Zensurskandal um ausgeladene exilchinesische Schriftsteller: Dai Qing kommt dennoch
Frankfurt - Trotz der
Wirtschaftskrise rechnet die Frankfurter Buchmesse mit über 7000 Ausstellern aus
100 Ländern. An der Spitze liegt Deutschland (über 3000 Anbietern), gefolgt von
den USA und Großbritannien. Rückgänge gibt es bei den Anbietern aus Osteuropa.
Ehrengast der Messe (14. bis 18.10.) ist China, das wegen der Ausladung zweier
regierungskritischer Autoren, die nicht an einem China-Symposium an diesem
Wochenende in Frankfurt teilnehmen dürfen, bereits für erheblichen Wirbel
gesorgt hat - DER STANDARD berichtete.
Visum für Dai Qing
Ungeachtet der Boykottdrohung der chinesischen
Seite wird die kritische Autorin Dai Qing doch an einem Symposium an
diesem Wochenende in Frankfurt teilnehmen. Statt der Organisatoren
der Buchmesse, die mit ihrer Ausladung an die Autorin auf die
chinesische Seite Rücksicht nehmen wollten, machte das deutsche PEN-Zentrum die Reise der prominenten Aktivistin nach Frankfurt mit einer
Einladung möglich.
Unter massivem chinesischen Druck haben die
Organisatoren allerdings auch den exilchinesischen Schriftsteller Bei
Ling von dem Treffen über "China und die Welt - Wahrnehmung und
Wirklichkeit" ausgeladen. China ist vom 14. bis 18. Oktober das
Gastland auf der diesjährigen Buchmesse.
"Ich habe gerade das Visum bekommen", sagte Dai Qing am Donnerstag in Peking. In welcher Form
die Autorin an dem Symposium teilnehmen wird, blieb offen. "Wenn die
Organisatoren glauben, ich eigne mich nicht als Vortragende, nehme
ich aktiv in den Diskussionen teil und stelle meine Fragen." Das Auswärtige Amt in Berlin begrüßte die Vergabe des Visums durch
die Botschaft in Peking. "Wir freuen uns, dass Dai Qing an dem
Treffen teilnehmen kann", sagte eine Sprecherin. "Mit meiner kleinen
Aktion will ich meiner Regierung beibringen, nicht willkürlich zu
handeln", sagte Dai Qing.
Bei Ling bleibt ausgeladen
Die Organisatoren der Frankfurter Buchmesse hatten ähnlich wie Dai
Qing auch den in den USA im Exil lebenden Schriftsteller und Verleger
Bei Ling ausgeladen. Projektleiter Peter Ripken habe ihn am Mittwoch
"sehr besorgt" angerufen. "Er sagte, bitte komm nicht", berichtete
Bei Ling telefonisch der dpa. Es würde sonst zu einer Konfrontation
kommen, die das Symposium und die Frankfurter Buchmesse schädigen
würde, gab er die Begründung Ripkens wieder. Sein Flug von Boston
nach Frankfurt war bereits gebucht. Erst vor einer Woche sei er
gebeten worden, seinen Beitrag über Zensur und Selbstzensur
vorzubereiten.
Wie die Journalistin Dai Qing sei er gebeten worden, lieber im
Oktober zu einer anderen Veranstaltung zur Buchmesse zu kommen. "Ich
kann bis Oktober warten, aber das heißt nicht, dass ich mit der
Entscheidung der Frankfurter Buchmesse übereinstimme", sagte Bei
Ling. "Hier geht es um Meinungsfreiheit." Immerhin habe die Buchmesse
ihre Tradition zu verteidigen, für Rede- und Publikationsfreiheit
einzutreten. "Diese Vorfälle jetzt sind kein guter Anfang."
In Frankfurt sagte Ripken hingegen, er habe ursprünglich mal über
eine Teilnahme von Bei Ling nachgedacht. Er habe ihm dann aber vor
mehreren Wochen bereits mitgeteilt, dass dies nicht gehe. Das
Symposium sei nicht als als Tagung mit "Dissidenten und Sinologen"
gedacht, sondern es gehe um den "Dialog" mit China mit
Wissenschaftlern und auch Diplomaten. Der Exilchinese beschrieb den
überraschenden Anruf Ripkens am Vortag ausführlich. Der Projektleiter
habe ihn über die "sehr schwierige Lage" informiert. Die Offiziellen
aus China und selbst der bekannte chinesische Schriftsteller Mo Yan
wollten nicht in einem Raum mit ihm sein, zitierte er Ripken.
Nach Ansicht des Generalsekretärs der Schriftstellervereinigung
PEN, Herbert Wiesner, ist China noch nicht reif für eine Ernennung
als Gastland der Frankfurter Buchmesse. Auf eine entsprechende Frage
sagte Wiesner am Donnerstag im rbb-Kulturradio: "Das hätte man bei
der Olympiade lernen können. Ich finde es etwas übereilt. China ist
in vieler Hinsicht sehr reif, aber in dieser offenbar nicht." Die
Achtung der Menschenrechte und auch der Eindruck, den es damit in
anderen Ländern mache, "scheint China völlig gleichgültig zu sein -
sie nehmen auch gar keine außenpolitische Rücksichten, das kennen sie
gar nicht". Man habe aus dem jetzigen Fall gelernt, meinte Wiesner,
dass China "uns in diese Situation der Erpressbarkeit versetzen
kann".
Bei Ling war 2000 in China wegen "illegaler Veröffentlichungen"
festgenommen worden und nach kurzer Haftzeit mit Hilfe der USA
freigelassen und ausgewiesen worden. Er lebt heute als amerikanischer
Staatsbürger in Boston, betätigt sich aber auch von Taiwan aus als
Verleger für exilchinesische Literatur. Auch die Ansichten der
Exilschriftsteller müssten in Frankfurt gehört werden, forderte er. (APA)