"Eigene Kameraden und Soldaten vielleicht teilweise auch erschossen"- Blauer Chef beklagt "unflätigste Beschimpfungen" Muzicants
Wien - FPÖ-Obmann Heinz Christian Strache hält nicht von der Debatte um
die Rehabilitierung von Wehrmachts-Deserteuren: "Man sollte nicht im Nachhinein
den Fehler begehen, diese Menschen zu glorifizieren. Es sind oftmals auch Mörder
gewesen", sagte er im Interview mit der APA. Extremismus in der FPÖ hat für
Strache "keinen Platz", enttäuscht zeigt er sich vom Präsidenten der
Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), Ariel Muzicant, der den Dialog
ablehne. Abermals infrage stellte der FPÖ-Chef die Fristenlösung.
"Deserteure waren Menschen, die eigene Kameraden und Soldaten vielleicht
teilweise auch erschossen und umgebracht haben und deshalb ist das eine sehr
negativ und kritisch zu bewertende Situation", begründet Strache seine Ablehnung
einer lückenlosen Rehabilitierung von Deserteuren, die anlässlich des 70.
Jahrestages des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs wieder diskutiert wird. Nach
den Grünen hatte sich auch Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SP) dafür
ausgesprochen. 2005 hatte der ehemalige Bundesrat Siegfried Kampl
Wehrmachtsdeserteure als "zum Teil Kameradenmörder" bezeichnet, woraufhin er
nach internem Druck aus dem BZÖ austrat.
"Sozusagen rechts von uns kein Platz"
"Bei uns in der Freiheitlichen Partei hat kein Extremismus Platz, ob es ein
linker oder rechter ist", verteidigte Strache seine Partei abermals, was immer
wieder aufkommende Vorwürfe betrifft. "Wir handeln ähnlich wie die CSU:
Innerhalb des demokratischen Spektrums gibt es sozusagen rechts von uns keinen
Platz, wir können aber durchaus auch nach links gehen." Konkrete Initiativen
gegen etwa Rechtsextremismus will Strache aber auch nicht starten, "dafür gibt
es einen Rechtsstaat" für jeden, der sich nicht an die demokratischen
Spielregeln hält.
Weiter keine Annäherung gibt es zwischen der FPÖ und Muzicant, was Strache
auf sein Gegenüber zurückführt. "Es war ich, der den Dialog immer gesucht hat
und den ich auch nach wie vor suche." Bereits vor einem Jahr sei er, Strache,
brieflich vorstellig geworden und habe erleben müssen, "dass er den Dialog
abgelehnt hat". Strache stößt sich daran, dass sich Muzicant "immer wieder
parteipolitisch zu Wort meldet mit unflätigsten Beschimpfungen gegenüber der
Freiheitlichen Partei und ihren Abgeordneten". Und weiter: "Dann darf man sich
auch nicht wundern, dass man auch einmal parteipolitisch eine kritische Antwort
erlebt."
Strache stellt Fristenlösung infrage
In der ebenfalls losgetretenen Abtreibungsdebatte stellt Strache weiter die
Fristenlösung infrage. "Es steht alles zur Diskussion. Man kann über alles
diskutieren und soll auch über alles diskutieren." Die derzeitige Situation -
der Schwangerschaftsabbruch ist in Österreich seit 32 Jahren straffrei, wenn er
nach ärztlicher Beratung in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft erfolgt
- sei "nicht unbedingt rechtskonform". Stattdessen fordert Strache, wie in
Deutschland, verpflichtende Beratung für Frauen. Der Staat solle der Frau "jede
Unterstützung angedeihen lassen, sich für das Kind zu entscheiden, auch wenn sie
vielleicht selbst nicht dafür Sorge tragen kann. Und es gibt viele
österreichische Familien, die einen sehnenden Kinderwunsch haben, der sich nicht
erfüllt und die gerne bereit wären, diese Kinder auch zu adoptieren."
Seinen "Servicemann" - im U-Ausschuss hatte sich herausgestellt, dass es im
Wiener Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT)
Sachbearbeiter für jede Partei gibt - hat Strache noch nicht kennengelernt -
"und ich bin eigentlich sehr froh darüber, was da schön langsam in der
Öffentlichkeit auftaucht. Offenbar leben wir wirklich in einem System, wo
totalitäre Mechanismen im Einsatz stehen". Der FPÖ-Chef will konkrete Hinweise
auf die Beschattung seiner Person haben. "Die Lebensweise, psychologische
Hintergründe, Verhaltensmuster etc." Die Innenministerin sei jedenfalls "bis
dato kläglich gescheitert" - "oder es hat sogar mit dem Wissen der
ÖVP-Innenminister so etwas stattgefunden?"
Strache will bei Bundespräsidentenfrage abwarten
In der angelaufenen Debatte um die Kandidaten für die Bundespräsidentschaft
will Strache abwarten, bis sich SPÖ und ÖVP entschieden haben. "Wenn hier eine
Situation entsteht, wo wir es demokratiepolitisch für unverzichtbar erachten,
einen eigenen Kandidaten aufzustellen, dann werden wir das tun." Nach wie vor
sei ein Antritt auch eine Geldfrage, "die FPÖ hat eine finanzielle Situation, wo
wir sehr sparsam mit dem Geld umgehen müssen. Und die Frage ist, bringen wir das
Geld auf oder setzen wir andere Prioritäten".
Mögliche Kandidaten gebe es nach wie vor viele, auch über eine Unterstützung
des BZÖ würde sich Strache freuen: Ich kann mir vorstellen, dass der
freiheitliche Kandidat ein so guter Kandidat ist, dass auch das BZÖ Gefallen an
diesem Kandidaten findet und vielleicht die Meinung vertritt, vielleicht den
FPÖ-Kandidaten zu unterstützen. Was Strache am Todestag des ehemaligen
BZÖ-Gründers und seines ehemaligen Förderers, Jörg Haider, machen wird: "Das hab
ich bis dato für mich noch nicht entschieden, wie dieser Tag von meiner Seite
her zu verbringen sein wird, denn wahrscheinlich habe ich meine Kinder. Aber ich
werde auf alle Fälle auch eine Kerze anzünden." (APA)