In meisten Fällen verläuft Influenza mild - Bei manchen kommt es zu schweren Lungeninfektionen, schlimmer als bei der saisonalen Influenza
London - "In den meisten Fällen verläuft die A(H1N1)-Influenza mild. Doch ein kleiner Teil der Patienten erkrankt 'spektakulär' schwer", diese Warnung sprach am Montag der kanadische Experte Anand Kumar (Universität von Manitoba) bei einer Pressekonferenz des Pharmakonzerns Roche in Basel aus. Jetzt gibt es eine Erklärung für die teilweise sehr schweren Krankheitsverläufe: Die neuen A(H1N1)-Viren binden offenbar auch an Rezeptoren ganz tief in der Lunge, was die Krankheit in diesem Fall gefährlicher macht.
Schwere Lungeninfektionen
Die Ergebnisse einer entsprechenden Studie werden am Donnerstag online von Wissenschaftern des Imperial College in London in der Fachzeitschrift "Nature Biotechnology" veröffentlicht. Ten Feizi, Autor der wissenschaftlichen Arbeit: "Die meisten Leute, die sich bisher mit dem Schweinegrippe-Virus während der derzeitigen Pandemie infiziert haben, haben nur milde Symptome gehabt. Aber bei manchen kam es zu schweren Lungeninfektionen, die jedenfalls schlimmer sind als bei der saisonalen Influenza."
Unterschiedliche Rezeptor-Bindundung
Die Wissenschafter untersuchten die Bindungsfähigkeit von saisonalen A(H1N1-Viren) und von A(H1N1)-Viren des Schweinegrippe-Stammes an verschiedenen Geweben von Frettchen, Mäusen und Primaten. Sie dienen seit langem als Tiermodelle für das Studium der Influenza: Während die "normalen" H1N1-Viren vor allem an Rezeptoren der oberen Atemwege (Nase, Rachen etc.) andockten und dort in das Gewebe eindrangen, um die Zellen auf Virusproduktion umzupolen und sich so zu vermehren, können die neuen Schweinegrippe-Viren offenbar besser eine andere Variante der Rezeptoren in den tiefen Atemwegen (Lunge) für das Eindringen in den Körper benutzen.
Feizi: "Diese Unterschiede bei der Rezeptor-Bindung zwischen den Pandemie- und den saisonalen Influenza-Viren können zumindest zum Teil die größere Vermehrungskapazität und die schwereren Verlaufsformen bei Frettchen, Mäusen und Primaten erklären, die bei der Infektion mit dem Pandemie-Virus auftritt."
Früherkennung wichtig
Der direkte virale Schaden in den Lungen bei einer schweren Infektion
mit H1N1 steht im Gegensatz zu SARS und der Vogelgrippe, wo es zu einer
unkontrollierten Immunreaktion im ganzen Körper kommt, betonte Kwok
Yung Yuen von der University of Hong Kong. Daher sei die frühe
Unterdrückung von H1N1 mit entsprechenden Medikamenten von
entscheidender Bedeutung. Dafür sei es jedoch erforderlich, dass
Erkrankungen rasch festgestellt werden.
Krankheitserscheinungen wie bei Spanischer Grippe
Kumar hatte in Winnipeg in Kanada Ende April dieses Jahres bei den schwerstkranken Influenza-Infizierten folgende Beobachtungen gemacht: "Die Patienten waren jung, im Durchschnitt um die 40. Nur wenige waren über 55 Jahre alt, zwei Drittel davon Frauen. Im Röntgen zeigten sich schwere Veränderungen der Lunge. In Gewebeproben unter dem Mikroskop ähneln sie ganz genau den Krankheitserscheinungen der Influenza-Pandemie von 1958 und jener von 1918 (Spanische Grippe, Anm.)." Man benötige wochenlange Beatmung mit modernen Methoden, die Intensivstationen müssten daher entsprechend darauf vorbereitet werden, so der Experte. (APA/pte)