Die Mitgliedstaaten ernennen den neuen Generaldirektor, den Japaner Yukiya Amano. Brisantestes Thema bleibt auch für ihn der Atomstreit mit dem Iran
Der Neue hält sich noch im Hintergrund. Nach dem Motto "one person at a time" sitzt Yukiya Amano in den Beratungen und Konferenzen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) meist hinten und hört zu, erzählen Mitarbeiter. Er trifft Experten, macht sich kundig. Interviews gibt er noch nicht, seine Mitarbeiter verweisen auf Pressekonferenzen. Die Bühne gehört noch seinem Vorgänger an der Spitze der Organisation: Mohamed ElBaradei, dem streitbaren Ägypter, der Ende November sein Amt aufgibt.
Doch heute, Montag, ist es anders, da bekommt der Japaner einen Vorgeschmack, wie es sein wird, wenn er am 1. Dezember das weitläufige Büro im 28. Stock des IAEO-Gebäudes in der Wiener Uno-City bezieht: In dieser Woche treffen sich die IAEO-Mitgliedstaaten zu ihrer jährlichen Generalkonferenz, die Ernennung des neuen Generaldirektors steht ganz oben auf der Tagesordnung. Eine Dankesrede wird Amano halten, es gibt eine Pressekonferenz. Kurz wird er im Scheinwerferlicht stehen und sich dann wieder zurückziehen, bis Dezember, wie es den Gepflogenheiten entspricht.
Was auf ihn zukommt, das hat Amano gerade in den vergangenen Wochen an ElBaradei beobachten können. Die IAEO halte Dokumente über die Entwicklung des iranischen Atomprogramms zurück, hatte es geheißen, allen voran von israelischer und französischer Seite. ElBaradei hatte die Vorwürfe zurückgewiesen, sie politisch motiviert genannt. "Auch der neue Chef wird sofort damit konfrontiert werden", sagt ein Beobachter aus dem Umkreis der IAEO.
Der Atomstreit mit dem Iran bleibt vorerst das brisanteste Thema der IAEO. Hier prallen politische Interessen aufeinander, der Generaldirektor steht mittendrin.
Teheran hat vor wenigen Tagen Vorschläge an die fünf Veto-Mächte im Sicherheitsrat und Deutschland überreicht, worüber verhandelt werden könnte - wirtschaftliche Zusammenarbeit, Energiesicherheit, nukleare Nichtweiterverbreitung. Irans Atomprogramm bleibt ungenannt. Die USA wollen mit Teheran darüber sprechen, die Türkei hat sich als Gastgeber angeboten. Doch nachdem Außenminister Manuchehr Mottaki klargemacht hat, dass es "keine Kompromisse" in Sachen Atomprogramm geben werde, rechnet kaum jemand mit substanziellen Fortschritten in nächster Zeit. Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad hat nachgesetzt: "Das Nuklearthema ist beendet."
In Syrien gilt es aufzuklären, ob es einen geheimen Atomreaktor gab. Auch der Atomkonflikt mit Nordkorea ist noch nicht vom Tisch. Erst am Wochenende haben sich die USA zu bilateralen Gesprächen mit Pjöngjang bereiterklärt. Wenn die Verhandlungen wieder laufen, könnten die IAEO-Inspektoren bald wieder im Einsatz sein, die Nordkorea im April des Landes verwiesen hat. Weitere Großthemen, wenn auch öffentlich wenig beachtet: Nuklearsicherheit und die Nutzung der friedlichen Atomenergie.
"Amanos Welt ist Japan", sagen Kritiker, die ihn als IAEO-Botschafter erlebt haben. Wie gut der neue Chef in der Behörde aufgenommen werde, hänge auch davon ab, inwieweit er sich von Tokio emanzipiere. Mohamed ElBaradei, wird zum Abschied dagegen der Titel "Director General Emeritus" verliehen. (Julia Raabe, DER STANDARD, Printausgabe, 14.9.2009)