Neill Blomkamps "District 9" macht aus gebrauchten Genreelementen ein originelles neues Stück Science-Fiction - mit Video
Wien - Kaum sitzen wir im Kino, schon sind wir mittendrin: "District 9" gibt von Beginn an ein rasantes Tempo und eine Atmosphäre der Getriebenheit vor. Auf visueller Ebene sorgen eine wendige Kamera und die entsprechende Montage dafür. Dramaturgisch heizt der Film die Spannung dadurch an, dass von verschiedenen Talking Heads rückblickend Expertisen zu Ereignissen abgegeben werden, deren Eintritt fürs Kinopublikum noch aussteht. Was wissen sie, das wir nicht wissen?
Am Beginn jener gigantischen Rückblende, die uns darüber allmählich aufklären wird, steht eine überraschende Beförderung: Der Büroangestellte, der zuerst in Manier der TV-Serie The Office eine etwas lächerliche Figur vor der Kamera eines Filmteams abgibt, wird zum Leiter einer Operation bestimmt, die ihn und seine Mitarbeiter direkt auf das Terrain führt, das dem Film seinen Titel gibt: Im District 9 hat man jene Gestrandeten aus dem Weltraum angesiedelt und eingezäunt, die vor zwanzig Jahren plötzlich in einem Raumschiff über der Stadt Johannesburg aufgetaucht waren: aufrecht gehende Lebewesen, deren Panzerung und Kopf an Schalentiere erinnern und die man deshalb abfällig als "prawns" bezeichnet.
Aus dem Ghetto Nummer neun, in dem sie aktuell hausen, will man sie nun entfernen. Wikus van der Merve (Sharlto Copley) hat die erfolgreiche Zustellung der Räumungsbescheide zu verantworten. Der hochgerüstete Begleitschutz kann zwar herkömmliche Attacken abwehren. Als Wikus jedoch einen eigentümlichen Behälter findet und in Folge eine Ladung schwarzer Flüssigkeit mitten ins Gesicht bekommt, hat das schnell Folgen ungeahnten Ausmaßes.
Spiel mit Vorhandenem
Der Film operiert auf allen Ebenen geschickt mit Vorhandenem - und er kann vielleicht auch deshalb auf eine große Heldenerzählung verzichten, weil er andere Identifikationsangebote macht: "District 9" hat sich Stilistiken von Doku-Formaten und Ballerspielen produktiv angeeignet. Und eben- so Versatzstücke dystopischer Science-Fiction vom Body Horror bis zu Alien-Invasions-Szenarien. Nicht zuletzt schimmern fortwährend Anspielungen auf die (gegenwärtige) äußere Realität durch: Nicht nur die allmähliche Ablöse staatlicher Institutionen durch Privatunternehmen (die Superpolizei namens "Multi-National United", MNU, für die Wikus tätig ist) oder jenes Phasenmodell schleichender Stigmatisierung, Segregation und gezielter Vernichtung der "Anderen", welches die menschliche Bevölkerung an den Außerirdischen durchexeziert, kommen einem recht bekannt vor.
Zugleich hat man schon länger keinen so buchstäblich rohen Zukunftsentwurf mehr gesehen: Man wird mehr mit Fleisch und Blut konfrontiert als mit High-Tech und blitzblanken Oberflächen. Und offenbar reicht dieses kluge Spiel mit Bezügen in einer eigenwilligen Neufassung völlig aus, um ein Publikum anzusprechen.
Der Film hat keinen Star auf der Besetzungsliste, einzig Produzent Peter Jackson hat seit "Herr der Ringe" einen vermarktbaren Namen. Trotzdem platzierte sich das Spielfilmdebüt des gebürtigen Südafrikaners Neill Blomkamp (und seiner Ko-Autorin Terri Tatchell) beim US-Start Mitte August an der Spitze der Box-Office-Charts. Bis dato hat die 30-Millionen-Dollar-Produktion weltweit bereits rund 118 Millionen eingespielt. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.9.2009)