Die wichtigsten und einzigen heimischen Popmusik- und Beschwichtigungsschlagerpreise wurden im Wiener Museumsquartier verliehen
Musik muss nicht immer Spaß machen.
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Wien - Draußen in der großen weiten Welt des Pop fällt gerade ein Sack mit Jermaine Jackson drin um. Er begräbt unter sich das geplante Tribute-Konzert für Bruder Michael in Schönbrunn, inklusive der Karriere von Finanzstadträtin Renate Brauner. Statt Bono und Madonna konnte kurzfristig allerdings Wolferl Ambros mit einer bluesrockigen Deutung von Beat It gewonnen werden: "Sie ham eam gsogt, sie woin eam do nimmer segn/ Mit seiner Pappn kann er beuli gehn/ Eana Hoss in die Augn und eanare Worte san kloar: Geh scheißn, geh einfach scheißn..."
Drinnen im Wiener Museumsquartier bei den Amadeus Awards 2009, der engen kleinen Popmusikpreisregensause der heimischen Musikindustrie, referiert inzwischen Austropop-Veteran Christian Kolonovits an der Bar über das Leben und den Rassismus der Japaner. Neulich in den 80er-Jahren waren wir nämlich mit Falco auf Fernweh. Wir fahren dort aber sicher nicht mehr hin!
Drei Meter weiter gönnt ein heimischer Privat-TV-Sender, der das Ganze zeitversetzt im Nebenabendprogramm im Sinne eines kulturellen Auftrags übertragen will, inzwischen jeder gachblonden Society-Sumse, die zum Thema irgend etwas mit dem Wort "ich" am Anfang sagen will, drei Minuten Weltruhm. Mit 500 Watt Spottlicht drauf. Wir wissen zwar nicht genau, um was es geht. Hey, aber super, dass wir da sind! Hast du übrigens gewusst, dass ich gerade mit dem Producer von DJ Hüttengaudi eine Single am Start habe?! Irgendwie so eine Mischung aus Beyoncé, Klostertaler Gfrastsackerln und Minimal Techno aus Börlin! Bam, Oida!
Preise und dazugehörige Frechheiten setzt es beim einzigen und wichtigsten Preis für Austropop weiter vorne im Saal auch. Die erlebnissoziologisch tief im Bad von Aussee getränkte Kombo Die Seer meint etwa im Rahmen der Pokalüberreichung für den von Radio Burgenland gestifteten Preis in der Kategorie Erbschleicherei, dass das mit dieser Ehrung schon okay ginge. Irgendein professioneller Act müsse ja mit seinen Umsatzzahlen die anderen heute auftretenden Freizeitmusikanten finanzieren.
Diesem Gedanken mag sich auch Newcomerin Anna F. nicht verschließen, die sich bei Raiffeisen, Red Bull und Novomatic für ihre Karriere bedankt und analysiert: "Viele schöne Dinge sind heuer passiert. Jetzt auch noch das."
Hinten im Saal steigt man jetzt von Wein auf Wodka, Gin, Galgenhumor und lange, selbstgedrehte Zigaretten um. Der Rastafari grenzt niemanden aus. Er ist ja kein Japaner. Vorne benötigt man für den zwangskomischen Michael Ostrowski, den neben Marilyn Weichselbraun gegenwärtig meisten Moderator und Schauspieler Österreichs, Geduld und gute Laune: "Rock und Pop sind immer ein Ausdrucksmittel, auch sexuell!"
Christina Stürmer, der tanzende Roboter aus dem Mühlviertel, rockt total live im bundesdeutschen Nena-Idiom. Eine steirische Lederhosenfetischband bellt das Heimatlob und darüber, dass die Japaner Ausländer beim Bestellen in Restaurants generell arrogant behandeln. Andere Ausländer wie AC/DC oder John Deere seien aber total okay. Zwei in der Sprache Nenas vortragende HipHopper aus Wien-Fünfhaus erklären den Unterschied zwischen Volksmusik und ervolksloser Musik. Die wie immer ungnädigen Grantscherben von Kreisky bedanken sich für den "FM4 Award". Christian Fuchs von FM4 siegt mit Bunny Lake im elektronischen Tanzfach, die den Duktus Nenas kennenden Linzer Rapper Texta in der Sparte Linzer HipHop: "Peace, eich do draußn!"
Vera Böhnisch kommentiert ihre tapfere Kylie-Minoguerei mit dem schönen Satz: "Wir haben uns bemüht." Hansi Lang erhält den Preis für sein Lebenswerk. Posthum, wir sind in Wien. Weitere Bands wie Wellblechica aus Xiberg heimsen Auszeichnungen für Donnergurgeln und Blutgrätschen ein. Am Ende singen alle Keine Angst. Hinten ist man inzwischen bereit, auch Japaner gelten zu lassen. Als Jamaikaner lässt man alle leben. (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 12./13.09.2009)