18:33
das klingt sehr schoen

hat aber mehrere Hacken. Wenn das bedingungslose Grundeinkommen kommt, wird es entweder bedingungslos u. aberwitzig teuer o. eben nicht bedingungslos. Je komplizierter aber die Bedingungen desto schwieriger wird es fuer die Underdogs. Natuerlich koennte sich die Gesellschaft all jene leisten, deren Lebensinhalt es waere, die Lautmalerei der Etrusker zu erforschen. Schwieriger wirds mit jenen, die eher an das steuerschonende Verlegen v. Teppichboeden denkt.

super Typ
00
18.9.2009, 18:38
Das Grundeinkommen könnte den Anreiz zum Pfusch verringern.

Weil es im Gegensatz zu derzeitigen Sozialleistungen durch einen Zuverdienst nicht wegfällt.
Wenn ein Arbeitsloser sich etwas dazuverdienen will, muss er pfuschen, denn wenn er offiziell einer Erwerbsarbeit nachgeht, verliert er das Arbeitslosengeld und steht dann finanziell vielleicht nicht viel besser da, nur dass er dafür arbeitet. Zum Grundeinkommen könnte er ganz offiziell dazuverdienen.

Poldi Fesch
00
18.9.2009, 19:00
aber versteuern

muesste er trotzdem, warum sollte er das tun ?

lilith
00
21.9.2009, 16:50
Nun und?

..gepfuscht wird jetzt auch, daran wird das Grundeinkommen weder in positiver noch in negativer Hinsicht etwas ändern - also kann es auch kein Argument dagegen sein

Poldi Fesch
00
22.9.2009, 12:51
eher eine 'Warnung

das grundeinkommen musz entweder extrem kontrolliert werden, dann verliert es seinen sinn oder eben es wird absurd teuer

Sweatshopper
00
17.9.2009, 23:02

schwarzarbeit gibts jetzt auch, wo wär da der unterschied?

das grundeinkommen wäre wirtschaftlich kein nachteil, was an der einen stelle mehr ausgegeben wird wird an anderer stelle eingespart (weniger kosten durch psychisch kranke, wieder mehr zeit für ehrenamtliche tätigkeiten, weniger bürokratie uvm.).

aber von der idee her stellt es hohe anforderungen an die menschen: wer dem grundeinkommen zustimmt muss es seinen freunden, seinen nachbarn und auch seinen feinden gönnen. und auch denen vertrauen, nicht nur sich selbst.

gäbe es ein grundeinkommen würden 90% aller menschen weiterhin arbeiten gehen (gibt mehr kohle), aber die bedingungen wären für alle besser (gehaltsverhandlungen etc.)

Poldi Fesch
00
18.9.2009, 00:49
natuerlich gibts jetzt

auch Schwarzarbeit. Wenn du aber nicht mehr nachweisen muszt, wovon du lebst, explodiert das. OK, die Hacklerstd. wuerde billiger, aber nicht viel. Wennst sagst, Grundeinkommen +/- € 700.- + schwarz € 1.000.- ( = ca. 20 Std/monat) macht 1.700 netto = +/- 3.400 bto. = rund ATS 45.000.-

pastinake
00
18.9.2009, 16:08
Die Hacklerstunde würde teurer,

weil keiner mit Grundeinkommen sich für 5 EUR die Stunde krumm schuftet. Einige Niedriglohnbranchen würden entweder mehr Lohn zahlen müssen, weil ihre Dienste(produkte in der Gesellschaft gefragt sind und sie daher für Arbeiter gut zahlen müssen, oder diese Branchen gehen ein, weil sie, obwohl kein gesellschaftlicher Bedarf mehr besteht,endlich nicht mehr durch Subventionen künstlich am Leben gehalten werden. Durch sehr geringe Lohnnebenkosten (das Geld kommt überwiegend durch Konsumsteuern herein) zahlt sich Schwarzarbeit nicht mehr aus als heute, sogar weniger.

Poldi Fesch
00
18.9.2009, 16:29
:)) naaaaaa

die schwarze Hacklerstunde. Womit wir beim Thema waeren. Die Differenz zw. "schwarz" u. "weisz" wuerde groeszer.
Schwarzarbeit zahlt sich fast immer aus. Gestehe, mir faellt auf die Schnelle keine Branche ein, die subventioniert u. mit Niedrigstlohn am Leben erhalten wird

stefan81
00
17.9.2009, 18:09

dafür haben die die das dann erwirtschaften müssen noch ein bisserl mehr druck. ich halte nicht von so generellen geldverteilaktionen.

pastinake
00
18.9.2009, 16:13
Noch mehr Druck ist ja gar nicht möglich.

Der Staat verschlingt heute für seine Almosenpolitk und deren augeblähten Verwaltungsapparat schon 40 bis 50 Prozent des Erwirtschafteten.
Dieser "Taschengeldstaat" macht seine Bürger abhängig von der Verteilung ihres eigenen Geldes und hält sie so am Gängelband. Das ist Druck.

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