Die Schuldnerberatung NÖ erweitert ihre Dienste und geht auch verstärkt in die Schulen, um mit "Finanz Scouts" präventiv zu arbeiten
Immer mehr Menschen drohen ihre Schulden über den Kopf zu wachsen - und sie werden immer jünger: Wie aus Zahlen der Schuldnerberatung NÖ hervorgeht, haben im Jahr 2008 insgesamt 442 jugendliche Personen (18 bis 25 Jahre) mit den Beratungsstellen der Schuldnerberatung Kontakt aufgenommen. Dies entspricht einem Anteil von 14 Prozent bei den Erstkontakten, während der Anteil dieser Altersgruppe an den Beratungen insgesamt nur acht Prozent ausmachte.
Auffallend dabei ist, dass der Anteil der Frauen dabei mit 57 Prozent sehr hoch ist. Die Durchschnittsverschuldung dieser Altersgruppe betrug knapp 30.000 Euro, als Hauptursachen dafür wurden von den Mitarbeitern der Schuldnerberatung "Konsumverhalten" (32 Prozent) und "Einkommensverschlechterung" (24 Prozent) registriert.
Die weiteren Gründe sind dagegen bereits als marginal zu bezeichnen: "Haus-/Wohnungskauf/-ausstattung" und "Strafbare Handlungen/Sucht" (jeweils 9 Prozent), "Autokauf/-leasing" (6 Prozent), "Bürgschaft/Haftungen", "Scheidung/Trennung" und "Selbstständigkeit" (jeweils 4 Prozent), "hohe Lebenshaltungs-/Wohnkosten" sowie "Unfall/Krankheit/Todesfall" (3 Prozent).
"Gleichaltrige sind glaubwürdiger"
Damit die Zahlen in den nächsten Monaten und Jahren nicht ausufern, will die Politik nun tätig werden: Soziallandesrätin Karin Scheele (SPÖ) setzt auf verstärkte Präventionsarbeit in den Schulen. Gemeinsam mit der Konsumentenschutzabteilung der Arbeiterkammer NÖ wird die Beratungstätigkeit in den Höhere Schulen und Polytechnischen Lehrgängen ausgebaut - und es wird auch ein neuer Zugang gewählt: "Gleichaltrige sind glaubwürdiger, es sollen deshalb Schülerinnen und Schüler ab 14 Jahren zu Multiplikatoren - so genannten "Finanz Scouts" - ausgebildet werden, die dann ihrerseits wieder Präventionsarbeit machen können", erklärt Scheele.
Um die Präventionsarbeit von 20 auf 40 Wochenstunden verdoppeln zu können, werden die Förderungen für die Schuldnerberatung NÖ für 2010 um 110.000 Euro auf insgesamt 1,75 Millionen Euro aufgestockt. Drei Viertel davon übernimmt das Land, den Rest zahlt das AMS. Außerdem wird es ab kommendem Jahr nicht nur - wie bisher - in 14, sondern in allen 21 niederösterreichischen Bezirken möglich sein, die Dienste der Schuldnerberatung in Anspruch zu nehmen.
"Jungen Leuten wird das Schuldenmachen versüßt"
Die Initiative zur Ausbildung der "Finanz Scouts" muss von der jeweiligen Schule ausgehen. "Es ist ein Pilotprojekt, um zu sehen, ob das angenommen wird", so Scheele, der es bei der Prävention auch darum geht, dass die (jungen) Schuldner "aus der Stigmatisierung herauskommen. Es ist nicht nur individuelles falsches Verhalten, das in die Schuldenfalle führt, sondern es hat auch sehr viel mit Marktmechanismen zu tun. Manche Wirtschaftszweige verdienen sich eine goldene Nase dadurch, dass andere Leute auf Kreide kaufen. Den jungen Leuten wird das Schuldenmachen versüßt, später kommen sie da nicht mehr heraus."
Telefon-Beratungen stiegen um ein Drittel
Im ersten Halbjahr 2009 hat die Schuldnerberatung NÖ - über alle Altersgruppen gesehen - 4.246 Personen beraten, die Zahl der Neuanmeldungen stieg dabei gegenüber dem Vorjahr leicht um 36 Personen an. Rund 60 Prozent der Hilfesuchenden sind Männer.
Auffällig ist die Steigerung bei den Telefon-Beratungen um rund ein Drittel. Dies sei darauf zurückzuführen, dass mehr Menschen im ersten Halbjahr entweder ihren Job bereits verloren haben oder dass die Angst gestiegen ist, den Job zu verlieren und in der Folge finanziell nicht mehr das Auslangen finden zu können, so Scheele.
Hohe Durchschnitts-Verschuldung
Sehr hoch erscheint auch die durchschnittliche Verschuldung, sie beträgt etwas mehr als 76.000 Euro. Kommen viele also auch zu spät zur Schuldnerberatung? Manche schon, sagt Scheele zu den Zahlen. "Aufgrund der derzeitigen Wirtschaftssituation sind aber auch Menschen, die immer sehr seriös kalkuliert haben, plötzlich in der Bredouille, sobald sie den Arbeitsplatz verlieren." Viele Schuldner seien außerdem Häuslbauer mit Fremdwährungskrediten. (Martin Putschögl, derStandard.at, 9.9.2009)