Spieltheoretiker lassen "Gut" gegen "Böse" antreten

14. September 2009 15:55

Vielzahl möglicher Moralsysteme aus einfacher Grundkonstellation gebildet - doch nur die wenigsten davon sind stabil

Wien - Erstmals ist es dem Spieltheoretiker Karl Sigmund von der Universität Wien und dem Japaner Satoshi Uchida gelungen, den Wettbewerb von zwei verschiedenen, rudimentären Moralsystemen, die nur auf der Bewertung "Gut oder Böse" beruhen, mathematisch nachzuzeichnen und seine Auswirkung auf das Kooperationsverhalten einer Bevölkerung zu analysieren. "Jetzt wäre es eine schöne Aufgabe, dass man den Ansatz auf weitere, wirklichkeitsnähere Moralsysteme ausdehnt", etwa indem man noch ein "Mittelgut" als "Zwischenton" einbezieht, so der Mathematiker.

Sigmund wird seine bisher noch unveröffentlichte Arbeit bei der Konferenz "Evolution of Cooperation - Models and Theories", die er gemeinsam mit dem Ökosystemforscher Ulf Dieckmann organisiert, präsentieren. Von Dienstag bis Freitag treffen einander internationale Kooperationsforscher, u.a. die Nobelpreisträger Eric Maskin und Thomas Schelling, am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg (NÖ).

Reziprozitäten

Zwei Menschen helfen einander nicht nur wechselseitig ("direkte Reziprozität"), manchmal ist es auch eine dritte Person, die ins Geschehen eingreift: Alice hilft etwa Bob und die Beobachterin Conny hilft dann wiederum Alice. Diese sogenannte indirekte Reziprozität ist Kern von Sigmunds Modell. Voraussetzung für sie ist die Fähigkeit, dass Menschen einander beobachten und das Verhalten eines Helfers oder eines Nicht-Helfers wahrnehmen und als gut oder böse beurteilen, auch wenn sie nicht selbst davon betroffen sind.

Für die aktuelle Arbeit berücksichtigte Sigmund allerdings auch noch, dass der Beobachter einschätzen kann, "ob eine Verweigerung der Hilfe gerechtfertigt ist oder nicht", so Sigmund: "Wenn Alice Bob nicht hilft, weil Bob ein schlechter Mensch ist, dann sollte sie nicht ihren guten Ruf verlieren. Das ist naheliegend, aber kognitiv viel komplizierter." Um den Gesichtspunkt gerechtfertigter Verweigerung von Hilfe zu berücksichtigen, muss man viel Wissen über die Vergangenheit einzelner Spieler haben. Doch gibt es schon alleine bei diesem Spielaufbau im simpelsten Gut-Böse-Rahmen alleine 256 mögliche Moralsysteme, von denen allerdings laut Arbeiten japanischer Wissenschafter nur acht stabil sind.

Der Wert der "Führenden Acht"

Bei diesen "Führenden Acht" stellt sich die Frage, wie sie sich Seite an Seite verhalten. Wenn die gesamte Bevölkerung dasselbe Moralsystem, eines der "Führenden Acht", hat, werden die Spieler kooperieren. "Aber die Frage ist: Welches der acht ist besser oder schlechter, welches sollte sich in der fiktiven Spielzeuggesellschaft durchsetzen?", so Sigmund: "Es ist ein großer Fortschritt, dass man nun erstmals den Wettbewerb von zwei verschiedenen rudimentären Moralsystemen untersuchen und modellieren konnte - mathematisch hieb-und stichfest."

Sigmund und Uchida haben dabei den Wettbewerb zweier Moralsysteme untersucht, die beide es für gut halten, einem Guten Hilfe zu leisten, und für schlecht, einem Guten Hilfe zu verweigern. Zudem halten es beide für gut, einem Schlechten die Hilfe zu verweigern. "Der einzige Unterschied: In dem einen System ist jemand, der einem Schlechten hilft, gut, und im anderen ist er schlecht", so Sigmund: "Bei perfekter Information hat das zweite strengere System einen leichten Vorteil, aber bei mangelhafter Information ist das zweite System hoffnungslos und bricht zusammen." (APA)


Konferenz "Evolution of Cooperation - Models and Theories", 15. bis 18. September 2009, Konferenzzentrum der IIASA

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Posting 1 bis 25 von 77
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theres mallinger
17.09.2009 11:40
So etwas ähnliches gab es schon einmal

Anatol Rapaport hieß der, wenn ich mich recht erinnere. Es ging um die "Evolution der Kooperation". Untersucht wurden Strategien im Gefangenendilemma.

MundMs
15.09.2009 16:18
Wie ist mathematisch folgende Problematik zu klären

Eine vollkommen unbekannte Person will etwas von mir, sie sieht so aus als ob sie keine sozialen Kontakte hätte und mir sieht niemand zu... soll ich ihr etwas geben oder nicht?

Wie moralisch ist ein Moralsystem, indem uneigennützige Handlung nur dann Bedeutung hat, wenn sie einen Vorteil für den Handelnden bringt?

Kann man mathematisch den Umstand erklären warum es gut ist kein A*loch sein zu wollen und prinzipiell versucht sozial zu handeln, ohne sich davon etwas zu versprächen?

das müsste doch schlecht sein, weil man damit Trittbrettfahrer unterstützt?

Mike 23
15.09.2009 16:52
Ich glaube nicht, dass das mathematisch

schon erfasst werden kann.
Aber soweit ich das verstanden habe, geht es weniger um das Warum im Spezialfall, sondern vielmehr um einen Versuch, die Entstehung eines Moralsystems nachzuzeichnen.

Was Sie nicht außer Acht lassen sollten ist die Selektion, die uns seit Millionen von Jahren formt. Vielleicht war und ist es einfach von Vorteil, zu sozialem Verhalten fähig zu sein. "Fehlleistungen" wie das Spenden obwohl niemand zusieht, was dann keinen direkten Gewinn bringt, wird dabei häufig einfach akzeptiert.
Vgl. Sie z.B. instinktive Reflexe (Gans, die das Ei zurückrollt. Macht die Bewegung, auch wenn das Ei entfernt wird und die Bewegung eigentlich sinnlos ist).
Ist aber selbstverständlich eine zynische Sichtweise ;-)
Michael

gustl
 
15.09.2009 16:10
Cool

Das hat vor 2000 Jahren schon ein gewisser Herr Jesus intuitiv richtig erfasst.

Schön dass es jetzt bald Mathematische Beweise dafür geben wird.

Übrigens: Bei anderen Aussagen hat er echt daneben gehauen, wie z.B. der Unauflöslichkeit der Ehe. Ob die Ehe unauflöslich sein soll oder nicht hängt wohl davon ab, wie gut die Sozialversicherung funktioniert.

epep
16.09.2009 15:22
wer?

ach, sie meinen den, von dem es keine geschichtlichen aufzeichnungen gibt - und ja, von anderen phropheten gibt es mehr als genug aufzeichnungen, die roemer waren sehr buerokratisch. seltsamer weise haben die phropheten, von denen es aufzeichnungen gibt, jahrzehnte vor diesen angeblichen jesus, genau die selben saetzchen gesagt wie dieser gesagt haben soll.

bedeutet: jesus ist ein konstrukt, er wird erst jahrzehnte nach seinem angeblichen tod schriftlich erwaehnt, alles andere ist faelschung.

das NT gleich zu 90% den AT. steht nix neues drinnen, alle weisen sprueche wurden schon jahrhunderte vorher neidergeschrieben.

Melanie H
16.09.2009 22:03
na und?

worauf es ankommt ist die Botschaft, der Inhalt, und nicht von wem die kommt. Also krieg dich wieder ein.

Erwin Winner
25.09.2009 22:25
Uups, das sagen Sie jetzt mal Ihrem Bischof.

Bitte Bitte
16.09.2009 03:36

Bez. Unauflöslichkeit der Ehe hätte ich jetzt gerne das Bibelzitat.

Melanie H
16.09.2009 22:03

was gott verbunden hat soll der mensch nicht trennen.

Erwin Winner
25.09.2009 22:26
Was Gott verbunden hat, kann sie jederzeit trennen.

Mike 23
15.09.2009 16:53
Na, da war der Herr Jesus nicht der Erste.

Und ob sich wirklich Gut durchsetzen wird, ist auf höhere Komplexität erst zu beweisen.
mfg Michael

Melanie H
16.09.2009 22:05

ich denke schon, daß sich "gut" langfristig gesehen immer durchsetzen muß. Weil die Menschheit sonst zugrunde geht. Wir können nur mehr in sozialen GEmeinschaften exisitieren. Kurz- bis mittelfristig kann "böse" zwar vorne liegen, aber auf Dauer gesehen sind solche Systeme immer zum Scheitern verurteilt, weil die Menschen so nicht koexisitieren können.

Comedian
15.09.2009 14:12
Das Leben ist ein Spiel

Rechtschaffen Gut, Neutral Gut, Choatisch gut
Rechtschaffen Neutral, Neutral Neutral, Chaotisch Neutral
Rechtschaffen Böse, Neutral Böse, Chaotisch Böse

Das haben die Entwickler von Dungeons and Dragons schon in den 60er Jahren entworfen. Alle diese Moralsysteme funktionieren.

Und wenn nicht, gibts eine auf die Mütze :)

der typ
15.09.2009 14:18
mMn ist chaotisch gut die beste gesinnung

Comedian
15.09.2009 14:32
Die objektiv beste Gesinnung ist Neutral Neutral, ...

... weil man mit jeder denkbaren Gruppenkonstellation ohne Abzüge zusammenarbeiten kann. Ein chaotisch Guter und ein rechtschaffen Böser bringen sich eher früher als später um :)

kibi
15.09.2009 17:18
aber ein chaotisch guter und ein rechtschaffen böser haben sicher mehr spass als alle neutral neutralen zusammen.

;-)

Akuma
15.09.2009 12:25

spieltheoretiker...ich wundere mich jedesmal aufs neue welche interessanten jobs (von denen man offensichtlich auch noch leben kann) es eigentlich so gibt, bzw. womit sich wissenschaft teils so beschaeftigt. ich find das eine gute sache (bevor mich hier irgendwelche geisteswissenschaftler zerfleischen), macht sich definitiv besser auf einer visitenkarte als der 08/15 jurist/mediziner/bwler ;).

Ody Fry
16.09.2009 16:43
Mal anschauen....

http://www.youtube.com/watch?v=QhGV_lZ3J_E

... gibt es das auch bei Humbold?

Delta Neutral
15.09.2009 14:25

http://oyc.yale.edu/economics... me-theory/

sehr interessant und unterhaltsam

Quintus Beckloeffel
15.09.2009 11:20

Wenn Spieltheoretiker (oder auch Evolutionsbiologen) über "Gut und Böse" publizieren und ernsthaft glauben, damit einen Beitrag zur Ethik zu leisten, dann ist das ungefähr so, wie wenn Esoteriker einen Beitrag über "Energie" publizieren und glauben, damit einen Beitrag zur Physik zu leisten.

srinivasa
15.09.2009 15:00

da gehts sicher nicht um einen Beitrag zur Ethik, sondern nur darum, welches Moralsystem stabil ist.

Quintus Beckloeffel
15.09.2009 15:24

Um ein adäquates Kriterium dafür angeben zu können, "ob eine Verweigerung der Hilfe gerechtfertigt ist oder nicht" (was ja ein konstitutives Strukturelement der beschriebenen Theorie ist), muss man über einen adäquaten Begriff der moralischen Rechtfertigung verfügen, der nicht aus empirischen Daten rekonstruierbar ist, die der involvierten Beobachtung zugrunde liegen.

Folglich ist das Operieren mit normativen Begriffen wie "Gut", "Böse" oder "Gerechtfertigt" in diesem Zusammenhang entweder Etikettenschwindel oder ein Ausdruck vermessen-naiver Kompetenzüberschreitung.

Hans Müller1
 
15.09.2009 19:26
Sehen Sie's mal so: Schauen Sie sich das Gefangenendilemma an

und stellen Sie sich vor dass beide Akteure "gut" sind, also nicht ausschließlich an den eigenen Nutzen denken sondern an den Gesamtnutzen. Dann gibt es das besagte Dilemma nicht mehr. Wenn andererseits beide Akteure "schlecht" sind, d.h. nur an ihren eigenen Nutzen denken, erhält man das schlechtere Resultat für das Gesamtwohl.
So kann man z.Bsp. zeigen dass die heute vorherrschende Sichtweise des "Individualismus" (ich nenne es Egoismus) das Gesamtwohl aller verschlechtert.
Ist doch nicht so etwas schlechtes das mit einem einfachen Modell aufzuzeigen, oder?
Im übrigen geht's ja hier nicht darum eine Ethik zu definieren sondern bestimmte Verhaltensweisen zu erklären

Quintus Beckloeffel
15.09.2009 20:19
"dass beide Akteure "gut" sind, also nicht ausschließlich an den eigenen Nutzen denken"

"Also": Soll das eine Definition (im Sinne von "d.h.")sein? Ein Mörder, der nur aus Hass auf eine Person mordet und dafür auch Schaden in Form von Gefängnis oder gar Todesstrafe in Kauf nimmt, handelt auch nicht ausschließlich zum eigenen Nutzen. Trotzdem wäre es reichlich skurril, ihn deswegen "gut" zu nennen.

Und selbst, wenn er den Gesamtnutzen fördert (indem er beispielsweise als Chirurg dem ermordeten zwei lebenswichtige Organe entnimmt und diese zwei Patienten einpflanzt und damit deren Leben rettet, indem er also dafür sorgt, dass 2 Menschen anstatt 1 Mensch überleben), dann wird hier bestenfalls argumentfrei ein fragwürdiges utilitaristisches Kriterium unterstellt, wenn er deswegen "gut" genannt wird.

Melanie H
16.09.2009 22:08

noch nie was von tit for tat gehört?

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