Norwegen wählt

"Jens vi kaen!"

13. September 2009, 16:47

Die zerstrittene Opposition der Mitte-rechts-Parteien ermöglichte der rot-grünen Regierung eine Aufholjagd - Ministerpräsident Stoltenberg könnte im Amt bleiben

Noch vor einem halben Jahr hatte es so ausgesehen, als müsste Salon-Sozialdemokrat Jens Stoltenberg das Regierungsgebäude in Oslo nach vier Jahren Rot-Grün wieder verlassen. Erst in den vergangenen zwei Wochen änderte sich das Bild: Die letzten Umfragen deuten bei den heute stattfindenden Parlamentswahlen in Norwegen auf ein Herzschlag-Finish mit leichten Vorteilen für die Koalition aus Arbeiterpartei, Sozialistischer Linker und Zentrumspartei hin.

Der konservativen Høyre, der rechtspopulistischen Fortschrittspartei (FRP), der liberalen Venstre und der Christlichen Volkspartei gelang es nicht, einen homogenen bürgerlichen Block zu formieren. Der aktuelle Wahlkampf in Norwegen war von einer Art Selbstzerfleischung der Opposition geprägt. Garantiererklärungen, welche Partei unter welchen Bedingungen mit wem und mit wem sicher nicht in einer Regierung sitzen würde, dürften die Chancen auf einen politischen Umschwung gemindert haben; ebenso die öffentlich zur Schau gestellte Rivalität zwischen Rechtspopulistin Siv Jensen und Konservativen-Chefin Erna Solberg.

Während das Duell der beiden Rechtsparteichefinnen zugunsten der stets volksnahen Solberg auszufallen schien, gelang es Regierungschef Stoltenberg mit seinem ruhigen und sympathischen Auftreten, bei der Bevölkerung offenbar wieder zu punkten: Laut Umfrage hielten auch viele nichtsozialdemokratische Wähler den 50-Jährigen mit dem samtenen Blick - Wahlslogan: Jens vi kaen! - für den besten Regierungschef.

Sensible Meeresregionen

Die Arbeiterpartei setzte auf Ausweitung der Altersvorsorge und Sicherung von Arbeitsplätzen. Die Sozialistische Linke von Finanzministerin Kristin Halvorsen versuchte, mit dem Widerstand gegen die Gewinnung von Erdöl in sensiblen Meeresregionen grüne Akzente zu setzen. Die Konservativen und ihre bürgerlichen Fast-Verbündeten errichteten auf der Wahlkampf-Meile in der Osloer Karl Johans Gate Grabsteine für die Vermögenssteuer.

Das Thema Asyl, Migration und Integration spielte allein schon deshalb keine große Rolle, weil mittlerweile fast alle Parteien auf die seit Jahren von den Rechtspopulisten gefahrene restriktive Linie eingeschwenkt sind. Ungefähr jeder Zehnte der 4,8 Millionen Norweger ist inzwischen ein Zuwanderer. Deshalb nominierten die wahlwerbenden Gruppen auch Kandidaten mit Migrationshintergrund oder setzten auf der Straße Einwanderer als Wahlhelfer ein.

Vermutlich um ihre Chancen als mögliche Regierungschefin nicht zu mindern, verzichtete FRP-Frontfrau Jensen auf markige Formulierungen à la „schleichende Islamisierung". Stattdessen will sie die Entwicklungshilfe kürzen und „gewissen Minderheiten keine Sonderrechte" einräumen. (Andreas Stangl aus Oslo, DER STANDARD, Printausgabe, 14.9.2009)

Kommentar posten
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captain future
01
14.9.2009, 11:36
Was treibt den der Fischler in Norwegen (Foto)?

Alfons Plopp
00
14.9.2009, 15:58
er ist wirklich kaum zu erkennen:

die blonde perücke, der abrasierte bart .. aber wieso posiert er mit dem norwegischen weihnachtsmann?

evilweevil
01
14.9.2009, 09:37

und was genau heisst jetzt jens vi kaen eigentlich?

frech karotte
02
14.9.2009, 10:30
Der "statsminister"

heisst Jens Stoltenberg. Übersetzt heisst es soviel wie "Jens wir können" Und es ist eine Anspielung auf Obamas Slogan.

evilweevil
00
14.9.2009, 11:37

danke. das mit der obama-anspielung war schon klar, aber es hätte eigentlich schon im artikel übersetzt gehört. anscheinend geht der liebe standard davon aus, dass jeder norwegisch versteht.

hcl
00
14.9.2009, 12:32

Naja, um ehrlich zu sein, ist es jetzt nicht soooo unmöglich einen norwegischen Text zu lesen. Nehmen Sie beispielsweise den Anfang des norwegischen Wikipedia-Artikel über Norwegen:

Kongeriket Norge (nynorsk: Kongeriket Noreg) er et nordisk land vest på den skandinaviske halvøya. Til lands grenser Norge mot Sverige, Finland og Russland i øst. Landet er langt og smalt, og kysten strekker seg langs Nordatlanteren med havområder som Skagerrak, Nordsjøen, Norskehavet og Barentshavet, hvor også Norges kjente fjorder befinner seg.

evilweevil
00
14.9.2009, 20:37

na gut, aber geographische texte sind meistens recht leicht zu verstehen, weil man die eigennamen kennt und sich den rest zusammenreimen kann. aber auch nicht alles: hvor også Norges kjente fjorder befinner seg - heisst was genau?

hcl
00
15.9.2009, 14:18

"wo sich die Fjorde befinden" bekomme ich gerade aus dem Kontext noch hin. Die übrigen Wörter, gebe ich zu, verstehe ich nicht.

Raptor Jesus
01
14.9.2009, 03:32
17,30€ für ne Pizza, das ist allerhand (ohne Beilage nehm ich an)

Aber kann mir jemand Sagen, was so ein Durchschnitts-Norweger verdient?

quapil2
01
14.9.2009, 16:30

Norwegen: BNP 95.000,- per capita
österreich: BNP 45.000,- per c.
ich galub da geht sich eine Pizza schon aus.....
öl ist halt dicker als wasser......

Para Dox
03
14.9.2009, 14:06

Nach meiner (Urlaubs-)Erfahrung Nord-Norwegen: 16,50€ für eine einfache Pizza (Margarita) - das kosten in etwa auch Nudelgerichte; 18,50€ für eine Pizza mit umfangreicherem Belag.

0,5 Bier kosten übrigens im Lokal: 7,50 - 8 €; 0,5l Bier im Supermarkt: 2,5 - 3€.

Ist zwar mit Abstand das teuerste Land in dem ich bisher war (teurer als Korsika oder Island), ist aber ein wunderschönes, sehenswertes Land.

frech karotte
04
14.9.2009, 10:36
Das sind alles so Fragen, die man genauer ansehen muss

Es gibt viele Pros und Kontras. Der Standard ist generell gehoben. Deswegen ist es nicht notwendigerweise günstiger hier. Ein Durchschnittsnorweger verdient netto schätze ich mal so um die 2200,– bis 2700 Euro. Bei Preisen wie 6,– für ein Bier und 15,– für Pizza gleicht sich das alles aber wieder an österreichische Verhältnisse an. Zahnarzt z.B. wird hier nicht von der Krankenkassa bezahlt. Fleisch im Supermarkt kostet extrem viel, Delikatessen aus dem Ausland sowieso. Wohnungen in Oslo sind horrend teuer. Mit bis zu 6 Wochen Urlaub, flacher Hierarchie, guten Arbeitszeiten, Firmen die Fitnessclub und Privattelefon zahlen (das ist Standard), sowie Fjord und Wald gleich um die Ecke schauts aber gleich wieder besser aus. Eben Pro und Kontra :)

asdf 1234
00
14.9.2009, 20:33
Ihrer Argumentation zufolge, sollten also, je tiefer die Preise,

umso weniger auch die Menschen verdienen. Vielleicht denken Sie einmal darüber nach, ob das nicht des jeden Menschen Ruin sein muss, da er/sie ja auch seine Fixkosten zu bekämpfen hat. Wenn das nicht mehr möglich ist, was dann?
Da sind mir höhere Einnahmen und dafür ach höhere Ausgaben (aliquot) schon weit lieber. Auch bringt es der Wirtschaft weit mehr, da der Geldkreislauf nicht abgebrochen wird.

frech karotte
00
14.9.2009, 22:14

wenn die fixkosten niedriger sind gleicht sich das auch aus.

frech karotte
00
14.9.2009, 10:53
einkommen in norwegen

wen's interessiert – hier liest man mehr

http://www.ssb.no/english/s... nntekt_en/

Der Boss der Bosse
00
14.9.2009, 10:48
Sorry, aber wo im obigen Artikel

steht das mit dem Pizzapreis????
Jedenfalls zum Vergleich die Preise einer Wiener Pizzeria des deutlich gehobenen Segments (die verkleinerte Speisekarte zum Vergrößern anklicken):
http://www.barbaro.at/regina_ma... rita_3.php

whei
00
14.9.2009, 13:41
In der anklickbaren Grafik

stehen ein paar Preise aufgelistet

maxinthemix
00
14.9.2009, 09:20
zusammen mit einem kleinen bier

und einem packerl zigaretten läßt man gleich mal locker 45,90 EUR liegen - ned schlecht ...

asdf 1234
00
14.9.2009, 20:34
....und Sie dafür das doppelte verdienen, kommt es auf das Gleiche..........

Para Dox
00
14.9.2009, 17:08
Angeblich werden in Lokalen die Zigaretten einzeln(!) verkauft.

D.h. es wird nicht ganz so teuer. ;)

frech karotte
00
14.9.2009, 10:58
das ist sogar in norwegen teuer ;)

pizza 17,–
bier 7,-
zigaretten 8,–

macht 32‚–

und zum rauchen muss man noch vor die tür gehen!!

maxinthemix
00
14.9.2009, 11:07

Ui - da wollte ich Norwegen gleich noch teurer machen als es ohnehin schon ist ...

Zum Glück war ich zum Zeitpunkt dieser Fehlkalkulation nicht in Norwegen Pizza essen - sonst hätte ich dem Kellner gleich 10 EUR Trinkgeld gegeben ;-)

frech karotte
00
13.9.2009, 23:03
besser wär gewesen

JENS VI KÆN

ausserdem haben die eine nette kampagne. man soll mit 6 wörtern beschreiben was einem wichtig ist.

http://viktigfordeg.no/

(wichtigfürdich)

viel weniger laut und aggressiv, der wahlkampf, als hier! gefällt mir.

Adam Markus
03
13.9.2009, 20:29

Ich war gerade dort und ist ein ganz netter Wahlkampf. Jede Partei hat vor dem Parlament eine Hütte aufgestellt und jeder der will kann dort vorbeispazieren und sich informieren. Ansonsten wird man nicht groß belästigt.
Davon abgesehen ist die sozial. linkspartei nicht grün (also bürgerlich wie in Ö) sondern linksgrün, während die Zentrumspartei bürgerlich- grün, also wie unsere Grünen sind.
Es gibt darüberhinaus auch noch die Linke Rödt, welche es wohl zu einem Achtungserfolg und dem Einzug in einige Regionalparlamente schaffen wird.

Ansonsten ist Norwegen überraschen Multikulturell und sehr bunt. Wären die Preise nicht so horrend hoch könnte man dort glatt längere Zeit verbringen.

Joerg A.
03
14.9.2009, 09:24

Rødt wird wohl kaum jetzt in Regionalparlamente einziehen. Das hängt damit zusammen, dass diese erst in zwei Jahren wieder gewählt werden.

Die multikulturelle in Norwegen ist tatsächlich sehr oberflächlich. Allein, dass die Fremskrittsparti (eine sehr neoliberale FPÖ-Entsprechung) die deutlich zweitstärkste Partei in Norwegen ist, sagt einiges. Das gleiche in Deutschland und die Welt würde (zu Recht) mit Fingern auf Deutschland zeigen.

Wenn man in Norwegen arbeitet, kann man dort durchaus ohne Probleme leben. Beispielsweise zählt Norwegen zu den Ländern in Europa, die den geringsten Teil ihres Einkommens für Lebensmittel u.ä. aufwenden müssen.

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