Ajmal Samadi erklärt, warum bei dem Luftangriff in Afghanistan so viele Zivilisten getroffen wurden
Ajmal Samadis NGO "Afghanistan Rights Monitoring" (ARM) ist eine der wenigen Menschenrechtsorganisationen in Afghanistan. In Interviews mit 15 Familien ziviler Opfer des Luftangriffes lieferte ARM erste unabhängige Angaben zur Anzahl der bei dem Luftschlag vergangene Woche getöteten Zivilisten und brachte somit Nato, ISAF und Bundeswehr in Erklärungsnotstand. Im Interview mit derStandard.at erzählt er von der Begegnung mit den Hinterbliebenen und erklärt, warum auch die Provinzregierung den Anschlag begrüßte.
Er fordert Nato und ISAF (International Security Assistance Force), auf, ihre Strategie in Afghanistan den sich schnell ändernden Bedingungen anzupassen und auch kulturelle Normen in ihre Überlegungen einzubeziehen.
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derStandard.at: Ihre NGO, Afghanistan Rights Monitoring (ARM), führte Anfang dieser Woche Interviews mit 15 Bewohnern des Dorfes, in dem der Nato-Luftangriff auf die beiden Tanklaster stattfand. Basierend auf diesen Gesprächen veröffentlichten Sie konkrete Zahlen der Zivilisten, die bei dem Angriff ums Leben kamen. Ihre Schätzungen lagen bei 60 bis 70 toten Zivilisten. Was haben die Bewohner genau erzählt?
Ajmal Samadi: Wir interviewten 15 betroffene Familien und sie erzählten uns, dass ihre Angehörigen bei dem Luftangriff ums Leben kamen. Uns wurde erzählt, dass die Taliban in die Häuser gekommen sind und die jungen Männer zwangen, ihnen zu helfen, die im sumpfigen Flussbett hängengebliebenden Laster wieder herauszuziehen. Einige Dorfbewohner versuchten in der Zwischenzeit, den Benzin, der aus einem Leck im Tanker auslief, abzuzapfen. Mit der Erlaubnis der Taliban. Die Leute erzählten uns auch, dass sie sehr überrascht von dem Luftangriff waren, vor allem deswegen weil es in der Region bisher keinerlei Kampftätigkeiten gab.
derStandard.at: Was hatten die Bewaffneten Ihrer Meinung nach mit den Tanklastern vor?
Ajmal Samadi: Es ist unklar, was diese Leute tatsächlich mit den entführten Tanklastern vorhatten. Vielleicht wollten sie das Benzin und die Wagen verkaufen, um Geld für ihre terroristischen Aktivitäten zu bekommen. Oder sie wollten die Laster für einen Großangriff auf afghanische und internationale militärische Ziele benutzen. Sie hätten das Benzin aber auch einfach für ihre eigenen Autos und Motorräder für verschiedenste Aktionen brauchen können. Die Tatsache, dass die Laster erst mal weg von der Hauptstadt gebracht haben legt allerdings nahe, dass noch keine genauen Angriffspläne existierten.
derStandard.at: Ein Sprecher der Provinzregierung sagte noch am Anfang der Woche, dass höchstens fünf Zivilisten bei dem Angriff ums Leben gekommen wären. Warum sollte er etwas Falsches behaupten?
Ajmal Samadi: Wie wir auch in unserem Bericht erwähnen: Die Schilderungen der Sprecher der Provinzregierungen sind natürlich auch politisch motiviert. Dieser Zwischenfall sollte als strategischer Sieg und Bestrafung der Taliban-Unterstützer im Char Dara District dargestellt werden. Der Provinzgouverneur ist der Meinung, dass ein Großteil der Menschen in seinem Distrikt mit den Taliban sympatisiert und deswegen eine Bestrafung verdient hat. Diese Einstellung ist natürlich absolut falsch. Die Taliban mögen Sympathisanten in der Zivilbevölkerung haben, die dürfen aber nicht Ziel von Bestrafungsaktionen durch die Regierung sein. Die afghanische Verfassung und internationale menschenrechtliche Standards garantieren das Recht, die politische Strömung zu unterstützen, die man will, solange man nicht in gewalttätige Aktionen verwickelt ist. Die Afghanen sind mehr und mehr frustiert über die zunehmende Korruption und die schlechte Regierung in ihrem Land. Da ist es nur logisch, dass viele sich um Alternativen umschauen. Dafür sollte niemand getötet werden.
derStandard.at: War der Luftangriff in Ihren Augen ein Notwendigkeit oder ein "Missverständnis"?
Ajmal Samadi: Ich denke, das war eine Kombination aus Leichtsinn, institutioneller Fahrlässigkeit und Feigheit. Leichtsinn seitens der US-Kommandanten, die allzu schnell dem Ruf der Bundeswehr nach Luftunterstützung folgten und blind das ausführten, worum ein Einzelner via Telefon bat. Feigheit seitens der deutschen Kräfte, die vollkommen panisch automatisch davon ausgingen, dass die Laster für einen Anschlag gegen sie benutzt werden könnten und gleich ein Bombardement anforderten. Die Deutschen hätten die Lage erstmal genauer sondieren und eine schnelle Einsatztruppe schicken sollen, um die Entführer auszuschalten und einen eventuell geplanten Angriff auf ihre Basis zu vereiteln. Instutionelle Fahrlässigkeit sehe ich in Teilen der Nato-Kommandozentrale, die kürzlich zwar eine neue taktische Direktive zum Thema erließ, es aber versäumte, diese auch effektiv zu implementieren.
derStandard.at: Ist die Nato-Strategie in Afghanistan eine falsche?
Ajmal Samadi: Die allgemeine Strategie der Nato ist in Ordnung, müsste allerdings den sich schnell verändernden Realitäten in Afghanistan angepasst werden. Damit meine ich taktische Veränderungen am Boden bezüglich Luftangriffen und Hausdurchsuchungen. Und wichtig wäre mehr Respekt für kulturelle Normen.
derStandard.at: Wie ist der Ruf der Bundeswehr in Afghanistan?
Ajmal Samadi: Die deutschen Einsatzkräfte sind Teil der Nato-Mission. Hier wird nicht großartig unterschieden. Manchmal wird aber der Eindruck geäußert, dass die Bundeswehr eigentlich nur ihre eigene Basis beschützt und nicht viel für den Schutz der Bevölkerung und die Verbesserung der Lebensumstände vor Ort tut.
derStandard.at: Der US-Militärexperte Anthony Cordesman hat den Deutschen fehlende Kampferfahrung attestiert. Sie wären gar nicht ausgebildet für eine direkte Konfrontation mit den Taliban.
Ajmal Samadi: Es ist naiv zu glauben, dass die deutschen Kräfte die gleichen Fähigkeiten wie die US-amerikanischen haben. Man kann von ISAF, einer Mischung aus verschiedensten Truppen, nicht erwarten, was man von den US-Truppen erwartet. Ich denke, dass ISAF eine institutionelle Reform bräuchte, um den Herausforderungen in Afghanistan wirklich gewachsen zu sein. Zum Beispiel könnten Deutsche und andere Europäer allgemein nur als Friedenstruppen in den städtischen Gebieten eingesetzt werden, während die USA und Großbritannien die Kampfaktivitäten in den ländlichen Gebieten übernehmen. (Manuela Honsig-Erlenburg, derStandard.at, 9.9.2009)
Zur Person: Ajmal Samadi ist Direktor der NGO "Afghanistan Rights Monitoring", einer unabhängigen Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Kabul.