Zeitzeugen gesucht

26. März 2003, 12:37
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Geschichtsprojekt erforscht die Rolle der Roten Armee in Österreich 1945 bis 1955

Moskau - Der österreichische Historiker Stefan Karner will die russische Besatzungszeit in Österreich bringen genauer erforschen. Bei einer Pressekonferenz in Moskau beschrieb Karner das wissenschaftliche Projekt "Die Rote Armee in Österreich 1945-1955", dem seit dem vergangenen Jahr ein österreichisch-russisches Forscherteam arbeitet. "Junge Österreicher erinnern sich oft nicht, unter welchen verheerenden, ja fatalen Bedingungen ihre Vorfahren die Zweite Republik aufgebaut haben, sie wissen oft nicht, welche die Fundamente der jüngeren Geschichte Österreichs sind", so Karner.

Die Wissenschafter des Projekts kommen vom Grazer Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, dessen Leiter Karner ist, sowie - russischerseits - von der Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität (RGGU) und vom Institut für Militärgeschichte des Verteidigungsministeriums.

"Weißer Fleck"

Karner: "In Österreich und Deutschland ist bereits viel Material über die amerikanischen, britischen und französischen Besatzungsmächte sowie deren Zusammenleben mit den damaligen österreichischen Staatsbürgern gesammelt und veröffentlicht worden. Doch leider wurden bisher die zehn Jahre russischer Besatzungszeit bei uns als weißer Fleck in der Geschichte der Zweiten Republik gesehen."

"Über russische Medien wollen wir möglichst viele Rotarmisten sowie deren Familienangehörige erreichen", sagte Barbara Stelzl-Marx, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin des Boltzmann-Institutes, die zur Zeit in Moskauer Archiven über dieses Thema forscht. "Wir haben vor, diese Zeitzeugen zu interviewen und sie zu ersuchen, uns einschlägiges Dokumentationsmaterial, zum Beispiel Fotografien, nach Österreich zu senden", so die Historikerin.

Forschungsmethodik

Auf der Basis in erster Linie von Archivmaterial und oral history-Methoden werden also zum ersten Mal die sowjetische Zone in Österreich, alle Umstände der Befreiung, die militärische Verwaltung und die Wege zum österreichischen Staatsvertrag untersucht.

Die Früchte drei Jahre währender wissenschaftlicher Bemühungen sollen im Jahre 2005 geerntet werden, 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und 50 Jahre nach Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages. Für dieses Jubiläumsjahr ist geplant, einen dreibändigen Sammelband zum Projekt herauszugeben, wobei Teil eins Dokumentationscharakter hat, Teil zwei Zeitzeugen-Berichte enthält und Teil drei wissenschaftlich-analytischer Natur ist.

Geplante Veranstaltungen

Zudem sind für die nächsten beiden Jahre zwei einschlägige wissenschaftliche Konferenzen geplant: Im Mai 2004 soll ein Symposium in Moskau über die Bühne gehen. Die große Schlusskonferenz, in dessen Rahmen auch die Veröffentlichung des Sammelbandes beabsichtigt ist, wird im Mai 2005 in Wien stattfinden.(APA)

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