Thema Vorsorge

Ausgebrannter Mediziner

Regina Philipp, 14. September 2009 16:25

Das Burnout-Risiko unter Ärzten steigt ungebrochen - Medical Coaching soll Lösungen bringen

Das Berufsbild Arzt genießt in Österreich nach wie vor ein besonderes Ansehen und nährt sich dabei aus den bekannten Klischees. Hohes Einkommen und das Glück berufen zu sein machen Arztsein zum immerwährenden Traumberuf. Die Burnoutprävalenz in dieser Berufsgruppe zeigt ein völlig anderes Bild: Verglichen mit dem Rest der arbeitenden Bevölkerung sind Ärzte dreimal so häufig vom Burnout betroffen. Konkret liegt die Rate in westlichen Ländern bei knappen 20 Prozent, die Hälfte aller Mediziner ist zumindest gefährdet. Tendenz: weiter steigend.

„Die ärztliche Arbeitssituation charakterisiert sich durch den Terminus: high demand, low influence", berichtet Wolfgang Lalouschek, Facharzt für Neurologie und zugleich Systemischer Coach. Hohe Anforderungen auf der einen Seite mit dem subjektiven Gefühl wenig Einfluss auf die belastenden Arbeitsbedingungen und das System zu besitzen prädisponieren eine fatale Entwicklung: Ärzte bekommen über kurz oder lang Zweifel an ihrer eigenen Kompetenz, fühlen sich zunehmend ausgelaugt und begegnen Patienten irgendwann mit Ablehnung bis hin zum Zynismus. Die Maslach Burnout Inventory Skala fasst diese Symptome unter den Begriffen reduzierte persönliche Leistungsfähigkeit, Depersonalisation und emotionale Erschöpfung zusammen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Lalouschek sind die Rahmenbedingungen in Spitälern bestens vertraut. Als Neurologe sah auch er sich mit achtzig-Stunden Wochen, der Ausübung nichtärztlicher Tätigkeiten, und vielen entscheidungsträchtigen Situationen, permanent konfrontiert. Um sich selbst und anderen zu helfen begann er 2004 seine Ausbildung zum Systemischen Coach, drei Jahre später folgte die Gründung von Medical Coaching, ein Kompetenzzentrum, das Menschen in medizinischen Berufen Unterstützung anbietet.

Wer sich von Lalouschek coachen lässt, sucht nicht nach den Ursachen diverser Befindlichkeiten und verlangt auch nach keiner Psychotherapie. Coachees wollen Hilfe zur Selbsthilfe und das möglichst rasch. Lösungs- und zielorientierte Beratung, auch im präventiven Sinn, hat der Coach anzubieten und stellt dabei eine einfache Frage immer in den Vordergrund: Was will der Betroffene selbst?

Hochrisikogruppe Intensivmediziner

Eine kleine Frage mit nur einer logischen Antwort: Den eigenen Beruf als sinnvoll erleben. Unter Intensivmedizinern, ein wie es scheint schwer erreichbares Ziel, führt doch ihre Arbeitssituation in einem besonderen Maß zu Frustrationen. „Anästhesisten bekommen vom System und von den Patienten praktisch keine Anerkennung, weil sie die Patienten nach der Operation entweder gar nicht mehr sehen oder die Patienten die Intensivstation verlassen, sobald sie nicht mehr in akuter Lebensgefahr schweben", weiß Lalouschek und sah hier besonders dringenden Handlungsbedarf. 2008 hat er deshalb das Pilotprojekt „Burnout auf Intensivstationen" initiiert und auf diese Weise Intensivmedizinern und intensivmedizinischem Pflegepersonal neue Möglichkeiten zur Verbesserung ihrer Lage eröffnet.

Was die Intensivmedizin abseits der fehlenden Anerkennung noch von anderen medizinischen Fachgebieten unterscheidet: Extremsituationen gehören zum täglichen Brot und dennoch ist nicht jeder Intensivmediziner automatisch auch burnoutgefährdet. „Besonders gefährdet sind beispielsweise Menschen die glauben Anerkennung nur durch Leistung zu bekommen", kommt Lalouschek auf die individuellen Aspekte einer Burnoutdisposition zu sprechen. Frauen sind dabei häufig in diesem Verhaltensmuster verhaftet. Ihre besondere Fähigkeit zur Empathie erklärt auch warum die emotionale Erschöpfung hier häufig das Hauptthema ist.

Mann dagegen hat von klein auf gelernt keine Schwäche zu zeigen. Seine Schwelle zuzugeben, dass es Probleme gibt, ist daher wesentlich höher als bei der Frau und seine Tendenz zur fight or flight Reaktion groß. Eine vermeintliche Flucht, die nicht selten in einer Sucht endet. Der chronische Alkoholkonsum ist bekannt häufig mit Burnout assoziiert.

Grenzen setzen

Ob der Arzt in seinem Beruf also Zufriedenheit findet, hängt von einer ganzen Reihe von Faktoren ab. Entscheidend ist aber, besitzt er die Fähigkeit über sich selbst zu bestimmen? Wer als Spitalsarzt nicht die Kontrolle über den eigenen Einsatz behält, der gerät irgendwann unter die Räder, darf er doch jederzeit mit zusätzlichen Nachtdiensten und andere Extraaufgaben rechnen.

Der Coach kann helfen die eigenen Grenzen klarer zu definieren und damit Entscheidungsspielräume zu vergrößern bis für Mediziner wie Patienten im Grunde das gleiche gilt: Schonung, Ruhe und Entlastung bilden die Grundlage jeder Form von Regeneration. (Regina Philipp, derStandard.at, 14.09.2009)

Kommentar posten
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khb
01.10.2009 09:15
Wird aber auch höchste Zeit, dass auf diesem Gebiet Lösungen oder zumindest Lösungsversuche angeboten werden!

Da ich weiß, wie leistungsfähig ich nach 10 Stunden ich noch bin, kann ich mir ausrechnen, wie es mit Ärtzen ist, die 30-Stunden-Schichten haben. Und die die ganze Zeit kaum Flüssigkeit zu sich nehmen (außer um Aufputschmittel zu schlucken), nur um ja nicht die Operation für einen Gang zum WC unterbrechen zu müssen.
Solchen Medizinern ausgeliefert zu sein, kann - leider! - kaum Hoffnung auf Heilung machen.
Dafür brauchen wir aber gute Mediziner: konzentriert, motiviert, ausgeruht und kompetent.

Wolfgang Lalouschek
15.09.2009 20:01
menschliche Medizin, Coaching

Coaching soll und kann nicht helfen, unmenschliche Arbeitszeiten ungeschehen zu machen. Zu lange Arbeitszeiten, Unfairness bis zum Mobbing, fehlende Wertschätzung, Machtspiele in Chefetagen sollen hier nicht verniedlicht werden. Coaching als ziel-und lösungsorientierte Beratung kann aber sehr wohl helfen, dass KollegInnen die Möglichkeiten und Schritte für den eigenen Weg auch unter schwierigen Bedingungen finden können ohne am System zu verzweifeln oder in Zynismus zu verfallen. PS: Genau die von manchen Postern genannten Bedingungen waren es ja auch, die mich bewegt haben, zu versuchen einen Beitrag zur Verbesserung zu leisten. Für Alle, die trotz widriger Bedingungen gute Medizin leisten wollen oder an Veränderungen mitwirken wollen.

witchdoctor
15.09.2009 20:21
Coaching versus Kurzintervention/Verhaltenstherapie

Sehr geehrter Kollege,
Mich würde interessieren, welchen Ansatz Sie für Ihr Coaching verwenden. Als Medizinerin mit psychosomatischer Ausbildung bei Univ. Prof. Dr. Gathmann, der sich sehr viel mit Burn out unter Medizinern beschäftigt, sind mir auf Ihrer Website zuviele "Coaches" mit eher wirtschaftlichem Background aufgefallen. Personenzentrierte Kurzintervention oder einige Sitzungen Verhaltenstherapie im Stile Watzlawick's erscheinen mir als angemessenste Alternative. Und bei wirklichem Burn out braucht es vor allem Zeit, um zu lernen, sich selbst wieder zu spüren. Das muss allerdings langsam gelernt werden, hab selber etliche Burn out PatientInnen betreut. Als Prävention kann Coaching ja funktionieren, im Vollbild reicht es mM nicht.

meine meinung9
15.09.2009 15:30
braucht Lalouschek Geld?

Mir kamen fast die Tränen. Arzt zu sein bzw Menschen, die krank sind zu heilen, ist sicherlich Berufung und dient eben nicht dazu, sich teure Autos oder viele Frauen leisten zu können. Das Problem ist, das falsche Motiv, das dahinter steckt, diesen Beruf auszuüben. Es gibt ganz wenige, die fachkomptent sind, Verantwortung übernehmen und wirkliche HelferInnen sind. Die meisten sind triefend eitel und dies wird von der Gesellschaft auch noch unterstützt. Ich meine, es gibt Menschen in unserem Land, die wesentlich schlechter bezahlt sind und die in ihrem Job sehr vieles leisten.

Caroline P.
 
16.09.2009 16:47
Ganz schlechter Stil, anderen Berufsgruppen

pauschal Eitelkeit und Inkompetenz zu unterstellen, wenn man selbst nicht gerade ein leuchtendes Vorbild in Empathie und Wertschätzung ist.

ministry
16.09.2009 01:11

sie haben aber so überhaupt keine ahnung.....machen sie mal 49 stunden durchgehend dienst.....wenn wir arbeiten stehen sie höchstens in einer bar un nippen an ihrem drink. 27.7 euro brutto für die stunde in der nacht? super gehalt.....wenn man einen halbtoten zusammenflickt!

T-Minus1
22.09.2009 09:45
Bewusst

Ihr Selbstmitleid ist nicht nachvollziehbar spiegelt aber non verbal einiges wider. Sie sprechen von mannigfaltigen Leistungen, von schlechter Bezahlung und Arbeitbedingung (Ü.Std.). All diese Kriterien sind jeden angehenden Mediziner vorab bekannt. Es ist daher wohl eher (oder grundsätzlich) das eigene Karrierestreben im Sinne eines sozialen und gesell schaftl Status, (man könnte auch Futterneid dazu sagen) innerhalb der medizinischen Hirarchie, der zum Burnout führt, den tatsächlicher Dienst.

tarantoga
16.09.2009 10:01
hm. ich glaube mittlerweile verstehe ich das ganze, ist das so:

a.) irgendwie hat sich die tradition der langen schichten "eingeschlichen". evtl. weil man so etwas früher (!) halt nur 1-2 x pro monat gemacht hat. Was man ja als junger arzt eigentlich für 1-2 jahre mal ganz gut "verpacken" kann.

b.) die KH und das gesundheitssystem werden totgespart. (warum eigentlich, obwohl jeder brav seine taler einzahlt?)
Die leute werden zu alt und werden zwischen 80 und 100 extrem "teuer" (sorry für unmenschliches gedankengut)? Die pharmaindustrie? Doch ein paar leute mit hochlohn?

c.) da aber 1400 Euro (49hx28 Euro) am wochenende dazu verdient eigentlich ganz cool ist, bleibts dabei? Mit glück kann man die nächte eh schlafen?

d.) Angstfrage: Sind die Medzinier echt 49h am stück wach und operieren so dann noch?

T-Minus1
22.09.2009 10:00
49 Std. wach ......

..... wurde im Strassenverkehr definitiv fahruntauglich bedeuten. Von OP-tauglich gar nicht zu sprechen. Unter diesen wie ich meine, vielfach hausgemachten Bedingungen, ist der Patient nur noch Mittel zum Zweck. Und was die Nachtdienste grundsätzl. anbelangt so werden Diese , was den Stressfacktor anbelangt, von Ausnahmen abgesehen, viel zu oft viel zu hoch bewertet.


fluchtpunkt
17.09.2009 11:24

ad a) Früher hat man das noch wesentlich häufiger als heute gemacht, manchmal auch jeden zweiten Tag.

ad c) Für einen Dienst mit dreißig Stunden kriege ich etwa 90 Euro netto.

ad d) Manchmal ja. In der Regel kriegt man pro Nacht ca. 2-5 Stunden Schlaf. Kommt aber stark auf die Abteilung an.

tarantoga
17.09.2009 16:08
hallo, danke für die antwort. ich finde es als externer wirklich interessant, da mal einblick zu nehmen!

aber, moment. sie bekommen für 30 stunden nur 90 euro oder 90 euro PRO stunde?

bei 90 euro für alle stunden zusammen, würde ich beim nächsten medizinischen notfall noch versuchen vorher eine flasche wein als dank für die mediziner aufzutreiben.... ;-)

wär ja arg! oder habe ich das jetzt nur falsch verstanden?

also unser klempner nimmt 65 euro + steuer.

Das wahre goldene handwerk? ;-)

fluchtpunkt
17.09.2009 17:21

Die Zeit von 7-15h zählt zur regulären Arbeitszeit, 15-21h zählen als Überstunden (die nur in Paketen ausgezahlt werden, d.h. ca. für jeden 20er Sprung gibts ca. 120-200 Euro brutto), 21-7h dann insgesamt die 90 Euro und ab 7h wieder die reguläre Arbeitszeit des nächsten Tages, ab 12h dann heimgehen auf Zeitausgleich.

tarantoga
17.09.2009 19:02
vielen dank für die antwort!

wow, das ist ja WENIG!

Ich glaube ab jetzt wächst mein respekt vor wochenenddiensten schon SEHR an!

Darf ich noch fragen, für welche Tätigkeit/Position diese Gehaltsklasse gilt? also in ungefähr?

Walter Fenz
16.09.2009 08:15
Selber schuld, wenn man 49 Stunden

am Stück völlig ILLEGAL Dienst tut - entweder kündigen, gegen Arbeitgeber klagen oder ab ins Ausland. Diese Weinerlichkeit ist nicht auszuhalten !

sokrates
16.09.2009 20:56
Selber schuld, wenn man 49 Stunden am Stück postet

völlig LEGAL - entweder kündigen, gegen Standard klagen oder ab ins Ausland. Diese Weinerlichkeit ist nicht auszuhalten !

Ain't got no how watchamacallit
16.09.2009 16:36

s.g. herr kollege fenz! ich habe familie, freunde und gefallen am leben in wien, ausserdem rechnungen zu bezahlen und sehe es nicht ein weshalb ich mich von einem fehlerhaftem und absolut verbesserungsbedürftigen system dessen teil ich bin dazu zwingen lassen sollte dies alles hinter mir zu lassen

Walter Fenz
16.09.2009 18:02
Erlernte Hilflsoigkeit ist

auch Hilflosigkeit - wie erbärmlich !

tarantoga
17.09.2009 08:29
vielleicht sollten die ärzte sich nicht von irgendwelchen "burn-out"-"spezies" coachen lassen, sondern von ein paar IG Metall und Bergbau Gewerkschaftern aus dem Ruhrgebiet ;-)

das wäre sicher günstiger und würde auch am ehesten zu ergebnissen führen.

so, laiendiagnose erstellt ;-).

sorry, liebe ärzte, meine das nicht ungut.
Aber es ist wirklich seltsam, warum das ganze so vor sich geht. ich will bitte NIE von jemandem operiert werden, der seit 40 stunden nicht richtig geschlafen hat und in einem bunker a la akh ist, ohne tageslicht etc. muss ja völlig kirre machen!

Ich glaube es wäre für ALLE beteiligten, und JA - die ärzte tun mir leid - besser, wenn dem NICHT mehr so wäre.

Da sollte doch mal was zu machen sein, oder?

Es kann nicht sein, dass es ein hochentwickeltes gesundheitssystem gibt und dann sind die "ausführenden" völlig fertig und beinträchtigt in ihrem handeln!

Hippokrates eid ad absurdum.

Club-der-dichten-Toten
15.09.2009 22:30

Genau.
In Sack und Asche mit den Ärzten, wozu brauchen ddie überhaupt einen Lohn oder Geld, sollen sie doch wie Einsiedler oder Mönche im Krankenhaus leben, ab und zu ein paar Brotkrumen und einen Schluck Wasser be- und ansonsten ihrer Berufung, dem Heilen von Menschen nachkommen.

Mann, mann.
Wie kann man in einem Posting so viel Unsinn schreiben...

Walter Fenz
16.09.2009 08:18
Komisch nur, daß die Ärzteschaft

als Berufsgruppe möglichst viel Anerkennung und Kohle dafür möchte, Patienten behandeln zu können, bei den einfachsten Dingen (dem eigenen Wohlergehen und den eigenen Arbeitsbedingungen, die natürlich auch auf die Pat. rückwirken) jedoch kläglich versagt.

Sind eben meist nur Heißluftballonbetreiber.

der kleine nick
15.09.2009 17:17
....was sollen ...

... solche verallgemeinernden Vorurteile?

Du disqualifizierst Dich selbst!

dkn

hot doc
15.09.2009 17:14

abgesehen davon, dass ich ihre these, wir müssten alle ein armutsgelübde ablegen, weil man uns nur dann idealismus zuschreiben kann, ablehne:

sehen sie sich ordensangehörige an. oder auch weltpriester. jede menge burn-out, und für die war von anfang an klar, dass sie ihr leben in bescheidenheit verbringen werden.

wenn sie sich ins thema burn-out einlesen, wird ihnen schnell klar, dass davon gerade die idealistischen, die motivierten menschen bedroht sind. nicht jene, die von den finanziellen möglichkeiten ihres berufs enttäuscht sind.

Walter Fenz
16.09.2009 08:19
These für Ordensleute bitte

belegen - und nicht schon wieder Märchen erzählen.

hot doc
16.09.2009 15:24

erzählens lieber von ihrem burn-out, und lassens mich endlich in frieden.

Walter Fenz
16.09.2009 18:03
Märchen, Märchen, Märchen -

warum nennt sich die Ärztekammarilla eigentlich nicht "Zu den Gebridern Grimm" ?

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