Zwei Rote, zwei Welten: Sängerin Jazz Gitti und Bürgermeister Michael Häupl über die Sorgen im Gemeindebau, verfehlte Wiener Bildungspolitik und mögliche gemeinsame Gesangsprojekte
Standard: Vor den niederösterreichischen Landtagswahlen hat die Jazz Gitti mit Landeshauptmann Erwin Pröll ein Lied aufgenommen. Wäre das für Sie auch etwas?
Häupl: Aber ja, das wäre lustig.
Jazz Gitti: Wir haben das aus einer Laune heraus gemacht, und ich möchte betonen, dass ich keine Gage dafür bekommen habe, wie behauptet wurde. Wenn du mit mir singst, Herr Bürgermeister, dann kostet dich das auch nichts.
Häupl: Das ist typisch österreichisch: Da gibt's eine lustige Geschichte, und gleich redet man davon, ob irgendwer etwas verdient hat daran, da wird gemotschkert. Schade darum, das war sicher eine lustige Sache.
Jazz Gitti: Die Wahrheit ist, dass ich schon einen Hintergedanken hatte: Ich hab mir gedacht, den Herrn Landeshauptmann werden sie ja wohl im Radio spielen. Aber: niente! Es hat geheißen, das können wir nicht spielen, sonst reden wieder alle von Protektion. Michl, wir zwei singen aber ein Wienerlied.
Häupl: Natürlich. Obwohl: Singen ist nicht wirklich meine Stärke, offen gesagt.
Jazz Gitti: Ich kann dir etwas verraten: Der Erwin hat auch geschwitzt. Ich musste ihn die ganze Zeit beruhigen.
Häupl: Das wirst du bei mir auch müssen.
Standard: Sie sind mittlerweile Wahl-Niederösterreicherin - was kann sich Wien denn von Niederösterreich abschauen?
Jazz Gitti: In Niederösterreich zu leben ist ganz angenehm. Die einzige Kritik, die ich am Erwin habe, ist, dass er kein Roter ist. Aber ich bin sehr froh, dass er Landeshauptmann ist. Der Michl kommt ja auch ganz gut mit ihm aus. Das ist wichtig: dass Menschen Politik betreiben - menschliche Menschen, die auch miteinander sprechen, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind.
Häupl: Man muss bei den Leuten sein, man muss die Leute mögen, sonst hat man in dem Job nichts verloren. Man muss sich auch einen Blick dafür bewahren, wie die Zukunft ausschauen könnte. Heute bin ich Europäischer Präsident des Städtebundes, da lebt man im Vergleich.
Standard: Heinz-Christian Strache vergleicht auch - und er sieht in Wien vor allem hohe Ausländerquoten und hohe Kriminalität.
Häupl: Der Herr Strache ist, wie er ist, 180 Grad auf der anderen Seite von mir. Was er will, das kennen wir. Das hat es schon einmal gegeben in diesem Land.
Jazz Gitti: Aber Herr Bürgermeister, da gehört viel an der Basis gearbeitet, und zwar ganz massiv an den Kindern. Ich kenne eine Lehrerin, die sagt: Es kommen Kinder, die sprechen kein Deutsch und haben auch keine Chance, diese Sprache zu lernen. Die können auch nicht Türkisch oder Serbokroatisch, sie können es zwar reden, sind aber eigentlich Analphabeten. Da erziehen wir uns Arbeitslose. Da muss man von Jugend an etwas machen.
Häupl: Das fängt mit dem jetzigen Schuljahr an.
Jazz Gitti: Das ist aber schon wirklich spät, die Situation ist schlimm. Die Bildung gehört massiv forciert, sonst hat dieser - ich habe keinen Namen für diesen Menschen - sonst hat der Chancen bei der Wahl. Es muss wirklich wieder massiv zur Basis gegangen werden, in die Gemeindebauten, dort, wo jahrelang alles treurot war. Denen gehört gesagt: Wir sind da für euch. Ich sitz ein bissl an der Basis. Die Leute wissen, dass ich eine Rote bin, und dann kommen sie sich zu mir beschweren.
Häupl: ... das geht mir auch so. Bei der Schule ist es jedenfalls so, dass wir jetzt mit einem Modell begonnen haben, wo man bald sagen kann: Es kann niemand mehr in die Volksschule kommen, der nicht Deutsch kann. Wenn man wo lebt, soll man die Sprache auch können.
Jazz Gitti: Österreich war immer ein Integrationsland. Ich finde, dass Österreich das Salz und Pfeffer in Europa ist, weil wir ein Mischvolk sind. Aber Hasstiraden bringen nur wieder Hass. Und jetzt ist es an euch, massiv zu arbeiten, da gehört nicht nur mit den Chefs geredet, sondern mit der kleinen Basis. Das ist mir echt ein Anliegen, Michl.
Häupl: Darum bemühe ich mich.
Standard: Ist der SPÖ die Erdung verlorengegangen?
Häupl: Unsere Leute sind ja dort. Die Leute müssen in den Diskussionen mit den kleinen Straches bestehen, die herumlaufen.
Jazz Gitti: Ich kann mir nicht vorstellen, dass so eine Person Wien regiert. Das darf auch nicht sein, weil da schäme ich mich. Ich kann nur das sagen, was mir mein Hirn und mein Gefühl sagt, und ich denke mir: Was wir haben, dürfen wir nicht zerstören lassen. Wie kann ich einen wählen, weil er cool ist und in die Disco geht? Ich geh mit dir in die Disco, Michl!
Häupl: Da würden die Leute schön schauen.
Jazz Gitti: Aber wir hätten einen gewaltigen Auftritt.
Standard:Ist die SPÖ sozialdemokratisch genug?
Häupl: Da muss man zuerst einmal sagen: Was ist sozialdemokratisch? Leute, die von mir die Einhaltung der sozialdemokratischen Grundwerte verlangen, legen im nächsten Atemzug los, dass es zu viele Türken bei uns gibt - und das widerspricht total den Grundwerten der Sozialdemokratie.
Jazz Gitti: Gegen die Türken habe ich nichts, ich habe gegen niemanden etwas. Aber wer sich bei uns in Österreich nicht integrieren will, soll dort hingehen, wo er sich integrieren will.
Häupl: Das stimmt. Wer sich nicht an unsere Regeln hält, der hat bei uns nichts verloren.
Standard: Ist es schwer für einen roten Politiker, solche Dinge anzusprechen, ohne in die Nähe der FPÖ zu rücken?
Jazz Gitti: Er muss das ansprechen, das ist sein Job!
Häupl: Man muss sich damit auseinandersetzen, das ist keine Frage. Eine kriminelle Handlung bleibt eine kriminelle Handlung, egal wer sie begeht. Die Scharia ist nicht anzuerkennen als Rechtsbestandteil. Mit mir bekommt auch ein muslimischer Vater seine Schwierigkeiten, wenn er seiner Tochter verbietet, in die Schule zu gehen - ja selbstverständlich! Wenn man da lebt, dann lebt man nach den Regeln und nach den Gesetzen, die es hier gibt. Wer das nicht will, der hat, mit Verlaub, Pech gehabt.
Standard: Das ist schwerer zu erklären als: Alle Ausländer sind böse.
Häupl: Machen wir das, was der Herr Strache sagt, und schmeißen alle Ausländer raus. Dann möchte ich wissen, wer die Leute im Spital pflegt, wer die Straße kehrt, wer in den Lokalen kellnert, und ich möchte wissen, wer bei gewissen Herren zu Hause putzt.
Standard: Fürchten Sie einen Schmutzwahlkampf vor den Landtagswahlen 2010?
Häupl: Wovor soll ich mich fürchten? Wir werden hart gegen einen Rechtsruck arbeiten. Den Nährboden des Rechtspopulismus muss man hart bekämpfen. Momentan sind die Umfragen für die FPÖ in Wien übrigens eh nicht so toll.
Jazz Gitti: Ich habe Vertrauen in die Wiener. Sie raunzen und schreien zwar, aber wenn es um die Wurst geht, wissen sie schon, wo sie hingehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die einen Strache als Bürgermeister wollen.
Standard: Von 58.000 Kindergartenplätzen in Wien sind laut Stadtrat Christian Oxonitsch 45.000 seit 1. September beitragsfrei. Das ist aber nicht der Gratiskindergarten für alle, den Sie im Frühjahr angekündigt haben.
Häupl: Alle städtischen Kindergärten, die sich in unserem Einflussbereich befinden und allen offenstehen, sind beitragsfrei. Nach meinen Informationen sind etwa drei Prozent der Kindergartenplätze, nämlich bei den nichtgemeinnützigen Kindergärten, nicht gratis. Dass darüber hinaus auch einige gemeinnützige private Kindergärten mit speziellen Angeboten einen Beitrag verlangen werden, war von Anfang an klar.
Ein paar bleiben halt übrig, es gibt aber auch Privatschulen, wo Schulgeld verlangt wird. Außerdem geht der Ausbau weiter. Außerdem gehen die Vorbereitungen laufend weiter. Wir bauen allein heuer 2200 neue Kindergartenplätze im städtischen und privaten Bereich dazu.
Standard: Sie hatten mit Kardinal Christoph Schönborn einen Disput wegen eines Empfangs für die Abtreibungsklinik pro:woman im Rathaus. Haben Sie den bei Ihrem Gespräch beigelegt?
Häupl: Das ist ein Punkt, wo Kirche und Sozialdemokratie unterschiedlicher Auffassung sind. Aber: Es gibt ungefähr 130 Stellen, die Beratung ausüben, die den Frauen helfen. Denn fest steht, dass wir für die Fristenlösung sind.
Jazz Gitti: Woher nimmt die Kirche überhaupt das Recht, sich da einzumischen?
Häupl: Diese Diskussion gibt es seit 35 Jahren, und wir sind damit um einiges weitergekommen. Nicht umgehen kann ich damit, wenn ich deswegen von kleriko-faschistischen Truppen als Nazi-Massenmörder bezeichnet werde. Man muss schon darauf hinweisen, dass es Abtreibung auch gegeben hat, als sie strafbar war. Da soll man nicht heucheln.
Standard: Noch eine Frage zur Musik: Eine Ihrer Lieblingsbands ist The Clash, die singen: "Should I Stay or Should I Go?". Werden Sie sich am Wahlabend nächstes Jahr diese Frage stellen?
Häupl: Ich habe klassische Musik auch sehr gern, vornehmlich italienische Opern, The Clash charakterisiert sozusagen die Bandbreite. Diese Frage werde ich mir aber sicher nicht stellen.
Standard: The Clash singen weiter: "If I go there will be trouble, ifI stay it will be double."
Häupl: Das hat schon was.
Jazz Gitti: Ich glaube, als Bürgermeister von Wien kann man es sich nicht einfach machen. Das ist eine schwere Hackn.
Häupl: Schwer, aber schön.
Jazz Gitti: Wahrscheinlich, weil's so schöne Wiener Madln gibt. (Moderiert von Andrea Heigl, DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.9.2009)