Gründer "moot": Bild-Postingboard trägt "Stigma", war aber Ursuppe für viele Ideen - "Enttäuschend", dass andere damit dann Geld machen
Er ist keiner jener Start-up-Stars, die im grellen Licht der Öffentlichkeit eine gute Idee für eine Online-Plattform rasch in ein paar Millionen Dollar verwandeln. Und doch hat er mit dem teil-anonymen Bild-Postingboard "4chan" jene einflussreiche Internet-Ursuppe geschaffen, aus der ein wichtiger Teil der speziellen Online-Kultur geboren wurde. Eigentlich ist es ihm immer noch lieber, wenn man ihn mit seinem Boardnamen "moot" anspricht, sagt der Gründer von "4chan" im APA-Gespräch, auch wenn das "Wall Street Journal" ihn 2008 als Christopher Poole geoutet hat (obwohl immer noch unklar ist, ob das sein richtiger Name ist). Beim "paraflows"-Festival spricht der 21-jährige "moot" am Samstag in Wien.
Extremistische Propaganda, Bombendrohungen, Pornobilder werden im anonymen Teil der Website hemmungslos gepostet
"4chan" gestattet tiefe Einblicke in die menschliche Gedankenwelt - mit Betonung auf "tief". Extremistische Propaganda, Bombendrohungen, Pornobilder werden im anonymen Teil der Website hemmungslos gepostet. Aber in diesen unhygienischen Geisteszuständen entstehen hin und wieder dann doch kreative Ideen, die sich rasend schnell weltweit verbreiten. Etwa die "Lolcats", süße Katzenbilder mit Sätzen in eigentümlichem Englisch. Oder auch das "Rickrolling", das Hereinlegen Nichtsahnender mit einem Link auf ein Video des 80er-Popsängers Rick Astley. Diese Form der ansteckenden Gedanken oder Ideen, die sich wie ein Virus um die Welt verbreiten, nennen der Web-Jargon und die Wissenschaft "Meme" - und "4chan" ist "die ideale Umgebung dafür, dass ein Meme entsteht", sagt "moot".
Offen
Denn einerseits ist "4chan", dass aus mehreren unterschiedlichen Bereichen besteht, deren virulentester völlig anonym ist, "total offen", sagt "moot". Und "die Webseite hat kein Gedächtnis. Alles fällt nach wenigen Stunden wieder heraus. Wenn sich etwas also ein paar Tage lang halten soll, müssen die Menschen es erneut posten. Und das passiert meistens bei jenen Ideen, die gut sind." "4chan" agiere so wie "ein Filter für gute Ideen". Und "schlechter Inhalt wird einfach rausgewaschen", sagt der Betreiber, der viel Wert auf seine Privatsphäre legt und den "das Scheinwerferlicht nicht interessiert. Ich führe ein gesundes Leben außerhalb des Internet."
Jene "Memes", die es dann aus der Ursuppe "4chan" gleichsam in die "Welt" des World Wide Web schaffen, "müssen von mehreren Menschen lustig oder spannend gefunden werden, sonst versickert das." Zwar könne man versuchen, "Memes" künstlich zu erschaffen. "Viele Marketing-Unternehmen probieren das, eine Hand voll davon auch mit Erfolg. Aber es kann auch total daneben gehen." Auch "moot" selbst wisse nicht immer, welche Ideen sich durchsetzen werden. "Ich habe da keine Superkräfte. Vielleicht habe ich ein bisschen ein besseres Auge, weil ich die Webseite seit dem ersten Tag verfolge." "4chan" trage aber wegen der zweifelhaften Inhalte ein "Stigma", das "immer stärker ist als das Positive, das die Seite geschaffen hat." Aber "moot" kann "dagegen nicht viel machen. Es ist selbst-moderiert. Wenn Menschen die Regeln brechen, dann ist das eben der Preis, den man bezahlt. Wenn man einem Typen einen Hammer gibt, macht er mit guter Wahrscheinlichkeit etwas kaputt. Das ist ein Problem der Menschen, das nicht nur '4chan' oder das Internet betrifft."
Es ist schwer, aus "4chan" Geld zu lukrieren
Im Vergleich mit den Gründern von u.a. "Myspace" oder "Facebook" steht "moot" aber vor einem Problem: Es ist schwer, aus "4chan" Geld zu lukrieren. "Die Seite trägt sich selbst, aber sie wirft nicht genug Geld ab, um mich zu versorgen", sagt "moot". Zugleich machen aber andere Menschen Geld mit jenen Ideen, die auf "4chan" entstehen. Ist das nicht frustrierend? "Ja und nein. Als ich damit angefangen habe, hatte ich nicht vor, damit Geld zu machen. Also sehe ich alles, was reinkommt, als Bonus. Aber natürlich gibt es viele Menschen, die damit Millionen US-Dollar gemacht haben. Das ist schon ein wenig enttäuschend." "moot" hat sich eine ganz eigene, durchaus ironische Strategie geschaffen: Er erwähnt in jedem seiner seltenen Interviews Rupert Murdoch, dessen Unternehmen die Plattform "Myspace" für 580 Mio. Dollar gekauft hat, bis sich Murdoch eines Tages auch dazu entschließt, "4chan" zu kaufen. "Rupert, gib mir 580 Mio. Dollar", grinst "moot". "Okay, das ist natürlich nur ein Witz."
Am 1. Oktober wird "4chan" sechs Jahre alt, sagt "moot". "Ich habe das also mehr als mein Viertel meines Lebens betrieben. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich davon einmal eine Pause brauche und die Community sich selbst verwaltet." Klingt ja fast nach einer Beziehungskrise? "Ja", lacht "moot". "Bald muss ich wohl sagen: Schatz, es liegt nicht an dir, aber vielleicht wird es Zeit, dass wir andere Menschen kennenlernen." (APA)