Interview Werner Lampert

"Absurde Industrialisierung"

13. September 2009, 17:45
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    foto: heribert corn

    Für Werner Lampert hat die Welt nichts aus der Finanzkrise gelernt. "Es war wie ein Verkehrsunfall. Wer ihn überlebt hat, gibt nach ein paar Jahren wieder Vollgas."

Der Bio-Pionier über die Agrarwirt­schaft als Opfer der Spekulanten, Milchseen, chinesisches Feder­mehl und heimische Allerweltsprodukte

STANDARD: Die Landwirtschaft wird hoch subventioniert. Stört Sie das?

Lampert: Bauern werden Standards vorgegeben, nach denen sie zu produzieren haben. Für ihre Produkte zahlen wir Preise, von denen kein Mensch leben kann. Dann werfen wir ihnen vor, dass wir sie subventionieren müssen. Es braucht hier eine ehrlichere Diskussion. Im alpinen Raum ist Landwirtschaft oh-ne Subvention nicht möglich. Bauern machen hier Arbeiten, die der gesamten Gesellschaft dienen. Dafür muss es einen Ausgleich geben.

STANDARD: Milchpreise sind im Keller und Bauern auf der Straße. Auch Sie verkaufen Biomilch bei Diskontern. Wie passt das zusammen?

Lampert: Als ich mich entschieden habe, die Biobauern mit Handelsketten zusammenzubringen, wurde ich von ihnen auf Versammlungen ausgepfiffen und auf das übelste beschimpft. Aber die Wirklichkeit hat gezeigt, dass es der einzige Weg ist, um den Biolandbau voranzubringen. Man muss mit der Handelslandschaft leben und arbeiten.

STANDARD: Wird die Welt nach der Finanzkrise eine andere sein?

Lampert: Aus dieser Krise wird kein Einziger eine Lehre ziehen. In zwei bis drei Jahren wird alles so weiterlaufen wie zuvor. Die Finanzmärkte werden nicht reguliert. Die Aufsichten werden mies sein wie immer. Und die Landwirtschaft wird wieder ein Opfer von Spekulanten. Manchmal werden die Preise extrem hoch sein, dann elend tief. Ich sehe nirgendwo einen Ansatz einer ernsten Bemühung um Änderung. Es war wie ein Verkehrsunfall. Wer ihn überlebt hat, gibt nach ein paar Monaten wieder Vollgas.

STANDARD: Sind Sie denn selbst nie der Versuchung erlegen zu zocken?

Lampert: Niemals. Ich habe in meinem Leben noch nie Aktien besessen. Ich brauch diese Aufregungen rund um Spekulationen nicht.

STANDARD: Aber Geld ist doch sicherlich auch für Sie wichtig. Sind Sie eigentlich reich?

Lampert: Ich führe ein gutes Leben, und ich liebe es, dieses zu führen.

STANDARD: Sie sind vehementer Kritiker der Globalisierung. Können Sie ihr auch etwas Gutes abgewinnen?

Lampert: Natürlich. Als die Grenzen noch dicht waren und alles reglementiert war, sind wir im eigenen Sumpf dahingedümpelt. Die Globalisierung hat jedoch Teile der Landwirtschaft in eine absurde Industrialisierung getrieben. Ich war kürzlich bei einem Biobauern mit 100 Kühen und 40 Hektar Land, für den ist Landwirtschaft reine Spekulation. Jetzt, wo die Preise fallen, weiß er nicht, wie es weitergehen soll. Globalisierung lehrt uns, dass Fortschritt auf Teufel komm raus alle an die Wand fährt.

STANDARD: Kleine Strukturen schön und gut, wo sind Grenzen dieses Modells? Kann man damit die Welt ernähren? Der Rohstoffbedarf wächst.

Lampert: Man kann das. Sehen Sie sich andererseits an, wie viel Butter und Milchpulver in Europa mit Steuergeld gebunkert werden. Man hat Bauern jahrelang eingeredet, sie sollen so viel wie nur möglich produzieren. Jetzt tun sie das, wir sitzen vor Milchseen und wissen nicht, was damit tun.

STANDARD: Es gibt Studien, die besagen, der biologische Landbau bedarf einer Milliarde Hektar Anbaufläche weltweit mehr, um Erträge des konventionellen Anbaus zu erreichen.

Lampert: Ich bin Studien gegenüber immer misstrauisch, Wissenschaft hat auch starken Selbsterhaltungstrieb. Die Ernährung lässt sich mit Bio sehr wohl sichern. Ganz im Widerspruch dazu agiert ja industrialisierte Landwirtschaft: Regenwald wird für sie systematisch zerstört. Da werden Dinge angebaut, die dort gar nicht wachsen können. Eine ernsthafte biologische Landwirtschaft kann nur im Einklang mit der Natur passieren, so abgegriffen das klingt.

STANDARD: Sie selbst haben Biolandbau aber auch schon als Feigenblatt einer global agierenden Landwirtschaft bezeichnet ...

Lampert: Er ist zum Teil auch zu ihrer Karikatur geworden. Wenn ich im Biolandbau Federmehl aus China, Knochenmehl aus Südamerika, Soja aus Südamerika einsetze, Bio zur Allerweltsware wird und ihre Inhalte verraten werden, dann ist das eine Bewegung ins Out. Dafür soll keiner mehr zahlen sollen.

STANDARD: Sie sind ein Gegner der Gentechnik. Ist das nicht ein Selbstbetrug, in vielen Bereichen wird sie anstandslos akzeptiert.

Lampert: Gentechnik ist für mich nicht nur eine inhaltliche, sondern eine Glaubensfrage. Und ich glaube daran, dass sie für uns schlecht ist. Aber wie soll man das mit jemandem diskutieren, der an Gentechnik glaubt. Das ist wie wenn man über Buddha und Jesus redet.

STANDARD: Und in der Medizin?

Lampert: Ich kenne chronisch Kranke, die nur geheilt werden können durch Fortschritte in der Medizin. So jemandem zu sagen, ich bin hier gegen Gentechnik, dazu habe ich den Mut nicht, und das würde ich auch in keiner Sekunde tun. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe, 14.9.2009)

Zur Person

Werner Lampert (61) gründete das Biolabel "Ja! Natürlich" und baut jetzt für Diskonter Hofer die Marke "Zurück zum Ursprung" auf.

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Posting 1 bis 25 von 41
1 2
Die Zensur gibt nach langer Beratung frei:
00
14.9.2009, 18:52

In der Landwirtschaft MUSS es eine Überproduktion geben. Das Wetter beeinflusst die Produktion und die Menschen wollen auch etwas zum Essen wenn der Sommer zu heiß oder zu kalt war.

Was natürlich moralisch verwerflich ist, ist wenn man die Bauern in Afrika ruiniert und dann das Essen wegkauft wenn die Ernte mal nicht so gut war.

Im Moment rennt das genau verkehrt. Wenn das Essen knapp wird, dann kaufen die Spekulanten wie verrückt und wenn es zu viel gibt, dann ruinieren die Spekulanten den Preis.

also dann ...
00
14.9.2009, 16:59
wieso absurd ?

diese politik... wird
- von den bauernvertretern
- v.d. landwirtschaftsministerium und
- der EU agrarpolitik so ...gewollt !

Übrigens: Die Standard Zensur ist ärgerlich!
 
00
14.9.2009, 15:51
Biobauern mit 100 Kühen .....

"Bio" hat zunächst prinzipiell nichts mit "Größe" zu tun. Wenn diese 100 Kühe kontrolliert "bio" gehalten werden, warum nicht?
Nicht "bio" ist hingegen der Betrieb, in dem die Kühe in "Anbindehaltung" gehalten werden, selbst wenn er nur 20 Kühe hat, - und der Bauer in schönster Tracht am Sonntag in die Dorfkirche geht ....

quapil2
20
14.9.2009, 15:50

Lampert muss nicht bis zum regenwald gehen. Unsere Almen wurden auch mal abgeholzt, damit drauf Kühe weiden können. jetzt nennt man das Kulturlandschaft - könnte aber auch ökologische katastrophen genannt werden. je nach Sichtweise. Auf jeden fall ist das so schützenswerte österreischische alpin idyll eine künstliche landschaft - vom menschen geschaffen.
Und ob lampert gegen oder für die Globalisierung(echtes scheiß Wort) ist ist der welt sowieso wurscht. Sie bleibt halt leider nicht vor der Tür der kleinen Österreichs stehen. "Die Welt ist was der Fall ist" punktum.

wahre Lüge
 
00
14.9.2009, 18:09
die Welt ist ALLES was der Fall ist

Ludwig Wittgenstein

luxx
00
14.9.2009, 15:13
ja der Herr Lampert

"Polarisierend" würde ich ihn nennen. Die einen aus der Bioszene sehen seine Pionierseite, die anderen seine Ära als Etikettenschwindler (Hofers Anfang mit "Zurück zum Ursprung", als die Marke noch konventionell war und von Lampert aber schon als "so besonders" hingestellt wurde). Ich habe auch immer wieder Menschen getroffen, denen Herr Lampert persönlich sehr zugesetzt hatte. Aura meets Kulisse!

badoli from Hell
04
14.9.2009, 15:05

Gentechnik zur Heilung chronisch Kranker ist doch ein komplett anderes Dorf als Gentechnik zum Erzielen höherer Gewinne in der Landwirtschaft. Ich mein, nur weil ich keine mutierte Tomaten essen will, bedeutet das nicht, dass ich einen Asthmatiker einen leidvollen Frühling an den Hals wünsche...

Blues Brother
04
14.9.2009, 14:19

selten in einem Interview so ehrliche, authentische Antworten gelesen. Gratulation

Linus D
00
14.9.2009, 13:22
Sind sie eigentlich reich?

Gute Frage, schade, dass der Herr Lampert geschickt ausweicht!

Warum legt in Österreich keiner seine finanziellen Verhältnisse offen? Ich habe auch kein Problem zuzugeben, dass ich arm bin, und nur ca. 2600 Euro besitze. Auf der niedrigen Kante quasi!

La Soufriere
00
14.9.2009, 16:52

Ab welchen Beträgen ist man eigentlich reich? Wer legt das fest?

tramezzino
00
14.9.2009, 16:15

dein einkommen/vermögen ist mir wurscht, aber meines geht dich einfach nichts an, so sehe ich das (leider habe ich kein großes). die offenlegung ist eine einladung an alle kriminellen.

klar kent
11
14.9.2009, 14:42

ihr einkommen interessiert auch keinen. glaubens wirklich es geht nur drum, ob man als arm stigmatisiert wird? lächerlich!

solange man nicht in einem öffentlichen amt tätig ist oder gegen ein gesetz verstossen wird, geht es auch niemanden was. punkt.

pivos pivos
40
14.9.2009, 12:56
...Ich war kürzlich bei einem Biobauern ...

... mit 100 Kühen und 40 Hektar Land, für den ist Landwirtschaft reine Spekulation.

dann hat er sich nun womoeglich verspekuliert!

mit hoher wahrscheinlichkeit ist dies allerdings eine betriebsgroesze welche zukunftsfaehige groesze darstellt. mit industrialisierung hat dies beim besten willen nichts zu tun. keine lobby wird es schaffen kleinstbetriebe zu erhalten welche ineffizient und um keinen deut oekologischer als groeszere agieren.

nebenbei halte ich gesetzeskonforme konventionelle betriebe aus sicht der naehrstoffkreisläufe fuer nachhaltig produzierend.

J.Iber
05
14.9.2009, 13:50
Ich glaube nicht, dass konventionelle Betriebe

...nachhaltig geführt werden können.
Allein die enorme Menge an Erdöl die eingesetzt werden muss macht dies unmöglich.
Erdöl wird in Form von Düngemittel über Spritzmittel bis zum Treibstoff verbraucht und ist daher niemals nachhaltig.
Nachhaltig kann nur eine Form vom permakultureller Landwirtschaft sein.
Die Landwirtschaft muss autark funktionieren sonst entstehen Abhängigkeiten die nicht nachhaltig sind.
Denken sie an die Abhängigkeit beim Saatgut, damit hat die Landwirtschaft jegliche Autarkie eingebüßt, wenn die Saatgutriesen nicht wollen geht nichts mehr, des Weiteren ist ein Umstieg nicht ohne Zeitverzögerung möglich da auf den Agrarwüsten ohne Erdöl auf Anhieb nichts mehr geht.
Nachhaltigkeit schaut für mich anders aus.

mfg

Walter Mautner
 
00
14.9.2009, 17:10
Die Nachhaltigkeit des Tetrapaks und der Ölheizung

Laut Werbung sind ja Tetrapaks nachhaltig, da "vorwiegend aus Holz". Naja. Und Milch kommt eben aus dem Tetrapak, Strom aus der Steckdose und Wald gibts immer zu Weihnachten in handlichen Mengen zu kaufen. Erdöl ist übrigens auch aus Holz entstanden, also durchaus als nachhaltig zu bezeichnen. Alles eine Frage der betrachteten Zeitdimension.
Apropos Milch: der Bedarf der Lebensmittelindustrie an Milch sinkt laufend, da die Milch einige für automatisierte globale Produktion ungünstige Eigenschaften aufweist: sie ist nicht standardisiert, schlecht lagerfähig und man transportiert unnötig Wasser mit. Wenn sich Milch also durch Surrogate wie Konzentrat aus Eiweißpulver mit Zusätzen ersetzen läßt, und jeder nur mehr (sparsam) H-Milch kauft ....

J.Iber
00
14.9.2009, 18:06
Milch ist grundsätzlich ein ungesundes Nahrungsmittel.

Natürlich ist Erdöl aus Holz entstanden, allerdings hat das viele Jahre gedauert.
Erdöl hat somit über lange Zeit große Mengen an CO2 gespeichert und diese Mengen werden jetzt rasch wieder ausgebuddelt.
Erdöl ist nicht nachhaltig da es aufgebraucht wird, Nachaltigkeit definiert sich unter anderem damit dass so wenig wie möglich Ressourcen aufgebraucht werden, es sollte ein Kreislauf entstehen, der mit Öl nicht möglich ist.

mfg

Walter Mautner
 
00
14.9.2009, 18:57
Milch, ungesunde Kälber und der Ironiedetektor

... oder sind Sie mit Sojapampe gesäugt worden? ;-)
Selbstverständlich ist bei der Nachhaltigkeit des Erdöls die Zeitspanne in Betracht zu ziehen, wie ich ja auch erwähnte. Und überhaupt, Erdöl ist beinahe so nachhaltig wie das Abbrennen des Regenwaldes. Oder eben Tetrapaks. Jedenfalls, denn die sind ja aus Holz gemacht - für viele Köpfe ist das (klar eben)so.

tramezzino
10
14.9.2009, 16:16

mit deiner nachhaltigkeit würden wir alle verhungern.

J.Iber
10
14.9.2009, 18:07
Sorry aber das ist nicht richtig,...

...anders ist es allerdings mit der konventionellen Landwirtschaft, diese ist eine Sackgasse beruhend auf den Einsatz von Öl und wird und daher eher in die Richtung verhungern führen.

mfg

tramezzino
00
15.9.2009, 08:19

erst durch die konventionelle landwirtschaft ist eine versorgung der bevölkerung erst möglich geworden. jetzt geht es darum, die auswüchse abzustellen, d.h. die "unnötigen" spitzen zu kappen. in der industrie passiert das laufend, nur die landwirtschaft wähnt sich in einer geschützten werkstätte.

quapil2
10
14.9.2009, 15:45

mit dem ochsen übers feld und die Bäuerin klaubt kartoffeln. Ein paar knechte und Mägde her. das ist nachhaltig. Vielleicht mal bei ams vorbeigeschaut und landarbeiter rekrutiert. So stellen sie sich das vor ? Spinnen sie oder leben sie in der stadt. Wenns nach ihnen geht wären die armutsgefährdenten in Ö nicht nur arm sondern würden auch noch hungern. Ohnen kostenoptimierte landwirtschaft könnten sich große teile der Bevölkerung kaum noch lebensmittel leisten.

J.Iber
00
14.9.2009, 18:19
Gehen wir mal davon aus, dass...

... Öl ein endender Rohstoff ist.
Was ist dann?

mfg

NoComment
10
14.9.2009, 15:35

prinzipiell gebe ich ihnen recht, der satz

"Allein die enorme Menge an Erdöl die eingesetzt werden muss macht dies unmöglich."

ist allerdings holler, den ein großer betrieb braucht relativ gesehen weniger erdöl pro erzeugter ware als ein kleiner. ich bin bekennender "kleinbauernfan", aber tatsache ist (und das wurde mehrmals nachgewiesen) dass selbst der import von äpfeln aus großbetrieben in italien oder sogar teilweise spanien ökologisch weniger belastung ist als der lokale anbau über kleinbauern. es ist halt effizienter, 30t auf einem lkw zu transportieren als 30x 1t in kleinlastern.

J.Iber
00
14.9.2009, 18:13
Grundsätzlich gebe ich Ihnen recht, allerdings...

....stimmt der Vergleich mit den Größen nur dann wenn die Art der Bewirtschaftung die Selbe ist, natürlich ist vor allem in der konventionellen Landwirtschaft ein großer Betrieb effizienter.
Ein nachhaltig geführter Betrieb muss im Kreislauf wirtschaften um nachhaltig zu sein und der muss beim Erdöl sparen sonst funktioniert der Kreislauf nicht.
Transportwege sind wieder eine andere Geschichte, jedoch müssen die 30 Tonnen auch wieder aufgeteilt werden, ich kann mir nicht vorstellen dass diese Menge in einem Geschäft verkauft wird.

mfg

Citizen
00
14.9.2009, 15:56
Naja

Mag vielleicht je nach Betrachtungsweise (wie immer) stimmen.
Aber warum sind sie dann Kleinbauernfan wenn die Großen doch so viel effizienter wirtschaften?

Die "Großen" können sich halt leichter eines industriellen Logistiksystems bedienen, mit dem man genauso Panzer von den USA nach Südkorea schicken kann... klar dass dann der Aufwand pro Apfel oder was auch immer geringer ist...

Jedenfalls steht und fällt das Argument "Energieeffizienz" nicht zuletzt mit der Entscheidung ob wir Käufer die 4 Äpfel (oder 2 Packerl Milch oder was auch immer) zu Fuß heimtragen oder mit dem Auto führen.

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