Vielzahl möglicher Moralsysteme aus einfacher Grundkonstellation gebildet - doch nur die wenigsten davon sind stabil
Wien - Erstmals ist es dem Spieltheoretiker Karl Sigmund von der Universität Wien und dem Japaner Satoshi Uchida gelungen, den Wettbewerb von zwei verschiedenen, rudimentären Moralsystemen, die nur auf der Bewertung "Gut oder Böse" beruhen, mathematisch nachzuzeichnen und seine Auswirkung auf das Kooperationsverhalten einer Bevölkerung zu analysieren. "Jetzt wäre es eine schöne Aufgabe, dass man den Ansatz auf weitere, wirklichkeitsnähere Moralsysteme ausdehnt", etwa indem man noch ein "Mittelgut" als "Zwischenton" einbezieht, so der Mathematiker.
Sigmund wird seine bisher noch unveröffentlichte Arbeit bei der Konferenz "Evolution of Cooperation - Models and Theories", die er gemeinsam mit dem Ökosystemforscher Ulf Dieckmann organisiert, präsentieren. Von Dienstag bis Freitag treffen einander internationale Kooperationsforscher, u.a. die Nobelpreisträger Eric Maskin und Thomas Schelling, am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg (NÖ).
Reziprozitäten
Zwei Menschen helfen einander nicht nur wechselseitig ("direkte Reziprozität"), manchmal ist es auch eine dritte Person, die ins Geschehen eingreift: Alice hilft etwa Bob und die Beobachterin Conny hilft dann wiederum Alice. Diese sogenannte indirekte Reziprozität ist Kern von Sigmunds Modell. Voraussetzung für sie ist die Fähigkeit, dass Menschen einander beobachten und das Verhalten eines Helfers oder eines Nicht-Helfers wahrnehmen und als gut oder böse beurteilen, auch wenn sie nicht selbst davon betroffen sind.
Für die aktuelle Arbeit berücksichtigte Sigmund allerdings auch noch, dass der Beobachter einschätzen kann, "ob eine Verweigerung der Hilfe gerechtfertigt ist oder nicht", so Sigmund: "Wenn Alice Bob nicht hilft, weil Bob ein schlechter Mensch ist, dann sollte sie nicht ihren guten Ruf verlieren. Das ist naheliegend, aber kognitiv viel komplizierter." Um den Gesichtspunkt gerechtfertigter Verweigerung von Hilfe zu berücksichtigen, muss man viel Wissen über die Vergangenheit einzelner Spieler haben. Doch gibt es schon alleine bei diesem Spielaufbau im simpelsten Gut-Böse-Rahmen alleine 256 mögliche Moralsysteme, von denen allerdings laut Arbeiten japanischer Wissenschafter nur acht stabil sind.
Der Wert der "Führenden Acht"
Bei diesen "Führenden Acht" stellt sich die Frage, wie sie sich Seite an Seite verhalten. Wenn die gesamte Bevölkerung dasselbe Moralsystem, eines der "Führenden Acht", hat, werden die Spieler kooperieren. "Aber die Frage ist: Welches der acht ist besser oder schlechter, welches sollte sich in der fiktiven Spielzeuggesellschaft durchsetzen?", so Sigmund: "Es ist ein großer Fortschritt, dass man nun erstmals den Wettbewerb von zwei verschiedenen rudimentären Moralsystemen untersuchen und modellieren konnte - mathematisch hieb-und stichfest."
Sigmund und Uchida haben dabei den Wettbewerb zweier Moralsysteme untersucht, die beide es für gut halten, einem Guten Hilfe zu leisten, und für schlecht, einem Guten Hilfe zu verweigern. Zudem halten es beide für gut, einem Schlechten die Hilfe zu verweigern. "Der einzige Unterschied: In dem einen System ist jemand, der einem Schlechten hilft, gut, und im anderen ist er schlecht", so Sigmund: "Bei perfekter Information hat das zweite strengere System einen leichten Vorteil, aber bei mangelhafter Information ist das zweite System hoffnungslos und bricht zusammen." (APA)
Konferenz "Evolution of Cooperation - Models and Theories", 15. bis 18. September 2009, Konferenzzentrum der IIASA