Zdenka Becker über eine Begegnung mit Gordana K. im Flugzeug
Ihr Name war Gordana K., geboren 1931 in Dragaš im Kosovo, laut dem Reisedokument, das ich in den Händen hielt, war sie amerikanische Staatsbürgerin.
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Ich fliege nicht gern. Um ehrlich zu sein, leide ich unter Flugangst. Jedes Mal, wenn ich von einer längeren Reise nach Hause komme, schwöre ich mir, dass es das letzte Mal war, dass ich mich einer solchen Gefahr aussetzte. Nächtelang schleiche ich durch die Wohnung, bin über meinen Jetlag verärgert, lege mich nieder, stehe wieder auf, lese ein bisschen, lege mich wieder nieder, wälze mich im Bett, stehe wieder auf, trinke Tee, kann mit mir nichts anfangen. Und kaum bin ich über diesen unwürdigen Zustand hinweg, packt mich schon wieder die Reiselust, und ich überwinde meine Furcht und besteige nach ein paar Wochen oder Monaten einen Flieger, der mich weit weg bring.
Es gibt viele Methoden, wie man mit der Flugangst fertig werden kann: Manche Menschen nehmen Beruhigungs- oder Schlaftabletten, andere wiederum betrinken sich, ich traf auch solche, die meditieren, beten oder ein Kreuzworträtsel nach dem anderen lösen.
Ich rede gern.
Bei meinem letzten Flug von New York nach Wien sah ich im überfüllten Gang der Maschine schon von weitem, dass es diesmal vermutlich anders werden würde. Auf dem Platz 24A, meiner war 24B, saß eine alte Frau mit Kopftuch. Kopftuch heißt für mich nicht sprechen und nicht verstehen können. Keine meiner vier Sprachen ist mit der einer alten Kopftuchträgerin kompatibel.
Als ich endlich zu meinem Platz kam, begrüßte ich die Frau, deren geblumte Flanellbluse sich von der sportlichen Kleidung der übrigen Reisenden abhob. Ich tat es zuerst auf Englisch, dann auf Deutsch. Sie sagte kein Wort, dafür aber nickte und lächelte sie. Ich verstaute mein Handgepäck, steckte ein Buch und meine Brille ins Fach vor mir und setzte mich.
Die Maschine rollte aufs Feld, mein Herz raste wie wild. Der Kapitän meldete sich aus dem Cockpit und kündigte den Take-off an. Die Motoren heulten auf, das Flugzeug raste über die Startbahn, alle Teile der Inneneinrichtung klapperten und knarrten. Ein paar Reihen vor uns weinte ein Kind, es schrie und zappelte, seine Mutter konnte es kaum im Schoß halten. Als sich die Nase der Maschine hob und mein Herz im Hals steckte, spürte ich eine Hand auf meinem Schenkel. Ich öffnete die Augen und sah, dass es die Hand meiner Sitznachbarin war.
Sie beugte sich zu mir
Sie will mich trösten, dachte ich und sah sie dankbar an, doch in dem Moment erkannte ich, dass sie viel mehr Angst hatte als ich. Sie hielt sich an mir fest. Diese kleine Berührung, diese Wärme einer fremden Frau auf meinem Schenkel weckte in mir einen Beschützerinstinkt, sodass ich nicht nur keine Angst mehr hatte, sondern ihre Hand in die meine nahm und sie festhielt. "Es wird gleich vorbei sein" , sagte ich auf Deutsch und wiederholte es noch einmal auf Slowakisch in der Hoffnung, dass sie mich versteht.
Bei dem Klang der slawischen Worte, die ich zu ihr sagte, rührte sich irgendetwas in ihr. Sie beugte sich zu mir, sah mich an und sagte etwas in einer Sprache, die ich noch nie gehört hatte. Ich versuchte es noch einmal auf Slowakisch und Tschechisch, sie in ihrer Sprache, aber es ging nicht. Wir konnten miteinander nicht reden.
Die Maschine erreichte die Flughöhe, das Zeichen "Fasten Seat Belts" erlosch, einige Passagiere stürmten auf die Toiletten. Meine Sitznachbarin, die sich inzwischen beruhigt hatte, zog ihre Hand aus der meinen heraus und streichelte diesmal meinen Unterarm. "Nice" , sage sie. Ich lächelte.
Das weinende Kind wurde still, nach einigen Minuten schlief es vor Erschöpfung ein. Seine Mutter legte es vorsichtig auf den Sitz, sie selbst blieb daneben stehen. "Sie hat einen guten Job gemacht" , sagte eine blondgefärbte, sehr männlich wirkende Frau zu meiner Linken. Die Blonde hieß Milica, war 63 Jahre alt und Serbin, die nach dreizehn Jahren in den USA für immer nach Hause flog. Mit meiner Sitznachbarin sprach sie besonders liebevoll. Obwohl ich Serbokroatisch nur bruchstücksweise verstehe, bekam ich mit, dass sie ihr ihre Hilfe beim Umsteigen in Wien angeboten hatte.
Wer ist die Frau neben mir?
"Wer ist die Frau neben mir?", fragte ich Milica. "Sie ist eine Kosovo-Albanerin und lebt seit dem Krieg in New York." "Brooklyn", sagte die alte Frau mit Nachdruck. "Brooklyn." "Sie lebt in Brooklyn", bestätigte Milica, die in dem Moment von einer Flugbegleiterin aufgefordert wurde, sich geradezusetzen, um den Servierwagen durchfahren zu lassen.
Meine Sitznachbarin bückte sich zu der Tasche zu ihren Füßen und holte eine abgegriffene Plastikfolie heraus, aus der sie einen Reisepass herausnahm. Sie reichte mir das Dokument. Auf den ersten Blick sah ich, dass es ein amerikanischer Pass war. Die Alte deutete mir, in den Pass zu sehen. Auf die Art wollte sie sich mir vorstellen. Ihr Name war Gordana K., geboren 1931 in Dragaš im Kosovo, laut dem Reisedokument, das ich in den Händen hielt, war sie amerikanische Staatsbürgerin.
Wir begannen zu essen. Gordana griff als erstes nach der kleinen Milchpackung, die für den Kaffee gedacht war und zupfte mit ihren, von schwerer Arbeit unempfindlichen Fingern an der Folie herum. Endlich gelang es ihr, ein Loch in die Folie zu drücken. Sie legte den weißen Becher an ihre Lippen und trank die Milch aus. Dann spielte sie sich mit der Butter, die ähnlich wie die Milch verpackt war, und öffnete umständlich den kleinen Behälter. Den Inhalt löffelte sie mit dem Kaffeelöffel aus und verdrehte dabei genussvoll die Augen. Um sie nicht bei ihrem Essensritual zu stören, versuchte ich mich auf mein Essen zu konzentrieren, es gelang mir aber nur schwer.
Mein Blick schweifte ständig nach rechts, wo sich Ungewöhnliches abspielte. Gordana befreite ihren Teller von der Folie, griff nach einer Gabel und aß den Fisch. Die Beilagen, den Reis und den Spinat, ließ sie stehen. Als nächstes war die Nachspeise dran, ein Mousse au Chocolat, viel zu hell und viel zu kalt, aber meiner Nachbarin schmeckte es. Nach dem Essen putzte sie ihr Besteck mit der Serviette ab und verstaute es genauso wie die Kaffeetasse in den Tiefen ihrer Tasche, die zu ihren Füßen lag.
Als die Stewardess mit den warmen Getränken kam, schenkte sie mir Kaffee ein und bemerkte natürlich die fehlende Tasse auf Gordanas Tablett. Sie sagte nichts und ging weiter. Kaum sammelten die Flugbegleiterinnen nach dem Essen die Tablettes ein, drehte sich schon wieder Milica zu uns. Gordana erzählte ihr etwas, dann begann sie zu weinen.
Sie trug keine Schuhe
Was hat sie?" , fragte ich. "Sie ist traurig, weil sie ihre vier Kinder in Brooklyn zurückgelassen hat" , dolmetschte mir Milica. "Sie hat in Brooklyn vier Kinder?" , wunderte ich mich. "Ja, drei Söhne und eine Tochter. Und in ihrem Heimatdorf hat sie noch weitere zwei Töchter und einen Sohn." Milica wusste inzwischen Gordanas ganzen Lebenslauf. "Sie ist eine Goranin" , belehrte mich Milica. "Ihre Sprache ist Goranski. Aber mit mir spricht sie natürlich Serbisch. Goranski verstehe ich nicht. Gordana bückte sich und hantierte wieder mit ihrer Tasche herum. Ich sah, dass ihr Rock, oder war es eine Hose, eine ungewöhnliche Kreation war. Dunkelbrauner Stoff mit dünnen, hellen Streifen, plissiert, bodenlang und erst auf der Knöchelhöhe geteilt und um beide Gelenke eng gerafft. Sie trug keine Schuhe, ich sah sie unter dem Sitz neben den Socken liegen, ihre Füße waren nackt.
"Die Frau ist arm. Sie hat ein sehr schweres Leben" , sagte Milica. "In Amerika?" "Überall." "Brooklyn" , sagte die Alte. "Was ist in Brooklyn?" , fragte ich. "Sie hat drei wunderbare Söhne, sagte sie, aber drei böse Schwiegertöchter. Seit sie in Amerika leben, wollen sie mit der Tradition nichts zu tun haben. Sie bringen der Mutter nicht den Respekt entgegen, der ihr zusteht, und schieben sie alle zwei Monate ab. Ja, sie lebt bei jedem Sohn zwei Monate, und dann muss sie zum nächsten ziehen. Und dabei hat sie ihr eigenes Geld. Eine amerikanische Pension aus einem Sozialfond. 700 Dollar bekommt sie jeden Monat, und sie gibt sie demjenigen, bei dem sie gerade wohnt. Auch die Tochter ist brav, aber ihr Mann kann die Schwiegermutter nicht ausstehen; zu denen darf sie überhaupt nicht kommen. Jetzt haben sie sie für zwei Monate in den Kosovo geschickt."
Gordana nickte, dann kramte sie noch tiefer in ihrer Tasche und fischte ein blaues Kuvert mit Fotos heraus. Sie zeigte mir ihre Söhne und Enkelkinder und ein Bild, auf dem sie noch ganz jung war. Es fiel mir auf, dass sie die Fotos ihrer Töchter und Schwiegertöchter nicht bei sich hatte.
Der Flug war wieder unendlich lang. Ich konnte nicht mehr sitzen und nicht mehr reden, nicht einmal lesen. Ich spazierte im Gang herum. Endlich begann es heller zu werden. Die Flugbegleiterinnen verteilten feuchte, heiße Tücher, kurz danach servierten sie das Frühstück.
Als Nachspeise die Marmelade
Gordana zelebrierte es genauso wie das Abendessen: Als Aperitif die Milch, als Vorspeise die Butter, als Hauptgang den Käse, als Nachspeise die Marmelade. Den Schinken aß sie aus religiösen Gründen nicht, warum sie aber das Gebäck verweigerte, wusste ich nicht. Sie trank keinen Kaffee oder Tee, die Tasse und das Besteck verschwanden wieder in den Tiefen ihrer Tasche, sie genehmigte sich nur einen Becher Orangensaft, bei dessen Verpackung sie die Aluschutzfolie mit einer Gabel durchstach und aus den so entstandenen Löchern trank.
Während des Landeanflugs hielt sie meine Hand. Ich verabschiedete mich von Milica und gab auch Gordana die Hand. Sie führte sie an ihre Lippen und küsste sie.
(Zdenka Becker, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 12./13.09.2009)
Zur Person:
Zdenka Becker, geb. 1951 in Tschechien, wuchs auf in
Bratislava, studierte Dolmetsch und wurde 1975 österr. Staatsbürgerin.
Sie arbeitet seit 1986 literarisch. Gerade erschien ihr neuer Roman
"Taubenflug" (Picus-Verlag).