Rede

Barroso will Kommissare für Klima und Migration

15. September 2009 18:15

Mit einer leidenschaftlichen Rede für eine stärkeres Europa warb der Kommissionspräsident für seine Wiederwahl

Straßburg - Das Europaparlament stimmte heute über eine zweite Amtszeit von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso ab. Gestern, Dienstag, kündigte er den Abgeordneten in Straßburg eine enge Zusammenarbeit mit dem Parlament an und warnte vor der Gefahr eines "ekligen Nationalismus" .

Barroso will zudem den neuen Posten eines Klimakommissars schaffen. Außerdem will er einen eigenen Kommissar für Justiz, Grundrechte und bürgerliche Freiheiten (Menschenrechtskommissar) und einen "Migrationskommissar" einführen, der auch die Solidarität der EU-Staaten in diesem Bereich stärken soll.

*****

In den Stunden vor dem vermutlich größten Triumph in seiner politischen Karriere - der Wiederwahl zum Präsidenten der EU-Kommission - präsentierte sich José Manuel Barroso vor den Europaabgeordneten in Straßburg am Dienstag als besonders kooperativer und besonnener Präsident: "Europas zentrale Werte sind Freiheit und Solidarität. Kommission und Parlament sind im Herzen der Integration angesiedelt, ihnen kommt eine besondere Aufgabe beim Aufbau Europas zu" , sagte er. Und gelobte: "Ich werde eine ganz enge Zusammenarbeit mit dem Parlament pflegen, werde ihre Vorschläge aufgreifen, mich regelmäßig Fragestunden stellen."

Einige Kritiker sahen das geradezu als gefährliche Drohung einer "sozialpolitischen Sphinx" an, die sich nie wirklich festlege, dem jeweiligen Auditorium "nach dem Mund redet" und doch nur Liberalisierung wolle. Aber der Applaus einer großen Mehrheit des Plenums war Barroso bei der "feierlichen Erklärung" seiner politischen Leitlinien dennoch sicher. Seit jeher wähnen sich die EU-Abgeordneten vom Ministerrat und der mächtigen Brüsseler EU-Zentralbehörde klar benachteiligt, fühlen sich nicht ernst genommen. Da tut es gut, wenn der künftige Machthaber sich so kooperativ zeigt.

Dabei sprach er etwas an, was im Falle des Inkrafttretens des EU-Vertrags von Lissabon ohnehin schlagend wird: mehr Einfluss des Parlaments bei der europäischen Gesetzgebung. Inwieweit sich diese Applaus-Mehrheit für Barroso auch beim Abstimmen niederschlägt, wird man heute, Mittwoch, genau sehen. In geheimer Wahl müssen die 736 Abgeordneten auf den Ja-Knopf oder auf den Nein-Knopf drücken. Wer sich der Stimme enthält, wie das ein Großteil der zweitstärksten Fraktion, der Sozialdemokraten, ankündigte, senkt die Schwelle für die einfache Mehrheit der abgegeben Stimmen. Nur die Grünen und die Linke wollen gegen Barroso votieren. Dass dieser eine Mehrheit bekommt, steht fest, denn die "politischen Spielchen" seien zu Ende, so der VP-Abgeordnete Othmar Karas. VP-Delegationschef Ernst Strasser rechnete mit einem geschlossenen Ja der Christdemokraten, in der mit 265 Abgeordneten mächtigsten Fraktion. Sie werden in den kommenden Jahren in Straßburg den Ton angeben.

Feinspitze im Parlament wandten sich daher ganz der Frage zu, ob Barroso sogar über 400 Stimmen erhalten werde. Das wäre eine satte Mehrheit, entspräche auch der "qualifizierten Mehrheit" nach dem neuen Lissabon-Vertrag, würde ihm bei der Kommissarsauswahl deutlich den Rücken stärken.

Und er kann auch mit den meisten Stimmen der Liberalen, der Konservativen, auch einigen Dutzend von den Sozialdemokraten rechnen. So konzentrierte sich SP-Fraktionschef Martin Schulz rhetorisch schon ganz darauf, von Barroso Zugeständnisse auf sozialpolitischem Gebiet wie auch bei der Besetzung der Kommissare "mit Sozialdemokraten in Schlüsselpositionen" einzufordern - sprich Binnenmarkt, Wettbewerb. Dass seine SP "nicht für Barroso stimmen" werde, klang schon ganz nach Pflichtübung. Barroso schien das zu spüren. Am Ende seiner Rede ging er noch einmal in die Offensive: Mit leidenschaftlichen Worten warb er darum, dass "wir gemeinsam die Globalisierung nach unseren Werten gestalten und nicht bloß ertragen" , mit "grünem Wachstum" . Und: "Wir laufen in Zeiten der Angst Gefahr, dass ein ekliger Nationalismus entsteht" , schrie er, "dass die Integration infrage gestellt wird." Demgegenüber gelobe er feierlich, dass Solidarität, der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit ins Zentrum rücken werde, ebenso der Kampf gegen Klimawandel, die Bewältigung der Migration.

Am Schluss überraschte er das Plenum mit ganz neuen Vorschlägen zur Personalgestaltung der Kommission: "Ich werde einen Kommissar für Justiz, Grundrechte und bürgerliche Freiheiten und auch einen eigenen für Migration und im Binnenmarkt einführen." Die Vorgehensweise dabei müsse klarer werden. Das sei nötig - "eine Kultur des Wandels" , rief er und setzte den Schlusspunkt: "Wir brauchen auch einen eigenen Klimakommissar. Ich werde einen einsetzen." (Thomas Mayer aus Straßburg/DER STANDARD, Printausgabe, 16.9.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 73
1 2
Sepp Mösenlechner
16.09.2009 11:26
und was bitte soll das bringen

ausser spesen?

Alois Schwarz
16.09.2009 10:48
Die Menschen brauchen weder Barroso und schon gar nicht die EU

Je größer dieser Korruoptionsstadel wird, desto früher wird er in sich zusammenbrechen.
Also, wer will noch beitreten ? Die Mafia braucht Verstärkung ...

aiuto
16.09.2009 11:47
Nullnummer Barroso

Interessant ist, dass es noch immer Leute gibt, die die EU wegdiskutieren möchten.
Liebe Freunde, die EU ist Realität.
Vielmehr sollte man um ihre Verbesserung diskutieren, um eine wirkliche demokratische Struktur, wo das Parlament (also das Volk) das Sagen hat und nicht irgendwelche Regierungskanzleien. Die gegenwärtige Kommissionsdiskussion ist eine Schande für die Demokratie und trägt sicher nicht dazu bei, dass die Bürger sich mit der EU identifizieren.
Also müßte dringend die EU weiterentwickelt werden zu einem Bundesstaat. Ein Kommissionspräsident Barroso wird da aber sicher nicht hilfreich sein, das hat diese Nullnummer schon in der Vergangenheit bewiesen.

Christoph ************
16.09.2009 11:02

Wenn es keine EU gäbe muesste sie erfunden werden. Das dies nichts daran ändert, dass es vieles gibt was nicht so läuft wie es sollte oder könnte soll da gar nicht weggeredet werden. Aber das ist ja in Österreich auch nicht anders.

Herzerzog Johann
16.09.2009 09:09
Kommissar für Migration

Das wäre eine Hackn für die Fekter ....

Walter Burns1
16.09.2009 08:56
korrupt und fett

ein echter eu-politiker

Skull & Bones
16.09.2009 08:44
"Kampf gegen die Arbeitslosigkeit" (Barroso's neuer Wunsch)

heißt bei ihm und allen, die Mitte rechts stehen, die Arbeitgeber zu unterstützen nach dem Motto: Gehts denen gut, gehts uns allen gut".
Dass seit der Industrialisierung/Rationalisierung/"Maschine statt Arbeiter" Wirtschaftswohl längst nicht mehr gleich Allgemeinwohl ist, geht den Rechten (und Liberalen) wie Barroso am A*sch vorbei.

Porqué no te callas?
16.09.2009 10:38

völlig weltfremd, deine meinung.

glaubst du der bauarbeiter steht lieber mit hacke und schaufel auf der baustelle oder doch lieber mit einem bagger?

automatisierung heisst, dass für einen prozeß weniger arbeitskraft notwendig ist, jedoch wird die arbeit angenehmer. also: sch***sjob für viele oder ein angenehmerer job für etwas weniger menschen.

pepitant
17.09.2009 10:56
Ja, schon,

nur haben Sie da etwas beantwortet, was nicht angesprochen wurde. Was nützt der modernste Bagger den Bauarbeiter, der den Job nicht kriegt oder keine Bezahlung, von der er leben kann ?

Orakel1
16.09.2009 08:40
Die Zahl an Kommissaren ist entscheidend dadurch bestimmt,...

..dass jedem Mitgliedsland ein Kommissar zusteht.

yeti der wahrhafitge
16.09.2009 08:16

Dieter Egger von der Vorarlberger FPÖ, der ideale Mann!
Dann stirbt Europa in 100 Jahren aus.

Du Fu
16.09.2009 07:11
Bewerbung

den migrations kommissar wollt ich immer schon haben. als erstes wuerde ich zur verjuengerung der eu bevoelkerung 500.000 chinesen ansiedeln. kleine kreislereien, putzereien, etx.

al vvi1
16.09.2009 06:30

Es ist ja unglaublich wie dieser Schwachkopf Geld verschleudert. Darum haengt Portugal noch immer an den Geldzitzen der EU.

Porqué no te callas?
16.09.2009 10:39

eine genaue quelle für deine behauptung bitte.

pepitant
17.09.2009 10:59
Schon wieder einer,

der es gern ganz genau hätte.
Machen Sie sich Ihr Skizzerl doch selbst.

Elio Ambrosi
 
16.09.2009 07:51
wie kommen Sie

auf Geld verschleudern? Das Budget der Kommission ist immer noch sehr klein und sparsam im Vergleich zu den Kosten der nationalen Regierungen. Die Themen Menschenrechte, Klimaschutz und Migration mit eigenen Kommissaren zu belegen ist eine nervorragende Idee (wenn schon jedes Land einen Kommissar braucht, dann sollen die auch etwas Sinnvolles tun).
Barroso hat Kaliber. Der Mann ist gut.

aiuto
16.09.2009 11:54
Warum nicht ein Präsident vom Kaliber eines Jacques Delors ?

Ich kann mich grundsätzlioch Ihrer Ansicht anschließen, aber Barroso ist eine einzige Nullnummer, der nur repräsentieren möchte.
Da wird die EU weitere Jahre in Lethargie stagnieren.
Warum nimmt man nicht eine Präsidenten vom Kaliber des visionären Jacques Delors ?
Anscheinend wollen die Mitgliedsstaaten ja überhaupt keinen Fortschritt.

ersilio
16.09.2009 09:13
Die letzte Zeile konterkariert Ihr ganzes Posting

Schnabeltierfresser
15.09.2009 23:29
Molterer

dürfte tatsächlich in der engsten Wahl (1 von 2) für den Agrarkommissar sein, hat mir ein Straßburger Vögelchen gesteckt. Arm.

ersilio
16.09.2009 09:14
Straßburg ist zum Glück weit weg von Brüssel

Schnabeltierfresser
16.09.2009 10:22
Entscheidet aber

bei der Bestellung der Kommission nicht unwesentlich mit...

Skull & Bones
16.09.2009 08:25

"... hat mir ein Straßburger beim Vög*ln gesteckt."

Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte
 
15.09.2009 23:27
Wie viel Demokratie ist das bitte?

Für die Fülle an Macht, die dieser Mann besitzt, haben wir verdammt wenig mitzureden...

Das mit der repräsentativen Demokratie nervt langsam... im Endeffekt wird immer vor allem eine Minderheit repräsentiert: die Eliten

Kritische Stimmen aufs Podest!

callanish
16.09.2009 09:19

a: Genau, Barroso sollte jeden einzelnen Europäer nach seiner Meinung fragen, und nicht deren demokratisch gewählte Repräsentanten!
b: Des meinen's jetzt aber nicht ernst, oder?
a: Doch, und wenn's keine Mehrheit gibt dann muss er alle noch mal fragen.
b: des is aber gfinkelt und super, weil wenn eine Gruppe ja einen Vertreter wählt der für sie spricht, dann wird das ja sonst eine "Elite". Bravo!
a: ich würd ja gern das System einführen, aber ich hab noch nicht alle anderen 350 Millionen Europäer fertig gfragt. Morgen fahr ich nach Stuttgart und frag weiter.

John Malkovich
16.09.2009 01:23

Victor Hugo und Robert Schuman. Das waren noch beeindruckende, elitäre Vordenker! Aufgeklärte Eliten, die sich als selbstlose Kosmopoliten verstanden. Im Gegensatz dazu besteht der heutige EU Rat zumeist aus einzelnen Stakeholdern, die ihrem kapriziösen Ego und dem "politischen Marketing" vollends verfallen sind. Mich stört also eher dieser negative charakterliche Aspekt, der europäische Einigungswerk oft genug in irgendeiner Form torpediert hat.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 73
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.