"Über-Lebensmittel" zu verwerten statt zu entsorgen ist leichter gesagt als getan. Doch für die Nutznießer wird das (Über)Leben sehr viel leichter.
Damit in Wien nicht länger täglich mehr Brot weggeworfen als in Graz oder Linz gegessen wird - und damit gerade die Ärmsten das tägliche Brot und sonstige "Über-Lebensmittel" kostenlos oder leistbar erhalten - wurden vor zehn Jahren zwei Bahn brechende soziale Privatinitiativen gegründet.*
Wiener Tafel und Sozialmarkt nutzen, jede auf ihre Weise und höchst geschickt, die Schwächen der Wegwerfgesellschaft um den Schwächsten zu helfen. Doch angesichts 70.000 Tonnen vernichteter Lebensmittel allein in Wien sind auch die Grenzen ihrer Aktionsmöglichkeiten durchaus schmerzhaft: "Ein Viertel des Wiener Hausmülls besteht aus unverbrauchten Lebensmitteln. Die Hälfte davon ist noch original verpackt. Mehr als ein Drittel des Inhalts von Biotonnen im Handel sind brauchbare Lebensmittel. Täglich werden in Wien rund 13.000 kg Brot vernichtet. Über 100 Tonnen Tiefkühlprodukte gelangen jährlich wegen nahendem Ablaufdatum gar nie in den Handel", so die Wiener Tafel.
All das kann ebenso wenig gerettet und wiederverwertet werden wie die 25 Prozent Backwaren, die nach einer Boku-Studie direkt im Müll landen. Ebenso wenig dürfen "aus lebensmittelrechtlichen Gründen ... Lebensmittel von Privatpersonen ..., Caterings, Buffets oder Großküchen" übernommen werden.
Man könnte hinzufügen, dass in Österreich so viele Arzneimittel ungeöffnet im Sondermüll landen, in dem sie besonders kostspielig entsorgt werden müssen, dass der Wert der weggeworfenen Medikamente bereits das gesamte Defizit der Krankenkassen übersteigt. Wäre das nicht auch eine wertvolle Aufgabe für neue NGO-Initiativen, am besten zusammen mit der Apothekerkammer? Warum wagen wir eigentlich von den "selbstverwalteten" Sozialversicherungsträgern, die ja die sündteure Vergeudung kostbarer Heilmittel bezahlen müssen bzw. unsere eigene Wegwerf- und Verschwendungswirtschaft uns alle selbst bezahlen lassen, seit Jahrzehnten keine einzige, große, originelle Innovation mehr zu erwarten? Ist verteilen statt vernichten nur privater Initiative, aber parastaatlichen Einrichtungen nicht zumutbar?
Statt kostenintensiver und umweltbelastender Entsorgung versorgt die Wiener Tafel mit den im Handel unverkauften Lebensmitteln, die von rund 130 Firmen davon 70 regelmäßig gespendet werden, über 75 professionelle Sozialeinrichtungen als Kooperationspartner etwa 7.500 der aller ärmsten Personen in der Bundeshauptstadt - Wohnungslose, Flüchtlinge, sozial schwache Familien.
Bei Soma spenden 1.000 Firmen, davon etwa 500 und "alle großen Lebensmittel- und Konsumgüterfirmen" regelmäßig, neben 200 weiteren Sponsoren. Etwa 30.000 Menschen haben derzeit einen SOMA-Einkaufspass, davon 5.000 in Linz (bei zirka 15.000 Bedürftigen), 9.000 in Wien (davon allein 7.000 in der Neustiftgasse). Die Verantwortlichen schätzen, dass etwa zehn Prozent der berechtigten Einkaufspass-InhaberInnen gleichsam als Stammkunden die höchstzulässigen drei Mal wöchentlich kommen. Brot ist gratis und täglich erhältlich, ½ kg pro Person und eine Süßigkeit wie Mohn- oder Nußstrudel für jedes Familienmitglied. Die Kauftkraftsteigerung bei maximaler Nutzung kann bis über eine Verdoppelung der Mindestsicherung reichen. (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe, 15.9.2009)