"Hoppauf, Hakoah"

15. September 2009, 17:16
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    foto: archiv

    Hakoahs Fußballer 1928 in der Krieau. 1923 hatten sie als erster Kontinentalklub ein Spiel in England gewonnen (5:0 bei West Ham United), 1925 waren sie Österreichs Meister.

Am 16. September 1909 fand die konstituierende Generalversammlung statt. Nun feierte die Hakoah ihren Hunderter. Viel Geschichte, viele Gschichtln

Wien - Es ist vielen großen Künstlern und Künstlerinnen gemein, dass ihre runden Geburtstage nicht bloß an einem Tag begangen werden, sondern oft ein Jahr hindurch. So hat die Wiener Hakoah schon in den vergangenen Monaten mit einer Theaterrevue, einer Ausstellung und anderen Veranstaltungen ihren Hunderter gefeiert. Dabei ist es erst jetzt wirklich so weit. Die Hakoah, eine Künstlerin? Das passt schon - auch im Sinne von Überlebenskünstlerin.

Zunächst aber war und ist die Hakoah natürlich eine Sportlerin. Beispielsweise lehrte Zsigo Wertheimer in den 1920ern "müheloses Schwimmen mit richtiger Atemtechnik für Anfänger" , sommers in Velden und Pörtschach, winters im Dianabad in Wien. Und er hatte die besten Schwimmer und Schwimmerinnen der Hakoah unter seinen Fittichen, auch Hedy Bienenfeld, "die schöne Hedy" , wie man sie nannte. Dem Vernehmen hatte Friedrich Torberg, der damals noch Kantor hieß und Wasserball spielte, ein Auge auf Bienenfeld geworfen, doch sie heiratete Wertheimer, ihren Trainer.

Die Schwimmer, die Wasserballer, die Ringer, die Fußballer der Hakoah, sie gehörten zu den Besten ihrer Zeit. Für den Fußball stand vor allem ein Name, der Name Béla Guttmann. Er spielte die Position Centerhalf und kam 1922 aus Budapest zur Hakoah, später sollte ihn sein Weg über New York, Rio und Lissabon wieder zurück nach Wien führen, wo er 1964 für kurze Zeit den österreichischen Teamchef gab, aber nicht zuletzt am immer noch grassierenden Antisemitismus scheiterte. Auch dank Guttmann war die Hakoah zu einer der vier Wiener Fußball-Größen gewachsen. Rapid, Austria und die Vienna waren hochkarätige Gegner, und doch gelang es der Hakoah, 1924/25 Meister zu werden. "Hoppauf, Hakoah" , so lautete der Anfeuerungsruf in diesen Jahren.

Schon 1923 war der Hakoah als erster Gastmannschaft ein Sieg "auf der Insel" , in England also, gelungen. Er fiel mit einem 5:0 gegen West Ham United noch dazu deutlich aus. Drei Tore steuerte ein gewisser Alexander Neufeld bei, der als Nemes Sándor das Licht der Welt erblickt hatte. Auch das ein Zeichen für die Verbundenheit mit Budapest, die in Wahrheit noch auf die Zeit vor der Gründung zurückging. Bei den Cricketern im Prater hatte am 23. Mai 1909 der Budapester Vívó és Atlétikai Club gastiert, ein jüdischer Klub. Und dieses Gastspiel gab den Anstoß, auch in Wien mit Kraft (Hakoah) etwas anzugehen. Lipott Weiß, der Leiter der "Vívó" , ermunterte die jüdischen Wiener Studenten, einen eigenen Verein zu gründen. Hintergrund war nicht zuletzt die Tatsache, dass viele Sportvereine ihre Statuten um einen "Arierparagrafen" erweitert hatten. Unter der Führung David Weinbergers wurde schließlich die konstituierende Hakoah-Generalversammlung abgehalten, wie erwähnt am 16. September und in den Räumlichkeiten der "Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler" in der Hörlgasse am Alsergrund.

Die Nazi-Herrschaft brach den sportlichen Hakoah-Erfolg und die identitätsstiftende Bedeutung des Vereins. Oder sagen wir lieber, der Erfolg und die Bedeutung wurden unterbrochen. Hakoah bedeutet Kraft nicht von ungefähr, und Kraft versteht sich durchaus auch im Sinne von Ausdauer. Trotz aller Tragödien. Club-Präsident Fritz Löhner-Beda kam in Auschwitz um, neben vielen anderen.

Der Ringer Nikolaus "Micki" Hirschl ging nach Israel, neben vielen anderen. 1932 in Los Angeles hatte sich Österreich noch über zwei olympische Bronzemedaillen Hirschls gefreut. Die Schwimmerin Judith Deutsch, Kraulmeisterin und Sportlerin des Jahres 1935, wurde vom Verband gesperrt, weil sie sich geweigert hatte, an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin teilzunehmen.

Am 13. März 1938, am Tag also nach dem "Anschluss" , ist die Hakoah zerschlagen worden. Es war der Schwimmer und Sportwissenschafter Karl Haber, der sie nach dem Krieg gemeinsam mit Ernst Sinai neu gründete. Vor dem Krieg war die Hakoah der größte jüdische Sportverein der Welt gewesen. Nach der Neugründung hielten die Fußballer nur fünf Jahre durch, ehe sie ihren Betrieb wieder einstellen mussten. Heute besteht die Hakoah aus den Sektionen Basketball, Karate, Schwimmen, Touristik & Skiclub, Tennis, Tischtennis und Wandern. Sie hat 600 Mitglieder, und Paul Haber, Karl Habers Sohn, steht dem Klub als Präsident vor. "Ich bin mit und in der Hakoah aufgewachsen."

Unter Haber ist das Jahr 2008, jenes vor dem runden Feste, zu einem der wichtigsten in der Klub-Geschichte geraten. Da wurde das neue Hakoah-Zentrum im Prater eröffnet. Jahrzehnte hatte es gedauert, bis die Stadt Wien den Pachtvertrag restituierte und der Hakoah das 1923 bezogene Areal zurückgab. Bund und Stadt zahlten sieben Millionen Euro als Entschädigung, das reichte zur Adaption des Geländes und zum Bau einer Sporthalle. Haber sagte zur Eröffnung: "Vor siebzig Jahren wurde der Verein von der SA zerschlagen. Aber das Dritte Reich ist untergegangen - und die Hakoah lebt!" (Fritz Neumann - DER STANDARD PRINTAUSGABE - 16.9. 2009)


Dieser Text erscheint auch im jüdischen Magazin NU

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Chris_SM
00
17.9.2009, 16:14
Ad Bela Guttmann

Guttmann war ein höchst erfolgreicher Trainer. Mit Benfica Lissabon gewann er den Europacup der Meister. (Benfica eliminierte dabei im Semifinale Rapid)Danach wurde er heftigst von der Austria umworben.
Deren Vizepräsident dieser Zeit(Anfang der 60iger) hieß übrigens Jacob Guttmann. Ich weiß allerdings nicht ob die beiden verwandt waren. Etwasspäter (63?64?) wurde er dann Austria-Trainer.

Guttmann wurde in Wien sesshaft, und verbrachte hier seinen Lebensabend.

djgoodnews
 
00
16.11.2009, 19:56

bela guttmann wurde erst im frühjahr 73 austria wien trainer. durfte ihm damals beim ländermatch in budapest treffen und mit bela bacsi plaudern.
mit der hakoah wurde er übrigens in der saison 1924/1925 als spieler meister. (erster profimeister)

er trainierte auch im jahre 38 kurz die hakoah. ausserdem wurde er noch mit milan in den fünfzigern meister. er bleibt mir unvergessen, elegant mit stock
und hut beim austria training. mit schneckerl, morales, fiala & co. .

Austro-Spanier0
01
17.9.2009, 20:43
Jacob (Buju) Guttmann

ist soviel ich weiss nicht mit Bela Guttmann verwandt.
Den Buju Guttmann können sie gelegentlich im Espresso Europe am Graben beim Kaffeeplauscherl mit alten Freunden treffen.

Desci
01
16.9.2009, 20:29
danke an die Poster

konnte hier einiges mitnehmen, was den Österreichischen Fußball betrifft!

Stimmt es wirklich das Österreich 62, nicht an der WM teilnahm aus Kostengründen und gute Chancen hätte hier was zu gewinnen?

Danke und Grüße

Chris_SM
11
16.9.2009, 22:13

Definitiv ja. Österreich galt Ende 61 als die stärkste und erfolgreichste Mannschaft Europas, und hätte bei einer Teilnahme zu den Favoriten gezählt. Gewonnen hat 62 dann Brasilien.

Die Absage für die WM wurde aber natürlich schon früher gefällt. Offiziell wurden die eher schwächeren Resultate von 59, das schwache Abschneiden bei der WM 58(das aber durch schlechte Vorbereitung, schwaches Coaching und der Überheblichkeit auf die hochklassigen Legionäre zu verzichten - der damals weltbeste Mittelläufer Ocwirk v. Sampdoria Genua hätte z.B. sehr gerne mitgemacht - verursacht wurde) die Kosten und die für die Vereine unzumutbar lange Pause als Gründe genannt.









Easy Rawlins
01
16.9.2009, 23:26

Die Beweggründe für die Absage waren leider genau so. Ob Österreich tatsächlich zu den Favoriten gehört hätte, ist natürlich ex-post schwer zu sagen, zumal die Mannschaft dann im Laufe des Jahres 1962 einige enttäuschende Resultate einfuhr.

Ich habe übrigens weiter unten versucht, deine Frage nach Quellen zu beantworten.

Cikko
 
02
16.9.2009, 21:24
möchte mich anchließen

danke an die poster für diese gepflegte und höchst informative diskussion.

anscheinend geht es im fußballforum auch anders.

Vseckojedno von Jednovsek
01
16.9.2009, 16:26
Hoppauf

Auf die nächsten 100 Jahr!

Francetto
215
16.9.2009, 09:40
Das "alte" Wiener Derby

Zwischen Hakoah und Amateure/Austria.

Da hat noch kein Hahn nach Rapid-Austria gekräht!

Mazel Tov unseren alten "Feinden" (fussballerisch)!

Chris_SM
02
16.9.2009, 12:53

Dem kann ich mich als Austrianer nur anschließen.

Francetto
010
16.9.2009, 10:25
Für diejenigen, die

...nicht wissen was ich unter "altes" Wiener Derby verstehe, zur Erklärung: Das JETZIGE grosse Wiener Derby war damals nur ein Spiel unter vielen, auch nicht unbedingt (ausser vom sportlichen, wenns um irgendwas gegangen ist wie Meisterschaft, Cup) besonders beachtet. Eher im Gegenteil. War damals fast schon eine Freundespartie.

...nicht wissen, was ich unter "alten Feinden" verstehe: Hakoah - Austria war das "jüdische" Derby, das neben Sportklub-Rapid, Wacker-Rapid oder Sportklub-Vienna die meisten Wellen schlug, da sich die Fans untereinander damals HASSTEN. Jawohl, damals gabs lt. div. Zeitungs- und Augenzeugenberichten mehr Schlägereien als heute. BESONDERS bei dieser Partie.

Dass es damals schon Rapid-Austria gab, weiss ich eh.

epep
01
16.9.2009, 11:16
"Das JETZIGE grosse Wiener Derby war damals nur ein Spiel unter vielen"

kein wunder, war doch damals die meisterschaft gleich der wiener meisterschaft. ;-)

aber ich gebe ihnen recht: das waren noch spiele, rapid ist stolz wenn mal ihr kleines stadion ausverkauft ist, zu hakoah-austria sind 100.000 gekommen (zur austria selbst sind aber damals schon nicht allzu viele hingekommen ;-)).

mazel tov hakoah! (vielleicht gibts ja wieder mal ein derby)

FC Celtic Glasgow
20
17.9.2009, 11:55
Vergleich

Kleines Stadion von Rapid? Ja im Vergleich zu San Siro oder Bernabeu passend. Vergleicht man aber das kleine Stadion von Rapid mit dem Horrplatz, so ist ja das kleine Stadion eher riesig als besagter Platz.

Easy Rawlins
02
16.9.2009, 11:26

Die 100.000 sind derart maßlos übertrieben, dass sich jetzt beinahe der Kommentar erübrigt. Es gab in der Geschichte des österreichischen Fußballs kein einziges Ligaspiel, das auch nur annähernd diese Zuschauerzahl erreichte. In der Saison 24/25, als die Amateure und die Hakoah um den Meistertitel kämpften, kamen zu diesem Spiel 20.000 Zuschauer auf den Simmeringer Platz.

FC Celtic Glasgow
20
17.9.2009, 10:26
Zuschauer

100.000 sind übertrieben das stimmt. Der Zuschauerrekord des ÖFB - Teams war in den 60er Jahren mit etwas mehr als 90.000 Zuschauern gegen Spanien.

Austro-Spanier0
01
17.9.2009, 12:00
Der Zuschauerrekord des ÖFB - Teams war in den 60er Jahren mit etwas mehr als 90.000 Zuschauern gegen Spanien.

Sie rennen offene Türen ein oder lesen sie nur ihre eigenen Postings?

FC Celtic Glasgow
20
17.9.2009, 12:21
Sie rennen offene Türen ein oder lesen sie nur ihre eigenen Postings?

Bei den heutigen Zuschauerzahlen wären die Türen im Vergleich zu damals aber eher geschlossen.

Austro-Spanier0
01
17.9.2009, 20:46
Mir ist schon klar, dass sie Redewendung, offenen Türen einzulaufen nicht kennen,

ich wollte damit nur sagen, dass sie etwas mit einem Tag Verspätung wiederholen, was in diesem Forum schon vor ihrem Kommentar gepostet wurde.

Austro-Spanier0
02
16.9.2009, 12:26
Es gab in der Geschichte des österreichischen Fußballs kein einziges Ligaspiel, das auch nur annähernd diese Zuschauerzahl erreichte.

Das stimmt nicht ganz, ich kann mich nämlich als Kind an eine Doppelveranstaltung (ja die gab es damals) im Wiener Stadion mit den Paarungen Rapid:Sportklub und Austria Wien: LASK erinnern, bei welcher ungefähr 65.000 zahlende Zuschauer gezählt wurden. Wenn ich mich nicht irre, war es 1962, es war Anfang der Meisterschaft und bei Austria debütierte Jacaré und beim LASK ein gewisser Chico. Ich glaube es waren die ersten Brasilianer in Österreichs Fussball.

FC Celtic Glasgow
20
17.9.2009, 10:29
Zuschauer

Hallo! Stimmt so ungefähr. Ich kann mich auch erinnern an die EC - Partien der Austria - Dinamo Moskau, sowie Hajduk Split (1978) wo auch damals der Spieler Karl Daxbacher spielte. Es waren zu diesem Spiel 72.000 Zuschauer ins Stadion gekommen.

Easy Rawlins
00
16.9.2009, 13:09

Genau das meinte ich auch, die meistbesuchten Meisterschaftsspiele gab es in den 50er und frühen 60er Jahren im Praterstadion, wo in einigen Fällen Zuschauerzahlen von 60.000 bis 65.000 erreicht wurden (bei Spielen Rapid-Austria bzw. bei Doppelveranstaltungen, wo diese beiden Mannschaften gegen attraktive Gegener spielten). Von den genannten 100.000 sind wir da noch weit weg.

Der Rekord für Länderspiele stammt ebenfalls aus den frühen 60ern (91.000 gegen Spanien und England).

Austro-Spanier0
01
16.9.2009, 16:24
91.000 gegen Spanien

an das Spiel kann ich mich noch erinnern, ich war im Stadion, als in der Halbzeitspause Stirling Moss mit einem Ford Anglia den 100.000. Kilometer drehte. Übrigens Österreich siegte damals mit Toren von Hof, Nemec und Senekowitsch mit 3:0 gegen die mit Di Stefano, Puskas und Gento antretenden Spanier. Rechtsverteider Trubrig stellte Gento kalt und wurde in seinem Heimatort zum Ehrenbürger ernannt. Erinnern sie sich noch an die grossartige Serie unter Karl Decker?

Chris_SM
01
16.9.2009, 20:04

Auch ich war damals nicht auf der Welt, aber mein Vater der in den 50igern und frühen 60igern gern und oft ins Stadion ging hat mir damit schon des öfteren die Ohren vollgesungen. Ich glaube er war auch bei diesen Spiel.

Österreich galt übrigens 61 als die Nr. 1 Europas.
Nach dieser eklatanten Fehlentscheidung begann die rasante Talfahrt des ö. Fußballs. (zur Erinnerung: 54 wurde Ö noch WM Dritter was berechtigterweise als etwas enttäuschend galt. Rapid u. Austria zählten zu dieser Zeit zu den stärksten u. bekanntesten Klubs Europas).

P.S.
Mein erstes Spiel habe ich als kleiner Bub 78 an der Seite meines Vaters im Stadion gesehen. (EC Semifinale Austria:Spartak Moskau)

FC Celtic Glasgow
20
17.9.2009, 10:34
Zuschauer und Spiele

Entschuldige, es war nicht Spartak Moskau sondern Dinamo Moskau mit Tormann Gontar im Tor von Dinamo.

Bei der Austria stand damals der Elfmeterkiller Hubert Baumgartner im Tor.

Der damalige Spieler Karl Daxbacher schoß so glaube ich das Tor der Austria in einem anderen Spiel in Split gegen Hajduk.

Ja, es waren wirklich noch gute Zeiten für unseren Fussball. Es ist nur schade, dass der Fussball die vergangen Jahre abgewirtschaftet wurde und das wenn ein Spiel in Österreich stattfindet wo ca. 20.000 Zuschauer kommen, wir schon glauben, dass es das Größte und das Beste sei.!!!!

Easy Rawlins
02
16.9.2009, 16:43

Aktiv erinnere ich mich nicht (damals gab's mich noch nicht), aber die Decker-Ära und das damalige "Wunderteam 2" sind natürlich jedem ein Begriff, der sich mit der Materie beschäftigt. Und dass der ÖFB damals aus Kostengründen auf eine Teilnahme an der WM 62 in Chile verzichtete, ist ohnehin eine der übelsten Fehlentscheidungen unserer Fußballgeschichte.

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