Treffen sich zwei Kerne

15. September 2009, 20:46
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    foto: apa/patrick pleul

    Der Lauf der Sonne ist nicht beeinflussbar, aber die Abläufe in ihrem Inneren dienen als Vorbild der Kernfusion.

Obwohl derzeit noch eine große Baustelle, nimmt in Südfrankreich der Kernfusion-Reaktor Iter langsam Gestalt an

Die Forscher vor Ort sind optimistisch, bereits 2018 das erste Plasma erzeugen zu können.

* * *

Die Arbeit lässt Michel Chatelier nicht ganz los. Geduldig, beinahe so wie ein Großvater seinen staunenden Enkeln eine Geschichte erzählt, berichtet der pensionierte Wissenschafter von der Kraft, die die Sonne zum Strahlen bringt: der Kernfusion. Und davon, wie es an seinem Institut gelungen sei, diese kosmische Kraft auf Erden nachzuahmen. Chatelier war Leiter des Referats für Kernfusion im französischen Atomenergiekommissariat (Commissariat à l'énergie atomique, CEA) in Cadarache, 40 Kilometer nordöstlich von Aix-en-Provence. "Kernfusion kopiert diesen physikalischen Prozess des Sonnenfeuers", schildert der Sechzigjährige. Hitze und Druck brächten Atomkerne dazu, zu verschmelzen, wobei enorme Mengen an Energie freigesetzt werden.

Energie, die die Menschheit in Zukunft für die Stromerzeugung nutzen möchte. Die Fusion von nur einem Gramm Wasserstoff soll etwa so viel Energie freisetzen, wie bei der Verbrennung von acht Tonnen Erdöl entsteht. Und das ungefährlich - die Reaktion stoppt, sobald kein Brennmaterial mehr vorhanden ist -, ohne zusätzlichen CO2-Ausstoß, mit geringem radioaktivem Abfall. Und Wasserstoff sei schließlich ausreichend vorhanden, erklären Fusionsforscher.

Allerdings: Bei den Druckverhältnissen, die in der Sonne vorherrschen, passiert die Kernfusion bei einer Temperatur von rund 15 Millionen Grad. Auf der Erde, bei geringeren Druckverhältnissen, ist eine Temperatur von rund 100 Millionen Grad notwendig. Wie lassen sich solche Temperaturen erzeugen und auch bändigen?

Auf dem Weg zu "Demo"

Chatelier führt um den von dicken Betonwänden umgebenen meterhohen Reaktor, der dazu in der Lage ist - der Tore Supra, ein sogenannter Tokamak, mit dem es gelang, das heiße Plasma in einem Torus von Magnetfeldspulen einzuschließen und es für immerhin dreieinhalb Minuten am Glühen zu halten. Das Problem: Es musste mehr Energie hineingesteckt werden, um die Isotope zu erhitzen, als schließlich herauskam. Diese Bilanz umkehren möchte ein anderer Tokamak: der Internationale Thermonukleare Experimentalreaktor, kurz "Iter". Dessen zukünftiger Standort grenzt an das Hochsicherheitsgelände der CEA in Cadarache an. Die Plattform wurde bereits planiert und präpariert, das Hauptquartier eingerichtet. Iter soll weltweit erstmals magnetisch abgeschirmtes, sich selbst unterhaltendes, stabiles Fusionsplasma herstellen und dadurch die Fusion als potenzielle Energiequelle der Zukunft validieren.

"Ziel ist es, eine zehnmal höhere Leistung zu erzeugen, als für die Aufheizung der Wasserstoff-Isotope Deuterium und Tritium notwendig ist", schildert der gebürtige Klagenfurter Günter Janeschitz. "Das heißt: 500 Megawatt thermische Leistung für 50 Megawatt Heizleistung. Und das für 300 bis 500 Sekunden", erklärt der Physiker und Senior Scientific Advisor for Technical Integration bei Iter. Er hat auch am Design der Maschine mitgearbeitet und versucht nun, quasi als Troubleshooter, die Zusammenarbeit der Partnernationen und der Industrie zu koordinieren. Ende 2018 soll es das erste Plasma geben, 2025 volle Fusionsleistung.

Mit Iter sollen schließlich auch wesentliche technische Komponenten - etwa supraleitende Magnetspulen oder die Tritium-Technologie - eines Fusionskraftwerks entwickelt und getestet werden. Diese Erfahrungen sollen schließlich in "Demo" einfließen - das erste echte Fusionskraftwerk. Aber das liegt noch weit in der Zukunft. Momentan kämpft man mit den steigenden Kosten des Projekts, die angeblich bis zu hundert Prozent höher sind als veranschlagt

Billiger Strom wird sich damit vielleicht erst 2050 herstellen lassen, schätzen die Experten. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet sei das aber vollkommen egal, meint Michel Chatelier. (Markus Böhm aus Cadarache/DER STANDARD, Printausgabe, 16.09.2009)

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13 Postings
Zenon
00
18.9.2009, 20:50
"Besser" als die Sonne

In der Sonne ist nicht nur der Druck höher, die Sonne lässt sich auch länger Zeit.

Die Kernfusion (proton-proton) läuft in der Sonne extrem langsam ab: ich hab mal abgeschätzt 0.3mW pro kg eingesetztem Wasserstoff. In der Sonne wird einfach soviel Wasserstoff gleichzeitig eingesetzt, dass insgesamt die beachtliche Leistung der Sonne zusammenkommt. Wäre die Kernfusion im Reaktor nur so schnell wie in der Sonne, müsste man zwei Gt Wasserstoff einsetzen um auf die geforderten 500MW zu kommen.

Der Trick ist, dass man Deuterium und Tritium verwendet. Man spart sich somit den ersten, langsamen Schritt der Kernfusion.

Augenkrebs?
00
16.9.2009, 11:38

Ich hätte gerne das Bild links oben als Wallpaper.

Hat irgendjemand Sachdienliche Hinweise wo man den herbekommt?

Mucosaprolaps
09
16.9.2009, 11:36

Treffen sich zwei Atome in einer Bar. Sagt das eine "Oje, ich glaub ich hab ein Elektron verloren". Sagt das andere "Naja, das musst du positiv sehen".

NaOida!
00
16.9.2009, 05:01
2050?

naja werd ich nicht mehr erleben :D

A ndreas Bogeschdorfer
70
16.9.2009, 00:31
"mit geringem radioaktivem Abfall"

Das ist eine glatte Lüge. Gering ist nur die Strahlungsintensität und -zeit im Vergleich zur Kernspaltung. Die zu erwartenden Mengen werden die der Kernpaltung aber um ein Vielfaches überschreiten.

Hier werden Milliarden für eine Technologie verpulvert, deren Gelingen seit 60 Jahren nicht realisiert werden konnte und weiter ungewiß ist.

2050 wird keiner diese (Superzentralistischen) Riesenreaktoren wollen. Sie würden noch größere Abhängigkeit schaffen, enorme Überkapazitäten und Unmengen Wasser benötigen und Strom erzeugen, der Preismäßig mit den dann konkurrenzlos billigen Erneuerbaren nie mithalten können würde.

Im Übrigen käme Fusion als Problemlösung (Versorgungsengpässe bei Fossilen und Uran; Klima) dann ohnehin zu spät.

I bis
01
16.9.2009, 14:50

Ich bin auch eher skeptisch in Bezug auf die Kernfusion. Es stimmt auch, dass wir den Ausstieg aus der fossilen Wirtschaft schon vorher schaffen müssen.

Dennoch befürworte ich die Forschung, denn vielleicht kann die Fusion doch günstigen Strom mit geringen Umweltschäden (die Radioaktivität IST deutlich geringer als bei der Spaltung) liefern.

Man sollte die paar Milliarden investieren (das ist fast vernachlässigbar, in der Energiewirtschaft geht es um Billionen - pro Jahr) und dann beurteilen, welche Energieform am vorteilhaftesten ist in Bezug auf Kosten und Umweltschäden.


ConnieB
01
17.9.2009, 00:44

.....(das ist fast vernachlässigbar, in der Energiewirtschaft geht es um Billionen - pro Jahr)....

danke "i bis" für die brilliante zusammenfassung
(betrifft dein ganzes posting)

I bis
00
18.9.2009, 18:46

.....(jetzt werd ich fast ein bisschen rot)....

danke "ConnieB" für das Kompliment
(betrifft vor allem den Umstand, dass ich es als sehr ehrlich gemeint empfinde)

Fred 01
02
16.9.2009, 13:14
wird scho werden

First Wall Problem - Festigkeit der ersten Wand unter Beschuss von aus Plasma austretenden Teilchen (hpsl. Neutronen) --> je nach Material wird das Wandmaterial unterschiedlich aktiviert; Abklingzeit ist aber typischerweise in der Groessenordnung von Stunden / Tagen bis Jahre und die Gammaaktivitaet ist sehr gering (viel weniger als medizinischer Strahlungsabfall)

ConnieB
06
16.9.2009, 06:16
Kernfusion als Problemlösung?

Ich seh die Kernfusion nicht als Problemlösung unseres Energieproblems, sehr wohl aber als zukünftige Komponente neben anderen anderen erneuerbaren Energieträgern.

Ob sich diese als konkurrenzlos billig erweisen muss sich erst auch noch zeigen. Sicher gibt es (auch schon heute) lokale Projekte die Ihren eigenen Energiehaushalt meistern, aber einen "Superzentralistischen" Reaktor für Schwerindustrieversorgung kann ich mir sehr wohl in Zukunft vorstellen.

ConnieB
09
16.9.2009, 06:11
Menge an Abfall

auch wenn die "Anti-Kerfusions Lobby" von genau soviel radioaktiv strahlendem Müll spricht, macht es doch einen großen Unterschied, ob ich es mit hochstrahlendem, schwierig zu handhabendem Müll zu tun habe (für die es bis jetzt weltweit noch keine Lösung gibt -> siehe Asse Problematik in Deutschland), den ich für zig. Tausende Jahre Endlagern muss, oder nur leicht verstrahltem Müll, der nach 100 Jahren abklingzeit ungefährlich ist. Der hochradioaktive Abfall ist hingegen zum herkömmlichen Kernspaltung sehr gering.

Schurke!
00
15.9.2009, 21:55
ist ja alles schön und gut...

aber geht das bitteschön auch in klein und leicht?
hätt sowas gern in meinem notebook.

Searles
 
02
16.9.2009, 13:00

Bei 100 Mill Grad solltest du ihn nicht auf deinen Schoss legen...

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