Vinyl erfreut sich eingeschworener Liebhaber und neuer Entdecker. Für Sammler dreht es sich dabei nicht nur um den Hörgenuss
Der "Tod der CD!" , wie ihn der Musiker und Produzent Hans Platzgumer trotzig im Titel seiner 1987 erschienenen Langspielplatte forderte, ist nach wie vor außer Sichtweite. Als durchaus lebendig erweist sich auch das in jenen Anfangsjahren der CD "toter als tot" genannte schwarze Vinyl-Rund. "Ein Prozent des österreichischen Musikmarktes wird mit Platten erwirtschaftet - aber das dafür seit Jahren stabil" , erklärt Thomas Böhm vom Verband der Österreichischen Musikwirtschaft (IFPI). Nicht mitgerechnet sind dabei Verkäufe aus zweiter Hand über Plattenläden, Fachmagazine, Börsen, Flohmärkte oder Onlinehändler.
Gerade dort tummeln sich aber audiophile Vinyl-Sammler, international auf der Suche nach begehrten Raritäten. Oder weil das eine oder andere Stück wieder liquide gemacht werden muss, wenn das Gewicht des Plattenschranks erste statische Bedenken aufwirft.
Einzelne Sammlerstücke erzielen mittlerweile Preise, um die ganze CD-Lager erstanden werden könnten. "Klar gibt es Leute, die Platten wegen des erwarteten Wertzuwachses sammeln" , sagt Tom Epple, Sammler und Betreiber des Online-Handels Vinyltom. Er schränkt aber ein: "Traumrenditen von regelmäßig 20 Prozent pro Jahr lassen sich nur im absoluten Top-Segment einfahren." Dazu zählt er unter anderem bei Decca erschienene Rolling-Stones-Originale oder Black-Sabbath-Erstaufnahmen bei Vertigo Swirl. Nach oben hin sei keine Preisgrenze auszumachen: Erstpressungen vom White Album der Beatles wechseln heute um 20.000 Dollar (13.600 Euro) den Besitzer - Tendenz steigend.
Große Namen, kleine Details
Von den Gustostückerln abgesehen seien die Plattenpreise jedoch auch modischen Schwankungen ausgesetzt, gibt Peter Giretzlehner von Moses Records in Wien zu bedenken: "Sammlungen sind zu 90 Prozent - monetär - wertlos, die anderen zehn Prozent machen es aus." Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, es gehe längst nicht nur um Musik: "Die andauernde Bekanntheit der Band bei Sammlern und die Seltenheit der einzelnen Platte sind entscheidend" , nennt Giretzlehner die wichtigsten Kriterien.
Neben Nischenbands aus Kraut-rock, Progressive oder Jazz mit treuen Fan-Kreisen sind es nach wie vor Namen wie Beatles, Stones, Hendrix und Presley, die - einen gewissen Seltenheitswert vorausgesetzt - Sammlerohren zum Klingen bringen. "Nicht nur Vinylklang-Nostalgiker, sondern überraschend mehr junge, bestens informierte Kunden legen mir ihre mit allen Details versehenen Suchlisten vor" , sagt der Händler. Auf Detailwissen, Gespür und vertrauenswürdige Händler komme es an, wenn es um Sammlerwert geht.
Nach Genre in Reih und Glied
Platten werden meist von Männern, quer durch alle Genres, aber nach unterschiedlichen Gesichtspunkten gesammelt. Geht es dem einen um das vollständige Werk seiner Heroen, reiht der andere Scheibe um Scheibe des gleichen Labels aneinander. Dann werden die Unterschiede feiner: "Die höchsten Preise erzielen immer Erstaufnahmen aus den Erscheinungsländern; das absolute Optimum ist eine noch ,sealed‘, original verpackte Platte" , erklärt Giretzlehner. Weitere Kriterien seien der Zustand von Vinyl (höchste Bewertung: "mint" , perfekt) und Cover, die Covervariante, Poster, nachgewiesene Signaturen oder das Herkunftsland.
In Zahlen gefasst: Während die englische Zweitpressung von Jimi Hendrix' 1968 erschienenem Album Electric Ladyland mit dem skandalumwitterten, barbusige Frauen zeigenden Cover 200 Euro einbringe, könne man für die Erstpressung zurzeit mit 800 Euro rechnen, zeigt Giretzlehner auf.
Preisentwicklung bleibt Rätsel
Aber nicht nur alte, auch pressfrische Platten versprechen Gewinne: "Vinyl-Sonderauflagen der White Stripes kommen um 15 Euro auf den Markt und werden Stunden später um das Fünffache über Ebay verkauft" , beobachtet Epple den Spekulationserfolg von Limited Editions. "Wie sich der Sammlerpreis entwickelt, lässt sich aber kaum voraussagen" , weist Epple auf das von Band zu Band unterschiedliche Risiko hin.
Ebenfalls nur für kurzfristige Bewegungen in der Preisentwicklung sorge das Ableben eines Künstlers, sind sich Epple und Giretzlehner einig. Bei seltenen Thriller-Ausgaben von Michael Jackson schnellte der Preis nach dem Tod des Sängers zwischenzeitlich um 25 Prozent nach oben, Tage später stabilisierte er sich wieder.
Seit Jahren nachgefragt und als teuerste Sammlerplatte österreichischen Ursprungs nennt Peter Giretzlehner das 1971 erschienene Album Paternoster der gleichnamigen Progressive-Rock-Band. Momentan würden rund 2000 Euro dafür geboten, tauchte es denn wieder auf. Hans Platzgumers Tod der CD! wurde übrigens neu aufgelegt - als "Download only". (Martina Bachler, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.9.2009)
Veranstaltungstipps:
Die größte Börse in Wien: Sa. 14. Nov. 2009 - So 15. Nov. 2009 10-17 Uhr, 1. Internationale Schallplattenbörse in Wien MGC Halle, Modecenterstrasse 22, 1030 Wien
Schallplattenbörse: Samstag 26. September 2009, Rohrbacherstraße 21, Gasthaus zum lustigen Radfahrer, 10-16 Uhr, fünf Minuten von der U4-Station Ober St. Veit
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