Helsinki bemüht sich um das Image der weltoffenen Stadt - und das, obwohl die Finnen als besonders schweigsam gelten
Im Park Esplanade in Helsinki erzählt ein Straßenmusikant einen Witz. Er hat gerade mit seiner Band - vier Männer mit Schlapphüten und eine Frau im schwarzen Anzug - Aufstellung genommen, um sich und den Zuhörern den spätsommerlichen Abend mit jazzig angehauchter volkstümlicher Musik zu versüßen. Die Zuhörer lachen, eine Touristin wird von einer Möwe sekkiert, die gern an ihrem Stanitzel mit tropfendem Schokoeis naschen würde. Zu dritt wird das Tier verscheucht.
Und da soll noch einmal jemand behaupten, die Finnen seien so lustig wie der eisigste Winter bei Nacht. Die Finnen sind schweigsam und zurückhaltend, das schon. Wenn sie auftauen, dann aber ganz. Und wenn es nur beim Erzählen von selbstironischen Witzen über ihren Charakter ist: "Was unterscheidet einen extrovertierten von einem introvertierten Finnen? Der introvertierte schaut auf seine Schuhe, wenn man mit ihm spricht, der extrovertierte auf die Schuhspitzen." So weit, so selbstironisch.
Nie schlafen gehen
Es gibt natürlich Theorien, warum die Finnen so sind, wie sie eben sind. Die mit Abstand plausibelste: Das finnische Gemüt ist von Licht bestimmt. Im Winter ist es sehr lange sehr dunkel. Am Beginn des kurzen, aber beeindruckenden Sommers, machen die Weißen Nächte den Vitamin-D-Mangel der vergangenen Kälteperiode wieder ein wenig wett. Studenten singen auf den Straßen, die Cafés sind überfüllt, in den Pubs wird auf teure Alkoholika und Wirtschaftskrise gepfiffen.
In vielen Stadtteilen herrscht bis in den Spätsommer Picknickstimmung. Scheinbar jeder hat gute Laune, an Schlaf ist oft nicht zu denken. Und sogar dem nach einer Niederlage im Fußballspiel gegen die russische Nationalmannschaft frustrierten Finnen in der schrägen Moskau-Bar des international renommierten Filmregisseurs Aki Kaurismäki scheint ein Lächeln auszukommen. Freilich erst, nachdem er den Besucher streng betrachtet und "Russki?" fragt und dieser zur Beruhigung "No!" zur Antwort gibt.
Die Stadt würde sich gerne weltoffener denn je zeigen. Eine Vielzahl von Kultur- und Sportveranstaltungen soll Besucher deshalb sogar in jene Viertel locken, die architektonisch den Charme der stalinistischen Baukunst ausstrahlen. Derzeit läuft hier noch die FußballEuropameisterschaft der Frauen. Die Stadtbewohner lieben diesen Sport. Männer wie Frauen gehen in Fankleidung und mit Hupen ins Stadion und machen Radau. Sie freuen sich, dass Russland in der ewigen Ranglisten der Fußball-Frauen-Europameisterschaften hinter Finnland liegt, und die Damen hier sogar um den Einzug ins Halbfinale kämpfen.
Vor dem finnischen Nationalmuseum, das am Beginn des vorigen Jahrhunderts im Stil einer Burg gebaut wurde, weist Reiseleiter Jukka Sakari auf die Design Week hin, die bis 13. September unter dem Titel "On Touch" auch die großen Marken der Stadt präsentieren soll. Wenn es nach Bürgermeister Jussi Pajunen geht, den man manchmal auch joggend am Hafen sehen kann, soll die Stadt 2012 die Designmetropole Europas werden. Der vom International Council of Societies of Industrial Design verliehene Titel könnte Helsinki zum 200. Jahrestag als finnische Hauptstadt schmücken.
Ungewohnte Einblicke
Die Chancen werden allgemein als gut betrachtet, weil man versucht, Design als Instrument für die Stadtentwicklung zu nützen. Für den Besucher ist das vor allem in schicken, nicht ganz billigen Restaurants spürbar, wo eine Fischplatte schon 70 Euro und mehr kosten kann. Oder in Hotels wie KlausK in der Nähe des berühmten Kaufhauses Stockmann und des Hafens. Helles Holz und durchsichtiges Plastik machen hier die Räume lichter. Die Gestalter haben auch traditionell ungewohnte Einblicke geschaffen. Wer beim Frühstück sitzt, kann deshalb zum Beispiel dem Treiben in der Küche zuschauen.
Das Hotel wird wie viele andere auch von Eat & Joy beraten, drei engagierten Herren, die man als die Jamie Olivers Finnlands bezeichnen könnte. Sie versuchen den Nordländern Ideen zu geben, um auch in der traditionellen Küche gesundes Essen zu machen. Es muss ja nicht immer Rentier mit Pommes frites sein.
Zuletzt haben sie ein Lebensmittelgeschäft im Lasipalatsi-Gebäude im Zentrum Helsinkis eröffnet, das den schlichten Namen "Maatilatori" ("Bauernmarkt") trägt. Angeboten werden unter anderem Brot-, Käse und Joghurtprodukte, Wildkräuter und spezielle Biersorten.
Viele Touristen wissen noch nichts von den kulinarischen Genüssen des Landes. Daher wird nun auch ein Food-Sightseeing angeboten.
Die Tour beginnt mit einer Vorspeise in einem Restaurant und wird in mehreren Gängen in anderen Lokalen fortgeführt. Danach geht es in verschiedene Bars - eine Tour, die hier schon sehr lange dauern kann. (Peter Illetschko/DER STANDARD/Printausgabe/5.9.2009)